Alpine Rennskier Messerscharf und pfeilschnell
Den Ski, den Slalom-Weltmeister Mario Matt bei Siegerehrungen in die Höhe reckt, würde der Österreicher nie im Rennen benutzen. Es ist ein Ritual bei Weltklassefahrern: Kurz nach der Zieldurchfahrt tauschen sie ihre kostbaren Arbeitswerkzeuge gegen Standardskier. Natürlich trägt auch das Modell für den Siegesjubel werbewirksam das Logo und die Grafiken der Rennskier, schließlich soll der Käufer sich auf der Piste wie ein Weltmeister fühlen. Er sollte nur nie versuchen, tatsächlich Matts Wettkampfbretter zu benutzen. Es würde böse enden.
Denn die Skier des Weltmeisters sind nicht zum gemütlichen Wedeln im Urlaub geeignet. "Im Rennlauf wirken ja ganz andere Kräfte auf den Läufer. Deswegen sind die Skier auch viel härter", erklärt Karin Weissenbach, die beim Skiproduzenten Fischer für das Marketing in Deutschland zuständig ist. Das Produktionsverfahren der Rennskier ist bei den meisten Firmen gleich: Der Belag, Gurte aus Titanal (eine extrem belastbare Aluminiumlegierung, die auch im Flugzeugbau benutzt wird), Holzkern und Topsheet (Oberseite) liegen in einer Art Sandwich übereinander. Mit Leim werden die verschiedenen Schichten verbunden und dann mit einer seitlichen Abdeckung (Seitenwange) zum fertigen Produkt zusammengepresst.
Der Unterschied zwischen handelsüblichem Ski und der Weltcupvariante besteht in den verbauten Komponenten. "Im Rennski steckt zum Beispiel ein stärkeres Titanal", sagt Weissenbach. Die große Stabilität, die der Ski damit erhält, gibt dem Rennfahrer enormen Halt in den Kurven. Um diese zu nutzen, brauchen die Athleten besonders kräftige Oberschenkel. Die Expertin erklärt: "Bei einem Rennski benötigt der Fahrer besonders viel Kraft, um den Ski durchzudrücken, damit optimaler Kantengriff gewährleistet ist." Einem nicht speziell trainierten Läufer würde der Ski unter dem Körper einfach wegfahren, so dass der Hobbysportler in Rücklage gerät und unkontrolliert losjagt. Eine Gefahr nicht nur für den Fahrer, sondern für alle, die auf derselben Piste unterwegs sind.
Kameragerechte Skilänge
Vergleichbar ist das Szenario mit dem Besitzer eines wohlerzogenen Zwergpudels, der die Leine einer äußerst schlecht gelaunten Bulldogge hält und unbedacht einen Ball wirft. Ein Hobbyfahrer, selbst wenn er jedes Jahr in den Skiurlaub fährt, würde einen Rennski nie beherrschen, sondern wäre nur hilfloser Passagier.
Das liegt auch an den teils ungewöhnlichen Längen. Abfahrtsskier messen oft 2,10 Meter oder mehr. Seit der Einführung der Carvingskier werden kaum noch solche Maße verkauft, weil ein Richtungswechsel damit sehr mühsam ist. Die Länge ist auch ein Grund für den Skiwechsel vor der Siegerehrung: Abfahrtsskier würden über den Kameraausschnitt hinausragen, von Slalomskiern sähe man nur die Spitzen. In beiden Fällen wäre das Herstellerlogo nicht richtig zu erkennen und der Marketingeffekt vertan.
Ein enormer Unterschied zwischen handelsüblichem Ski und der Weltcupvariante ist auch die spezielle Pflege. Top-Fahrer haben eigene Serviceleute, die nur für sie zu den Rennen mitreisen und das Material in Top-Zustand bringen. "Das geht schon im Sommer los, wenn die Skier aus der Presse kommen", sagt Daniel Gappmaier, Servicemann von Weltmeister Matt. "Die Skier sind dann noch nicht fahrbereit. Wir Serviceleute suchen uns die Paare aus und nehmen sie in unsere Werkstätten mit."
Gappmaier montiert die Bindung und bearbeitet jeden Millimeter der Laufflächen, Kanten und Seitenwangen der Skier. Danach beginnt er, den Belag zu wachsen und die Kanten zu schleifen. "Das macht man den ganzen Sommer als Vorbereitung, weil man 20, 30 Paar oder mehr hat", sagt Gappmeier.
In den verschiedenen Disziplinen werden unterschiedliche Schwerpunkte bei der Präparation der Skier gesetzt. In Abfahrt und Super-G tüfteln die Serviceleute viel an der Struktur des Belags, um den Ski noch schneller gleiten zu lassen. In Slalom und Riesenslalom fahren die Athleten fast permanent Kurven, so dass dem Schliff der Stahlkanten mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. "Im Slalom probiert man zwischen 85 und 87 Grad", erklärt Gappmaier. "Je spitzer der Winkel, desto schärfer und aggressiver. Damit verlierst du auf dem Weg nach unten aber auch schneller die Schärfe."
Verletzungen programmiert
Normale Skier haben eine rechtwinklige Kante (90 Grad). "Der Rennski ist viel schnittiger. Wenn man nur ganz leicht kantet, dann greift der Ski sofort, fährt eine Kurve mit dir und du hast ihn nicht mehr unter Kontrolle", sagt Gappmaier.
Für die Rennen wird dann noch stark fluoridhaltiges Wachs aufgetragen, mit dem die Skier extrem schnell gleiten. Handelsübliches Wachs enthält wenig oder kein wasserabweisendes Fluorid, weil es einerseits sehr teuer ist und andererseits seine Wirkung innerhalb weniger Kilometer verliert.
Bei einem Sturz mit für Rennen präparierten Skiern würde nicht einmal die Sicherheitsbindung auslösen. Weil die Athleten so große Kraft in den Beinen haben, sind Rennbindungen wesentlich härter eingestellt - auf Hobbyverhältnisse umgerechnet, für Fahrer mit 160 Kilogramm Gewicht. Dabei wiegt Matt nur 90 Kilogramm. Gappmeier erklärt: "Beim Sturz eines Hobbyfahrers würde diese Bindung nicht aufgehen." Schwere Verletzungen wären programmiert.