Bob-Legende Der Lange-Abschied
Bobpilot Lange: Erst Schädelfluten, dann Comeback?
Foto: PAWEL KOPCZYNSKI/ REUTERSWehmut ist ein Gefühl, das man André Lange nicht als erstes zuordnet. 98 Kilogramm schwer, 1,89 Meter groß - es ist ein Brocken von einem Kerl, der sich da tatsächlich gerade ein Tränchen wegdrückt. Nach 28 Jahren in den Eiskanälen dieser Welt hat André Lange jetzt genug davon, "den Berg runterzurutschen".
Zum Abschied hübschte Lange seine opulente Medaillensammlung noch mit Silber im Viererbob auf - nachdem er zuvor im Zweier noch einmal der Konkurrenz die Hinterkufen gezeigt hatte. So stehen am Ende eines langen Sportlerlebens fünf Olympiasiege, acht Welt- und acht Europameistertitel in seiner Siegesliste. Nur drei deutsche Wintersportler waren bei Olympischen Spielen erfolgreicher als er: Eisschnellläuferin Claudia Pechstein und die beiden Biathleten Ricco Groß und Sven Fischer.
Lange hat die deutsche Erfolgssportart Bobfahren noch einmal in eine neue Liga geführt. Auf ihn konnten sich die deutschen Sportfunktionäre immer verlassen, wenn sie ihre Medaillenwünsche vor Großereignissen festlegten. In seiner letzten Saison war der Sportsoldat aus dem thüringischen Suhl wochenlang von Verletzungen geplagt, er kam in diesem Winter einfach nicht recht in Fahrt - doch am Ende in Whistler stand er wieder als der große Triumphator da. Ausreichend Gelegenheit für ihn, anschließend das zu machen, was Lange so gern als "Schädelfluten" bezeichnet: "Ich werde jetzt erst mal nur Bier trinken."
Mal Bärchen, mal Schumacher
Lange hat in seiner Karriere zwei Spitznamen verpasst bekommen. Der eine lautet "Bärchen" - und wie er da jetzt steht und mit den Tränen kämpft, kann man verstehen, warum man ihn in seinen sportlichen Anfangsjahren so getauft hat. Den anderen Namen hat ihm der Vizepräsident des Bob-und Schlittenverbands BSD, Rainer Jacobus, verliehen. Lange sei der "Michael Schumacher des Bobsports", hat Jacobus gesagt - so akribisch, so erfolgsbesessen, so mit seinem Sport verheiratet. Ein Tüftler ebenso wie Schumacher, einer, der immer versucht, aus seinem Arbeitsgerät noch die paar Promille zusätzlich herauszuholen, die ihn besser machen als die Konkurrenz. Ein Siegertyp.
Deutscher Bob-Doppelsieg: Faschingsfahrt im Eiskanal
Der Bobsport verliert seinen Superstar. "So einen Sportler bekommt man so schnell nicht wieder", hat ihm BSD-Sportdirektor Thomas Schwaab noch nachgerufen. Die Nachfolger, ob sie nun Thomas Florschütz oder Karl Angerer heißen, bekommen jetzt ihre Chance aufzurücken. Gerade für Florschütz ist Langes Abgang Chance und Herausforderung zugleich. Er ist jetzt die Nummer eins im deutschen Bobsport und bekommt die Luft zum Atmen, die ihm der übermächtige Lange in den vergangenen Wintern regelmäßig nahm. Auch Florschütz ist ein Spitzenpilot - ob er die Mentalität Langes mitbringt, muss er aber noch zeigen.
Ganz aus dem Weg werden Florschütz und Co. dem 36-jährigen Medaillenschmied wohl ohnehin nicht gehen können. Zurzeit laufen Gespräche mit dem BSD, wie man den Erfolgssportler in die Trainerarbeit integrieren kann. Beim Bobverband geraten die Dinge nach diesen Winterspielen in Bewegung. Der Trainer-Guru Raimund Bethge, seit 19 Jahren im Dienst, nimmt im Sommer seinen Abschied. Die Zukunft von Frauentrainer Wolfgang Hoppe ist nach dem schlechten Abschneiden der Fahrerinnen nicht ganz sicher, die Nachfolgefrage für Bethge ist ebenfalls noch nicht geklärt. Gut möglich, dass André Lange hier irgendwo Platz findet.
Feuer brennt noch - bei der Wok-WM
Es sei denn, Lange überlegt es sich doch noch einmal anders und vollzieht den Rücktritt vom Rücktritt. Erst dann hätte er sich den Beinamen "Michael Schumacher des Bobsports" aufrichtig verdient. Sätze wie "Es ist nicht einfach aufzuhören. Ich werde diese Momente im Sport vermissen, weil es immer wieder total geil ist und etwas Besonderes", dürfen durchaus als Drohung an die Konkurrenz verstanden wissen. Das Feuer brennt noch.
Das aktive Fahrerfeld kann jedenfalls nicht sicher sein, Lange für immer los geworden zu sein. Im März ist er schließlich schon wieder im Eiskanal unterwegs: bei der Wok-WM von Stefan Raab. Wer Langes Ehrgeiz kennt, der weiß: Alles andere als ein Sieg wäre eine Überraschung.