Deutsche Kombinierer Das verschenkte Gold
Pragelato Plan - Die Siegerehrung liegt lange zurück, die Hymnen sind gespielt und erste Interviews gegeben, da verliert Georg Hettich den Kampf gegen sein Unterbewusstsein. Der Olympiasieger (Normalschanze und 15 Kilometer) sinniert gerade darüber, was denn für ihn am kommenden Dienstag im Sprint drin sein würde. Er erwarte nicht viel, sagt Hettich, "ich habe ja schon zwei Goldmedaillen." Dann korrigiert er sich. "Ich meine natürlich eine goldene und eine silberne."
Die deutschen Kombinierer hatten die Goldmedaille im Teamwettbewerb offenbar so fest eingeplant, dass die Realität in ganz versteckten Regionen ihrer Köpfe immer noch nicht angekommen ist. Hettich, 27, muss selbst ein bisschen darüber lachen.
In Pragelato Plan hat es nur zu Silber gereicht, wobei sich hinterher fast alle Verantwortlichen beeilten, die Realitäten ein wenig schöner zu reden. "Wir haben um Gold gekämpft und Silber gewonnen", sagt etwa Bundestrainer Hermann Weinbuch." Es sei lächerlich, sich jetzt über den zweiten Platz zu ärgern, erklärt Doppelweltmeister Ronny Ackermann. Und auch Hettich wiederholt wie eine Maschine, dass "wir uns über Silber sehr freuen".
Gefreut hatte sich auch Björn Kircheisen, allerdings zu früh. Der 22-Jährige, als erster des deutschen Teams auf die 5 Kilometer lange Strecke gegangen, sprach nach seiner hervorragenden Laufleistung schon vom Sieg, dabei war mit Hettich gerade erst der zweite Mann in der Spur. Silber habe er 2002 schon geholt, "jetzt will ich auch Gold", sagte Kircheisen gelöst. Er hatte dem zweitplatzierten Österreicher Michael Gruber 26 Sekunden abgenommen. In der Folge verfinstert sich jedoch seine Miene, am Schluss sitzt der beste deutsche Läufer mit hängendem Kopf auf einem Stuhl.
Weltmeister Ackermann enttäuscht
Was Kircheisen zuvor hatte mit ansehen müssen, war eine der großen Enttäuschungen dieser Olympischen Spiele. Mit zehn Sekunden Vorsprung gingen die deutschen Kombinierer in die Loipe, das erste Gold seit 1988 vor Augen. Nach Kircheisen war auch Hettich noch einmal um 11 Sekunden schneller gewesen als sein rot-weißer Verfolger Christoph Bieler. 47,0 Sekunden leuchten nach zehn Kilometern als Vorsprung auf der Anzeigetafel im Stadion, 1:18 Minuten gar sind es auf Finnland mit Schlussläufer Hannu Manninen. Um 17 Uhr 24 und 13 Sekunden geht Ackermann auf die Strecke.
"Unsere Taktik ist voll aufgegangen, die Österreicher waren heute stärker und hatten auch das bessere Material", sagt Weinbuch, "und Felix Gottwald hat einen überragenden Lauf hingelegt". Gottwald läuft tatsächlich herausragend, schon nach 1,6 der 5 Kilometer reduziert er den Rückstand auf seinen Dauerrivalen Ackermann um 11 Sekunden. Am Ende hat er dem Deutschen 27 Sekunden abgenommen - eine Welt im Langlauf. Anstatt der erhofften "30 bis 40 Sekunden Vorsprung" (Hettich) hinterlässt Ackermann ("Ich bin sehr zufrieden mit meinem Lauf, es waren sehr schwierige Bedingungen") Schlussläufer Jens Gaiser nur knapp 20 Sekunden. Eine Taktik, die aufgeht, sieht anders aus.
Denn insgeheim hatte sich Weinbuch sicher mehr von Ackermann erhofft. "Gottwald und Ronny sind etwa gleich starke Läufer", sagt der Bundestrainer. An diesem Tag trennte sie eine halbe Minute, auch wenn Ackermann seine eigene Taktik ebenfalls für die richtige hält. "Ich wollte die erste Runde normal laufen, um beim letzten Anstieg noch genug Kraft zu haben", sagt der 28-Jährige. Und die Begründung dafür, warum es trotzdem nicht reichte? "Gottwald hatte ein super Gerät am Fuß und einen super Lauf."
Schlussläufer Gaiser überfordert
Haben also bessere Ski und ein göttlicher Gottwald allein Österreich die Goldmedaille beschert? Nein. Dass es am Ende nicht zu Gold reichte, lag trotz aller gegenteiligen Beteuerungen auch an der Aufstellung. Weinbuch hatte schon vor den beiden Sprüngen auf Gaiser gesetzt, da der 27-Jährige von der Schanze stärker eingeschätzt wird als der gleichaltrige Sebastian Haseney. Eine zumindest fragliche Entscheidung. In einem teaminternen Ausscheidungsspringen setzte sich Gaiser auch gegen zwar Haseney durch, mit einem Vorsprung von 11 Metern.
Doch 11 Meter sind in der Loipe nur ungefähr 9 Sekunden, eine Zeit, die der Sechstplatzierte bei Hettichs-Olympiasieg am Samstag Gaiser auf der Strecke locker abgenommen hätte. Zudem überzeugte Gaiser auch in den Springen nicht und legte die jeweils kürzesten Sätze des deutschen Quartetts (125 und 121 Meter) vor. Haseney hatte sich am Samstag von Platz 28 nach dem Springen noch auf Platz 6 vorgekämpft - mit der besten Laufzeit des gesamten Feldes.
Gaiser hingegen ist mit der Rolle als Schlussläufer überfordert. Auf der Strecke ist er schon von Beginn an der Gejagte, der Österreicher Mario Stecher hat ihn nach zwei Kilometern bereits eingeholt und ruht sich in der Folge hinter dem Deutschen aus. Am letzten Anstieg attackiert er. "Als er angegriffen hat, habe ich es nicht mehr gepackt", sagt Gaiser. Im Ziel liegt er 15,3 Sekunden zurück. Er hat 36,1 Sekunden und Gold verloren. Spötter an der Strecke behaupten später, dass er in der Ausscheidung gegen Haseney fast 30 Meter weiter hätte springen müssen als der Team-Konkurrent, um seine Nominierung zu rechtfertigen.
Doch das geht zu weit. Denn ursprünglich war er als Schlussläufer gar nicht eingeplant. Eigentlich sollte Hettich als letztes in die Spur. Doch der Olympiasieger weigerte sich mit dem Hinweis, er sei "noch nicht so weit".