Deutsche Shorttracker Die Null muss weg
Shorttrack: Mit Macht gegen die Misere
Angeblich lassen sich ja im Sport allein durch Glauben an den Erfolg Berge versetzen. Wer sich von vornherein keine Chance gibt, braucht gar nicht anzutreten. Wer sich hingegen alles zutraut, kann auch viel erreichen. Und genau darauf hoffen nun die deutschen Shorttrack-Athleten. Null Medaillen, noch nicht mal eine Finalteilnahme - die kümmerliche, olympische Nullbilanz der rasanten Eisschnellläufer seit der Premiere 1992 sorgt dafür, dass der sechsköpfigen Mannschaft auch bei den Winterspielen in diesem Jahr nichts zugetraut wird. "Es regt mich auf, wenn es heißt, dass wir im Shorttrack sowieso wieder verlieren", sagt Olympiastarter Sebastian Praus SPIEGEL ONLINE. "Ich sehe das nämlich ganz anders."
Denn er glaubt an einen Erfolg und erfüllt damit die Vorgabe von Shorttrack-Bundestrainer Eric Bédard. "If you can dream it, you can do it", lautet die Devise des 33-jährigen Kanadiers, und seit er für die deutschen Kufensportler zuständig ist, leben die ganz nach den optimistischen Vorgaben des Olympiasiegers von 2002. "Wir haben eine komplett andere Einstellung als sonst", sagt Praus, der zum zweiten Mal bei Winterspielen im Shorttrack startet. Diesmal aber, verdeutlicht der 29-Jährige, gehe man die rauen Duelle auf dem Eis weitaus erwartungsvoller an. Denn dafür sprechen zum einen gute Ergebnisse aus der jüngsten Vergangenheit und zum anderen "das Wissen, wie man gewinnen kann. Man muss sich vom Kopf her darauf einstellen, vorne zu landen", erklärt Praus. "Wenn man dazu bereit ist, kann es klappen."
Natürlich können sich die deutschen Athleten bei weitem noch nicht mit den führenden Nationen Kanada, USA oder Südkorea (siehe Tabelle links) messen, "aber das macht nichts", sagt Bédard SPIEGEL ONLINE. Denn dem Kanadier ist es gelungen, durch kleine, aber regelmäßige Erfolgserlebnisse seiner Athleten ein Selbstbewusstsein zu entfachen, das in Vancouver gar eine große Überraschung ermöglicht. "Diese positive Einstellung musste uns wohl ein Nordamerikaner einbläuen", sagt Praus, "denn wenn die sich etwas in den Kopf setzen, tun sie alles dafür, dass es klappt."
Staffelgegner sind schon lange bekannt
Zwar muss auch der seit Mitte 2008 am Dresdner Bundesstützpunkt beschäftigte Bédard davon ausgehen, dass keiner der deutschen Starter in den Einzelrennen für einen Finaleinzug infrage kommt - eine Top-Ten-Platzierung wäre schon ein Erfolg. Doch das Männerteam, neben Praus bestehend aus Robert Becker, Paul Herrmann, Tyson Heung und Robert Seifert, sieht im 5000-Meter-Staffelwettbewerb realistische Chancen, das Semifinale zu überstehen. Vorläufe gibt es in der Staffelkonkurrenz nicht, daher konnte sich Bédard auch schon lange mit den Halbfinalgegnern Kanada, China und Großbritannien vertraut machen.
Zwei von vier kommen in den Endlauf, über die Briten sagt Bédard "we beat those guys", und mit dem chinesischen Quartett sieht er sich fast auf Augenhöhe. Erst eine Stunde vor dem Start am 17. Februar entscheidet der Kanadier, der seine Staffel bei der WM 2009 in Österreich auf Platz vier und bei der EM in Dresden vor wenigen Wochen auf Rang zwei führte, welcher der fünf Athleten in Vancouver zuschauen muss. "Qualifizieren wir uns dann für das Finale, ist alles möglich", kündigt Praus an.
Mit Blick auf die kommenden Jahre könnte sich eine Medaille für den Sport als "überlebensnotwendig" erweisen, sagt Praus. "Shorttrack braucht ganz dringend mal einen Erfolg. Damit wir öffentlich wenigstens ein bisschen wahrgenommen werden." Und Bédard benötigt ihn, um auch weitere vier Jahre für die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) arbeiten zu können. Bis zu den Winterspielen 2014 in Sotschi würde er gerne weitermachen, auch seine Athleten hätten nichts dagegen. "Unter ihm macht es richtig viel Spaß", sagt etwa Aika Klein, die einzige deutsche Frau bei den Shorttrack-Wettbewerben in Vancouver. Allerdings steht noch nicht fest, was der Verband vorhat - klar ist hingegen: Je erfolgreicher die Spiele verlaufen, umso besser ist es für Bédard.
"Wir haben leider viel verpasst"
Ob sich der Bundestrainer allein mit einer Weiterbeschäftigung zufrieden geben würde, ist wiederum eine andere Frage. Denn hin und wieder kommt er sich ziemlich allein gelassen vor. Neben dem Technik-, Taktik- und Krafttraining kümmert er sich auch um die Ausrüstungen der Sportler. Wenn er dann aber erfährt, dass geplante Wettkämpfe nicht bereist oder Trainingslager nicht bezogen werden können, weil dafür kein Budget vorhanden ist, wird ihm erst so richtig bewusst, welchen Stellenwert Shorttrack in Deutschland einnimmt. Nämlich so gut wie gar keinen. "Ohne Perspektive wird Eric nicht bleiben", vermutet Praus, der fest davon überzeugt ist, dass die deutschen Athleten heute schon deutlich besser wären, hätte der Verband nicht erst vor zwei Jahren auf einen Trainer gesetzt, der selbst mal erfolgreicher Shorttracker war und daher großes Know-How besitzt - der vorige Bundestrainer Jürgen Dennhardt kam aus dem Eishockey. "Wir haben leider viel verpasst", gibt Praus zu.
Womöglich wird der Sport durch die Spiele in Vancouver auch der DESG einen kleinen Aufschwung bescheren. Shorttrack boomt in Kanada und hat dort einen Stellenwert, der mit Biathlon in Deutschland vergleichbar ist. Seit einem Dreivierteljahr schon sind alle fünf Wettkampftage im 14.200 Zuschauer fassenden Pacific Coliseum ausverkauft. In der Summe macht das über 70.000 Zuschauer. Praus staunt und schwärmt: "Das wird ein wahnsinniges Erlebnis. Aber es hat auch eine negative Seite. Ich habe noch nicht mal für meine Familie Karten bekommen."