Fall Pechstein Doping-Experte kritisiert Sperre
Eisschnellläuferin Pechstein: Unschuldsvermutung verletzt?
Foto: ddpHamburg - Im Fall Claudia Pechstein hätte laut Dopingexperte Wilhelm Schänzer im Zweifel für die Angeklagte entschieden werden sollen. Der Chef des Kölner Anti-Doping-Labors kritisierte in einem Interview des "Kölner Stadtanzeigers" die Sperre für die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin wegen erhöhter Retikulozytenwerte.
Schänzer geht aber nicht so weit, dass die 38-Jährige vom Dopingvorwurf hätte freigesprochen werden müssen. "Diese Aussage treffe ich nicht, ich kann nur sagen: Wenn eine Erkrankung vorliegt, die zur Erhöhung der Retikulozyten führt, ist das ein Ergebnis, das man berücksichtigen muss, um bestimmte Veränderungen, die als Doping erscheinen, erklären zu können", so Schänzer. "Diese Daten scheint es zu geben, und nun wird es darum gehen, wie sie von internationalen Experten und Juristen bewertet werden."
Schänzer bekräftigte nach der Pressekonferenz der Gesellschaft für Hämatologie am Montag in Berlin, dass eine Suspendierung nur auf Grundlage erhöhter Retikulozyten wie bei Pechstein zumindest fragwürdig sei. "Die Retikulozyten können stark schwanken, gerade bei Frauen, die ja häufiger als Männer Blut verlieren. Deshalb ist mir dieser Wert allein zu unpräzise", sagte er. Am Montag hatten sich mehrere führende Hämatologen zugunsten der wegen Dopings gesperrten Pechstein ausgesprochen und ihre auffälligen Blutwerte mit einer angeborenen Krankheit begründet.
Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sage aber auch, dass jeder internationale Verband sein eigenes Verfahren anwenden kann, wie das im Fall von Pechstein der Eislauf-Weltverband Isu getan hat. Schänzer räumte die Möglichkeit ein, dass bei konsequenter Anwendung der Wada-Richtlinien die Causa Pechstein gar nicht als Dopingfall hätte gewertet werden können. "Das ist denkbar", sagte er und forderte, dass man "eine Harmonisierung anstreben sollte, also alle Verbände ihre Bewertungen unter gleichen Bedingungen vornehmen".
Zugleich sagte Schänzer, dass das Verfahren für den indirekten Beweis, wie es die Wada konzipiert hat, auf "einem sehr guten Weg" sei. Wichtig sei für ihn, "dass wir jetzt Hinweise haben, dass ein erhöhter Retikulozytenwert auch mit einer Blutanomalie zu erklären ist".