Generation Shorttrack: Gladiatoren auf dem Eis - DER SPIEGEL
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Generation Shorttrack Gladiatoren auf dem Eis

Shorttrack-Athleten sind Künstler. Wenn sich die Läufer steil in die Kurve legen, jubeln Fans über die gebotene Spannung und Action. Stürze sind programmiert. Schon bald könnte die Disziplin dem großen Bruder Eisschnelllauf den Rang ablaufen.
Von Tobias Moorstedt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben ist eine Steilkurve. Mutig krallen sich die Füße von Ahn Hyun-Soo in die glatte Oberfläche hinein. Flieh- und Erdanziehungskräfte zerren an seinem Körper und versuchen ihn aus der Bahn zu locken. Im Rücken das Schnaufen der Konkurrenz, das Scharren ihrer schnellen Schritte. Hynun-Soo legt sich weit hinein, stützt sich mit den Fingern auf der Rennbahn ab. Wer zuviel riskiert, der fliegt aus der Bahn. Und wer zu wenig riskiert, nun, der ist zu langsam und verliert.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass Ahn, 23 Jahre, 1,64 Meter groß, aus Südkorea, den sie daheim "Raketen-Mann" nennen, die olympischen Shorttrack-Wettbewerbe mit bereits zwei Goldmedaillen dominiert. Hyun-Soon hat die besten Trainingsmöglichkeiten. Auch ohne Eis. Denn wer sich schon einmal in ostasiatischen Metropolen wie Hongkong oder Seoul durch die Rush-Hour kämpfte, der weiß, dass dort das Leben wie ein Shorttrack-Rennen ist: schnell, erbarmungslos und überall sind Menschen hinter dir, die dich überholen wollen. Spitze Ellbogen werden benötigt, um sich durchzusetzen. Shorttrack ist seit 1992 olympisch und seitdem haben Sportler aus Südkorea in dieser Disziplin fünfzehn Goldmedaillen gewonnen.

Shorttrack ist eine spektakuläre Sportart. Bei den Olympischen Spielen 2006 begegnet die junge Disziplin dem großen Bruder Eisschnelllauf längst auf Augenhöhe. Die Shorttracker fahren im "Centro Palavela" vor mehr als 8000 Zuschauern. Die Arena ist an beinahe jedem Wettkampftag ausverkauft - im Gegensatz zum "Oval Lingotto", in dem die Eisschnellläufer ihre Rennen austragen.

Und eigentlich passt es auch ganz gut, dass die Shorttrack-Athleten sich die Eisfläche nicht mit den Schnellläufern, sondern mit den Eiskunstläufern teilen. Denn in beiden Disziplinen geht es nicht nur um die beste Wertung, sondern auch um eine gute Show. Die Bühne wird zur Arena. Und die Sportler zu Gladiatoren.

Lange Haare, Tätowierungen und Sonnenbrillen

Manchmal wirkt es so, als wäre Shorttrack von einem TV-Produzenten erfunden worden - eine reale und tiefgefrorene Version von Science-Fiction-Gameshows wie "Running Man". So sehr spricht das wilde Rennen, das manche auch "Rodeo auf Eis" nennen, die Zuschauerseele an. Bunte Farben, Geschwindigkeit und Gewalt - Shorttrack ist ein Mediensport.

Die Fahrer spielen ihre Rolle gut und tragen lange Haare, Tätowierungen und Sonnenbrillen. Wie etwa der Amerikaner Apollo Ohno, der mit Stirnband, Kinnbart und einer gelangweilten Pose eher aussieht wie ein Rockstar. Und das ist er auch. Ein Star, wie ihn das Eisschnelllaufen trotz Zickenkriegs und exzessiven Medaillensammlern wie Claudia Pechstein oder dem Norweger Jan Olav Koss nicht hervor gebracht hat. Ohno gilt als globale Ikone seines Sports. Er macht Werbung für Coca-Cola, McDonald's und General Electric. Das Magazin "People" wählte ihn "zu einem der 50 schönsten Menschen der Welt". In Turin aber ist Ohno von dem kleinen "Raketen-Mann" aus Südkorea zwei Mal abgehängt worden und gewann bislang nur eine Bronzemedaille.

Shorttrack entwickelte sich aus Eisschnelllauf-Wettbewerben mit Massenstarts, wie sie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vor allem in den USA und Kanada populär waren. Aber erst seit den Spielen 1988 in der Shorttrack-Hochburg Calgary gehört die Disziplin zum festen Olympia-Programm. "Das Fahren allein gegen die Uhr, ohne direkten Konkurrenten auf der Bahn ist eine europäische Tradition", sagte kürzlich Gerd Zimmermann, Präsident der Deutschen Eisschnelllaufgemeinschaft. Shorttrack werde jedoch mittlerweile in mehr Ländern betrieben als der Eisschnelllauf.

Moderner, urbaner und brutaler als Eisschnelllauf

In Asien und Amerika sind die Shorttrack-Wettkämpfe ähnliche Events wie die Sechstage-Rennen der Radprofis in Europa. Jedes Jahr findet zum Beispiel im Madison Square Garden in New York ein Weltcup statt: moderner, urbaner und brutaler als Eisschnelllauf. Pro Rennen gehen vier Shorttracker an den Start, von denen nur zwei die nächste Runde erreichen. Wie Roulettekugeln flitzen die Läufer durch die Bahn und nicht immer kommen alle im Ziel an - was unter anderem das Glück der deutschen Shorttrack-Frauen war. Beim letzten Weltcup in Den Haag stürzten die Amerikanerinnen. Südkoreas Läuferinnen wurden disqualifiziert. Übrig blieb die die deutsche Staffel, sie durfte nach Turin fahren, wo die Damen den sechsten Rang belegten. Survival of the fastest eben.

Dass Shorttrack auch die Kultur des Eisschnelllaufens beeinflusst, kann man in Turin am Beispiel des US-Athleten Shani Davis sehen. Der zweifache Medaillengewinner im Eisschnelllauf inszeniert sich als harter Kerl auf der Eisbahn. Bei der Siegerehrung hob er die rechte Faust in den Himmel, auf seinen Schlittschuhen züngelten goldene Flammen. Davis kommt aus Chicago, oder, wie er betont, "dem südlichen Teil der Stadt", den Projects, wo das Leben wie eine Steilkurve ist und einem nichts geschenkt wird. Kein Wunder, dass Davis letztes Jahr auf die Eisschnelllauf-WM verzichtete und stattdessen bei der Shorttrack-WM an den Start ging.

Das entspricht wohl eher seiner Definition vom Eislaufen: "Dort kann man fallen, sich verletzen. Dort kann man ein echter Junge sein." Mit 55 Stundenkilometern und bis zu 35 Grad Kurvenneigung flitzen die Shorttracker durch das 111 Meter lange Oval. Das gefällt einem wie Shani Davis. Auch wenn die vielen Stürze bei der letzten WM dem Sport eine veritable Sicherheitsdebatte beschert hatten. Nicht vollkommen zu Unrecht. Zwei Athleten brachen sich mehrere Halswirbel, einem Amerikaner wurde von einem Schlittschuh die Nase abgetrennt. "So ist Shorttrack", hat Superstar Apollo Ohno zu solchen Vorfällen nur zu sagen, "es ist riskant da draußen."