Georg Hackls Abschied: Ende Legende - DER SPIEGEL
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Georg Hackls Abschied Ende Legende

Die einen werfen ihm Arroganz vor, andere bewundern sein Selbstbewusstsein. Georg Hackl, der erfolgreichste Rodler aller Zeiten, hat am Wochenende seine Karriere beendet - ohne Medaille. Trotzdem wirkte der Einzelgänger im Moment seines Abschieds erleichtert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Cesana Pariol - Als die Zukunft schon Interviews gibt, hält die Vergangenheit noch ein bisschen den Moment fest. Georg Hackl posiert für Fotos, macht einen Diener vor den Fans, umarmt seine Betreuer und zieht sich ganz gemächlich um. Die Journalisten in der klirrenden Kälte lässt er warten. Währenddessen spricht David Möller salbungsvolle Worte in die pechschwarze Nacht von Cesana Pariol. Hackl sei wichtig für das Team gewesen, sagt Möller. Er ist 24 und das größte deutsche Talent. Kurz zuvor hat er den olympischen Rodelwettbewerb als Fünfter beendet. "Ich werde ihn schon vermissen." Es klingt wie ein Nachruf. Die Boxen im Zielbereich spielen "I feel good" von James Brown.

Zwanzig Meter entfernt steht Rudi Größwang und redet über ein paar Tränen. "Eine Ära geht zu Ende", sagt der kleine Mann mit den großen Augen und den grauen Haaren. Er hat Hackl seit dessen elften Lebensjahr begleitet und gesteht nun, dass "wir beide schon einige Tränen verdrückt haben". Es sei eine großartige Leistung seines Schützlings gewesen, überhaupt bei Olympia dabei gewesen zu sein. "Man muss das auch mal anerkennen." Und was bleibt von Hackl? "Er hat nie den Boden unter den Füßen verloren, ist immer Mensch geblieben", sagt Größwang. Er ist ein enger Freund - und gleichzeitig der Manager. Ein bisschen wird auch Größwang nun zur Vergangenheit.

Wenige Minuten zuvor hatte Georg Hackl, zum letzten Mal das Visier heruntergeklappt, sich an die Haltegriffe geklammert und in die Bahn von Cesana Pariol hinabgestürzt. Es war wieder kein perfekter Lauf, ein paar ganz kleine Fehler, am Ende fiel er hinter Möller und den dritten Deutschen, Jan Eichorn, zurück. Seine letzten Olympischen Spiele beendet er als Siebter. Das ist zuwenig für einen dreimaligen Goldmedaillengewinner, zuwenig für den weltweit erfolgreichsten Rodler aller Zeiten. Aber es ist durchaus beachtlich für einen 39-Jährigen, der kurz vor Beginn der Spiele noch eine Grippe auskurieren musste.

Mittlerweile lächelt der Russe Albert Demtschenko in der Interviewzone in die Kameras, er ist Zweiter geworden und viel später im Ziel gewesen als der Deutsche. Als Demtschenko die Absperrungen passiert hat, schreiten auch der Dritte Martins Rubenis und Sieger Armin Zöggeler die Mikrofone ab. Ein paar Anhänger in roten Jacken tanzen auf der halbleeren Tribüne um den Titel "beste Fans". Hackl ist immer noch nicht da.

Der positiv Besessene

"Wenn er keine Medaille holt, werden wieder alle sagen, er hätte nicht rechtzeitig den Absprung geschafft", prophezeite eine, die ihn schon lange kennt, vor dem letzten Lauf. Aber was sollte er tun? Er war immer der Beste, seit Jahrzehnten gab es - mit Ausnahme des DDR-Rodlers Jens Müller, der Hackl 1988 in Calgary besiegte und den Westdeutschen auf Platz 2 verwies -, niemanden im Land, der dem Schnauzbart in der Eisbahn das Wasser reichen konnte. So was prägt. "Er hat morgens schon beim Frühstück immer gesagt, den oder den Gegner pack' ich heute", sagt Rudi Größwang. "Er kann einfach keine Ruhe geben." Hat er sich verändert? "Er sagt nur noch zu den Themen seine Meinung, von denen er auch was versteht."

Dabei gibt es durchaus Kollegen, die das anders sehen. "Ob es Medizinvorträge im Mannschaftskreis sind oder Abhandlungen zur Trainingsmethodik, Hackl hat zu allem eine Meinung", heißt es aus der Mannschaft. Manchmal komme es sogar vor, dass Hackl Empfehlungen für die Kindererziehung gebe - "dabei hat er nicht mal welche". Hackl gilt nicht als beliebtester Sportler im deutschen Team, eher als Einzelgänger und positiv Besessener. Aber genau deshalb war er wohl auch so erfolgreich. Nach Cesana hat sich Hackl extra eine ganz spezielle Ausrüstung mitgebracht: Touringski. Vor den Kraft- und Schnellkraftübungen in der Halle machte er mit den kurzen Brettern noch Ausdauertraining - allein natürlich.

Ein Raunen geht durch die Nacht, Kameralichter leuchten auf, Menschen in dicken Anoraks erwachen aus ihrer Kältestarre. Ein kleiner Mann mit kräftigen Oberschenkeln, rotem Stirnband und Lächeln im Gesicht ist erschienen. Er wirkt unschlüssig, in welches Objektiv er schauen soll, dann entscheidet sich Georg Hackl für das des ZDF. Niemand hatte mehr mit ihm gerechnet, nun hat er sie doch noch überrascht - Hackl, der Unberechenbare.

"Es kann sein, dass er ein Kind anschnauzt, das nur um ein Autogramm bittet", sagt eine Vertraute. Hackl sei extrem stimmungsabhängig. "Es kann nämlich genauso gut vorkommen, dass er dem gleichen Kind nicht nur seine Unterschrift gibt, sondern es gleich noch auf die Sommerrodelbahn einlädt oder eine Karte schreibt." Genauso oft passiert es, dass er kritische Journalisten abbügelt. Die können sich aber fast immer darauf verlassen, dass ein paar Tage später alles nicht mehr so schlimm ist. In dieser Nacht ist alles gut.

Letzter großer Titel im Wok

"Ich bin froh und auch ein bisschen erleichtert", sagt Hackl. Seine Augen sind groß und wach, kein Pathos hat sich über seine Stimme gelegt. Dann spricht er darüber, dass es schon "ein großer Erfolg gewesen sei, dabei gewesen zu sein" und dass er sich demnächst anderen Dingen widmen wolle. "Ich bin nämlich EDV-Neandertaler, mit Computern kann ich noch nicht", sagt er. Kein bisschen Wehmut über den Abschied? "Die kommt langsam."

Seinen letzten Triumph hatte Hackl vor einigen Tagen neben der Strecke gefeiert. Es begann am Mittwoch, als er sich über eine Anweisung hinwegsetzte. Der Rodler zog sich in der Umkleidekabine um, die eigentlich den gastgebenden Italienern vorbehalten waren. "Aber die anderen beiden waren zu klein, eine auch noch zu weit weg", sagt Hackl. Die Folge: Am Rennwochenende durften sich auch die nicht-italienischen Kollegen in dem Raum umkleiden. Vielleicht wird er jetzt ja sogar in die IOC-Athletenkommission gewählt. Hackl hat sich jedenfalls zur Wahl gestellt.

Hackls Handy klingelt. Es geht wohl um die Pressekonferenz, die gleich ansteht. Oder um seinen Auftritt im ARD-Studio im Deutschen Haus in Sestriere in der Nacht. Mit Harald Schmidt und Waldemar Hartmann. Es kann ganz schön stressig sein, Abschied von Olympia zu nehmen und ein neues Leben zu beginnen. Hackl wird ab April ein Studium an der Sporthochschule in Köln absolvieren. Vier Semester, zwei Jahre, danach wird er irgendwann Trainer sein. Er würde aber auch gern im Internationalen Rodelverband arbeiten. "Das könnte ich mir als sehr fruchtbare Arbeit vorstellen", sagt er. Besonders freue er sich aber auf die Titelverteidigung bei der Wok-WM im März. Es war sein letzter großer Titel.

Vielleicht ist es eine Ironie, dass im Rodeln der gewinnt, für den es am schnellsten bergab geht. Georg Hackl, der Besessene, hat sich am Ende der Karriere ein bisschen mehr Zeit dafür gelassen. Aber genau das ist es ja, was das Altern so angenehm macht.