Hackl-Interview: "Einzigartiger, ungeschlagener Hero" - DER SPIEGEL
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Hackl-Interview "Einzigartiger, ungeschlagener Hero"

Er rodelt und rodelt und rodelt. Auch mit 37 Jahren ist das Karriereende von Georg Hackl nicht in Sicht. Bei der WM am kommenden Wochenende in Nagano gehört der dreifache Olympiasieger wieder zu den Favoriten. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Rücktrittsgedanken, Schmerztherapie und neue Herausforderungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hackl, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Warum sind Sie nicht auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere abgetreten?

Georg Hackl: Man weiß doch nie, was noch kommt. Mein erster Olympiasieg 1992 war ein genialer Höhepunkt. Stellen Sie sich vor, ich hätte da schon aufgehört, das wäre doch traurig gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Wir dachten auch eher an 1998, als Sie zum dritten Mal Olympia-Gold gewannen und zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt wurden.

Hackl: Ich mache diese Sache nicht, um irgendwelche Titel oder Medaillen zu sammeln, sondern weil Rodeln mein Leben und meine Erfüllung ist.

SPIEGEL ONLINE: 2002 in Salt Lake City reagierten Sie auf den knapp verpassten Rekord, zum vierten Mal in Folge Olympia-Gold zu gewinnen, mit dem Ausspruch: "Fuck the history!" Entspricht das Ihrer generellen Einstellung zum Sport?

Hackl: Dieser Ausspruch passte spontan ganz gut, weil wir in den USA waren und die Amis das F-Wort wahnsinnig gerne verwenden. Für mich ist Rodeln nicht unmittelbar an irgendwelche Titel gekoppelt. Klar ist der Erfolg das Ziel. Aber zu sagen, ich hatte Erfolg und jetzt tschüss, das tue ich nicht. Dazu bin ich zu sehr mit der Materie verwachsen und zu neugierig, was ich noch erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel mit dem 34. Weltcup-Sieg im Einer alleiniger Rekordhalter zu werden?

Hackl: Wenn es mir nicht irgendjemand gesagt hätte, dann wüsste ich gar nicht, wie viele Weltcup-Erfolge ich habe.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dann Ihre Motivation? Die sechste Olympia-Teilnahme 2006 in Turin?

Hackl: Das ist das Fernziel. In anderen Sportarten ist schon eine WM oder ein Grand Prix von der Aufmachung her außergewöhnlich. Aber für die Randsportart Rodeln ist Olympia etwas ganz Großartiges, das Großartigste.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Weg dahin mussten Sie in dieser Saison viele negative Schlagzeilen über sich lesen. "Schorsch, warum tust Du Dir das noch an?", fragte "Bild am Sonntag" noch Anfang des Jahres. Haben Sie nie an sich gezweifelt?

Hackl: Man muss sich zwar immer wieder selbstkritisch hinterfragen. Aber in den Medien geht es immer bergauf, bergab. Dieses Spiel kenne ich schon seit 15 Jahren. Früher hätte mich diese Überschrift gekränkt. Aber man muss den Journalisten das Recht einräumen, auch Misserfolge zu kommentieren. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Nach ein paar Wochen dreht sich das ja wieder um.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen Ihren Rücktritt nicht von Platzierungen abhängig machen. Wovon denn dann?

Hackl: Ich muss selbst einschätzen, ob ich noch das Leistungspotenzial habe, vorn mitzufahren, oder ob es mir gänzlich fehlt. Wenn ich merke, es ist das Ende der Fahnenstange erreicht, jetzt geht nichts mehr, dann werde ich wohl sagen müssen: Das war's jetzt. Bisher hatte ich aber immer den Glauben an mich und habe weiter gemacht. In den vergangenen Wochen habe ich bewiesen, dass ich noch das Potenzial habe.

SPIEGEL ONLINE: Aber um Ihre Gesundheit ist es nicht zum Besten bestellt. Schon 1996 hatten Sie einen Bandscheibenvorfall, außerdem leiden Sie unter Arthrose.

Hackl: Das wird immer so heroisch gesehen: Ich quäle mich für meinen Sport. Doch ein Maurer in meinem Alter oder ein anderer körperlich arbeitender Mensch hat genau das gleiche Leid. Ich kenne in meinem Umfeld so viele, die schlimmere Beschwerden haben - vom ganz normalen Job. Ich als Sportler habe aber die Möglichkeit, mein Trainingsprogramm genau darauf abzustimmen, dass ich meine Wehwehchen in den Griff bekomme. Dass ich zum Beispiel Stabilisierungsübungen einbaue. Ein berufstätiger Mensch muss das in der Freizeit machen. Ich habe Zugang zu den besten Ärzten und Physiotherapeuten. Das ist ein Riesenvorteil. Allein schon um mir den Zugang zu diesen Möglichkeiten nicht zu verbauen, möchte ich gar nicht aufhören. Den Bandscheibenvorfall habe ich ja so oder so. Wenn ich aufhöre mit dem Rodeln, wird der ja nicht wieder gut. Am besten kann ich den als Sportler pflegen. So müssen Sie das betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor dem Karriereende?

Hackl: Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, wenn ich daran denke. Ich werde zwar im Sport bleiben. Als Trainer kann ich mich nebenher auch ganz gut um meine körperliche Verfassung kümmern. Ich kann mich weiter Schlittenbau und Materialentwicklung widmen. Aber das ist dann für andere, für meine Sportler, nicht mehr für mich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Was ist am Rodeln so faszinierend?

Hackl: Es ist ein Vergnügen, wenn ich weiß, dass der Schlitten genau das macht, was ich von ihm will. In dieser Saison hatte ich von Anfang an Probleme, die Abstimmung hinzubekommen, weil ich mich in der Materialgeschichte etwas verfahren hatte. Deshalb kam ich ziemlich angefressen von meiner Nordamerika-Tournee nach Hause. Noch am selben Tag, am 22. Dezember, habe ich eine neue Schiene gemacht. Ich bin um 15 Uhr daheim gewesen, um 19 Uhr waren dann die Parameter für die Schiene umgesetzt. Mit dieser bin ich jetzt am Königssee den Wettkampf gefahren. Ich bin überzeugt, dass es mit den Kufen, die ich vorher hatte, nicht so gut gelaufen wäre. Das ist dann schon toll, wenn man weiß, man hat wieder einen Durchbruch geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Ihre anfänglichen Probleme damit zu tun, dass Porsche Sie nicht mehr unterstützt?

Hackl: Es würde zu weit führen, das jetzt alles schlüssig zu erklären. Nur soviel: Porsche hatte mir vor Olympia 2002 bei einem spezifischen Problem geholfen und es super gelöst. Aber der Schlitten ist jetzt nicht mehr einsetzbar, da der Verband die Regeln geändert hat. Daraufhin habe ich gemeinsam mit Porsche versucht, ein neues Setup zu konstruieren. Doch da ständig an den Regeln herum geändert wird, wissen wir gar nicht in welche Richtung wir arbeiten sollen. Deshalb haben wir die Zusammenarbeit erstmal eingefroren

SPIEGEL ONLINE: Also machen Sie es, wie beschrieben, wieder alleine.

Hackl: Die Kufenoptimierung ja sowieso. Das ist ja wieder ganz etwas anderes.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass Sie nur unter bestimmten Bedingungen schnell fahren können. Was bedeutet das?

Hackl: Wenn es so ist wie im vergangenen Herbst, als in Sigulda und Altenberg 15 Grad Celsius und hohe Luftfeuchtigkeit herrschten, dann fährt mein Schlitten nicht schnell. Ich versuche zwar seit Jahrzehnten das hinzukriegen, dass er auch bei Wärme schnell ist, aber das mag er nicht. Da muss es richtig Winter sein, wir sind ja eigentlich auch ein Wintersport, dann geht es auch besser.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn in Nagano schnell genug fahren, um Weltmeister zu werden?

Hackl: Mein Gott, das werde ich jeden Tag mehrmals gefragt. Ich weiß es selbst nicht. Ich war in Nagano damals gut (Hackl wurde 1998 dort Olympiasieger), aber den Schlitten, den ich damals eingesetzt habe, der ist nicht mehr regelkonform. Man muss abwarten, wie der jetzige Schlitten fährt. Das Wetter ändert sich dort übrigens stündlich.

SPIEGEL ONLINE: Die Bahn zumindest liegt Ihnen.

Hackl: In Nagano ist der Start schön steil. Das ist gut für mich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nicht Erster werden, würden Sie lieber gegen den italienischen Olympiasieger Armin Zöggeler oder den jungen Deutschen David Möller verlieren?

Hackl: (lacht) Schauen wir mal, ob ich überhaupt unter die ersten fünf, sechs komme. Wer dann noch vor mir ist, ist mir ganz wurscht.

SPIEGEL ONLINE: Es würde Ihnen nichts ausmachen, Ihre Vormachtstellung im deutschen Team zu verlieren?

Hackl: Das wäre doch ganz natürlich. Es hat ja lang genug gedauert, dass da einer kommt, der das Zeug dazu hat. David und ich kommen auch ganz gut miteinander klar. Das ist überhaupt kein Problem. Ich hätte ja auch sagen könnten: Ich trete als einzigartiger, ungeschlagener Hero ab. Aber ich drücke mich nicht vor der Herausforderung.

Das Interview führte Till Schwertfeger