Olympische Winterspiele Das Feuer ist erloschen
Olympische Winterspiele: Das Feuer ist erloschen
Foto: How Hwee Young/ dpaDer Donnerstag war ein schöner Tag in Sotschi. Die Frühlingssonne schien auf den Olympiapark, die Menschen genehmigten sich ihr Bier und ließen sich mit den Maskottchen fotografieren. Im Eisbergpalast tanzten die Eiskunstläuferinnen voller Anmut und Grazie. Begleitet wurden sie von der einhüllenden Musik von Tschaikowsky und Grieg.
Am selben Tag, an dem in Sotschi Tschaikowsky und Grieg gespielt wurde, wurden in Kiew fast 100 Menschen getötet. Ihre Leichen lagen auf der Straße oder wurden in einer Hotellobby aufgebahrt. Die Grenze zur Ukraine liegt nicht einmal 600 Kilometer von Sotschi entfernt. Für die Maßstäbe des russischen Riesenreiches ist das vor der Haustür.
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Unbekümmert waren diese Spiele, die am Sonntag zu Ende gegangen sind, von Anfang an nicht. Belastet von der Hypothek, die ihnen mit der Vergabe in den südrussischen Badeort mitgegeben worden war: die Enteignungen von Anwohnern, die Betonierung einer ganzen Landschaft, die Verhaftung und Verurteilung von Oppositionellen, die gigantischen Kosten, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellten. Es wäre schon ein olympisches Wunder gewesen, wenn dies heitere Spiele geworden wären.
Es gab sie trotzdem, die großen olympischen Momente
Es gab immer wieder Momente, in denen der Sport mit seiner gewaltigen Kraft es schaffte, sich aus dieser Umklammerung zu lösen. Der letzte Auftritt des Eiszaren Jewgenij Pljuschtschenko, das Ausscheiden der hochfavorisierten Sbornaja im Eishockey, der Triumph des jungen deutschen Skisprung-Teams, der Einsatz, mit dem sich Snowboarderin Amelie Kober trotz einer Schiene am Ellbogen zu Bronze kämpfte. Sie waren da, die großen olympischen Augenblicke.
Aber das Unbehagen konnten sie nicht vertreiben, die Leichtigkeit, sie fehlte diesen Tagen von Sotschi. Mit Kiew war sie dann unwiederbringlich dahin. Während im Olympiapark das olympische Feuer brannte, stieg über dem Maidan der Rauch auf. Und eine harmlose Überschrift wie "Russland trauert um seine Eishockey-Helden" erschien plötzlich als Zynismus.
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Der olympische Frieden ist eine Illusion. Natürlich ist er das. Es mag ihn in der Antike einmal gegeben haben. Während der Sommerspiele 1992 von Barcelona bereiteten die Serben auf dem Balkan ihre ethnischen Säuberungen vor, parallel zu den Winterspielen in Lake Placid 1980 ging der sowjetische Vormarsch in Afghanistan voran, von den Nazispielen 1936 nicht zu reden. Aber dass in der Nachbarschaft Olympischer Spiele viele Menschen auf grausame Weise getötet wurden, das gab es noch nicht.
Das Internationale Olympische Komitee hat während der dramatischen Ereignisse von Kiew versucht, den Anschein von Normalität zu wahren. Business as usual. Das ist wenig überraschend, anderes scheint man von einem IOC nicht erwarten zu können, bei dem es angesichts des Regulariums schon so extrem kompliziert erscheint, eine kleine ohnmächtige Geste wie das Tragen eines Trauerflors zu erlauben. IOC-Sprecher Mark Adams hat gesagt, "hier sind 2800 Athleten versammelt. Sie können sich vorstellen, dass einige davon mit politischen, andere mit persönlichen Tragödien zu kämpfen haben". Immerhin fügte er noch ein "leider" ein.
Bogdana Matsotska hat das alles irgendwann nicht mehr ertragen. Die ukrainische Skifahrerin ist an jenem Donnerstag aus Sotschi abgereist, obwohl ihre Spezialdisziplin, der Slalom, erst am Freitag auf dem olympischen Programm stand. Angesichts der Gewalt in ihrer Heimat konnte und wollte sie nicht mehr Normalität vorspielen, wo keine Normalität ist. Die Olympischen Winterspiele von Sotschi haben bis zuletzt ihr Gesicht gesucht. Sie haben es mit Bogdana Matsotska gefunden.