Mariama Jamanka über Weltcup-Premiere im Monobob: »Ergibt sportlich keinen Sinn« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Streit über Gleichberechtigungsprojekt Warum viele Frauen die neue Disziplin Monobob kritisch sehen

Der Monobob sollte ihnen Gleichstellung mit den Männern bringen – doch Pilotinnen wie Mariama Jamanka empfinden ihn als Rückschritt. Was steckt dahinter?
Foto:

GEPA pictures/ Simona Donko / imago images/GEPA pictures

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es rumpelte und polterte im Eiskanal, als der hammerförmige Bob die Bahn hinunter schlitterte. Links wie rechts, jedes Mal, wenn sich die Kufen querstellten und der Schlitten von Mariama Jamanka die Wände streifte. Platz acht am Ende für die Olympiasiegerin – bei neun Starterinnen. Fahrerisch ein kleines Desaster. Sie hatte es schon kommen sehen.

Der Monobob ist seit diesem Wochenende in Innsbruck neu im Weltcupprogramm der Frauen. Er bietet den weltbesten Fahrerinnen eine Chance mehr auf Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Darüber zu freuen scheint sich aber niemand so richtig. Frostig statt fröhlich fällt bei vielen die Reaktion aus. »Unsere Vorbehalte haben sich bestätigt«, sagt Jamanka.

Was die 30 Jahre alte Berlinerin und Olympiasiegerin im Zweierbob von Pyeongchang 2018 meint: »Eine Disziplin innerhalb eines Olympiazyklus komplett neu aus dem Boden zu stampfen, das ergibt sportlich keinen Sinn.« Der Weltcup kam, weil das Internationale Olympische Komitee sich den Sport für die Spiele 2022 wünschte. »Wir haben jetzt eineinhalb Jahre mit den Geräten. Ich denke nicht, dass damit in Peking eine hohe Qualität an den Start geht.«

Mariama Jamanka im November 2020 in Sigulda

Mariama Jamanka im November 2020 in Sigulda

Foto: Roman Koksarov / AP

Jamanka hat in ihrer sportlichen Laufbahn schon viel ausprobiert. Erst Ballett, später Reiten, Cheerleading und Hammerwurf, ehe es zum Bobsport ging. Bobfahren, sagt sie, sei ein bisschen wie Achterbahn fahren, und immer noch aufregend nach all den Jahren, 2013 war sie das erste Mal in einen Schlitten gesprungen. Sie ist von Berlin ins thüringische Oberhof gezogen, obwohl sie Kälte eigentlich nicht mag. Aber Jamanka eignet sich Neues eben schnell und gern an. Nur eben nicht so schnell.

Die Fahrerinnen hatten die Monobobs erst vergangene Woche bekommen. Bundestrainer René Spies verteilte sie mit »null Erwartungen«. Vor der Weltcuppremiere reichte es gerade so für drei Trainingsläufe. »Normalerweise braucht es Jahre, um sich mit einem Gerät zurechtzufinden«, sagt Jamanka. »Es sind viele kleine Handgriffe, die man einstudiert. Man muss auch das Gerät kennenlernen. Welche Stärken und Schwächen hat es? Welche Linie muss ich fahren, wie doll an den Seilen ziehen? Das braucht alles Zeit.« Aktuell sei es so, dass sie beim Fahren eine Vorstellung im Kopf habe – die aber mit dem, was in der Bahn dann auch passiert, nicht so viel zu tun habe.

Der Monobob – für Anfänger konzipiert

Die Monobobs sind kürzer als die Zweier. Die Fahrerinnen schieben von hinten und springen dann vorwärts in den Schlitten. Das ist ungewohnt – normalerweise schiebt und springt Jamanka als Pilotin von der Seite. Dazu sei das Gerät deutlich langsamer, erklärt sie. »Etwa 9 km/h, weil das Gewicht fehlt. Das ist, als würde man einen Formel-1-Piloten in ein Gokart setzen.« Sie ist am Start ohnehin nicht die Schnellste. »Ich denke nicht, dass mir die Disziplin besonders liegt.«

Schieben, springen, steuern, bremsen – alles müssen die Pilotinnen nun allein machen. Der Monobob, erklärt Jamanka, sei ursprünglich für Anfänger konzipiert worden, um ihnen das Bobfahren beizubringen. Dass diese Disziplin nun olympisch wird, betrachteten einige der Frauen als Rückschritt: Sie hätten viel lieber den anspruchsvollen, schnellen Viererbob gehabt, den auch die Männer fahren. Die ursprüngliche Idee sei es gewesen, den Frauen gleichberechtigt zu den Männern zwei Medaillenchancen bei Olympischen Spielen zu geben. Jamanka sagt nun aber: »Das ist keine gleichwertige Disziplin.«

Der Monobob in der Bahn

Der Monobob in der Bahn

Foto: GEPA pictures/ Simona Donko / imago images/GEPA pictures

Und was noch dazu kommt: »Die Idee war ja ursprünglich, mehr Athletinnen in den Sport zu bekommen. Weil der Monobob für Anfänger taugt, nicht so kostspielig und damit leichter zugänglich ist. Aber jetzt sollen alle Pilotinnen im Einer und Zweier starten. Das führt das Ganze ad absurdum. Es bekommen nicht mehr Frauen die Chance auf Medaillen, sondern die gleichen.« Der Monobob muss künftig bei Olympia gefahren werden, um auch im Zweier starten zu dürfen: alles oder nichts sozusagen.

Das sei auch dem Team gegenüber ungerecht, sagt Jamanka. »Das Team muss mir immer noch helfen, den Bob an den Start zu bekommen und aus dem Ziel wieder von der Bahn zu hieven. Aber die Medaille bekomme ich dann allein.« Bobsport sei ein Teamsport, sagt sie. Nun aber ist sie, wie damals in der Leichtathletik, auf dem Eis eine Einzelkämpferin. »Es fühlt sich seltsam an, da oben allein zu stehen.«

Für die nächsten Wochen habe sie keine Ansprüche, wolle erst mal nur gucken und ausprobieren. Mittelfristig will sie auch im Monobob konkurrenzfähig werden – aber dabei ihre eigentliche Disziplin, den Zweier, nicht vernachlässigen. Um Weihnachten und Neujahr stehen deshalb daheim im Thüringer Wald Athletik und Läufe in beiden Disziplinen auf dem Programm. Der Weltverband hat inklusive Weltmeisterschaft für diesen Winter noch sieben weitere Rennen mit dem Monobob angesetzt.