Negative Dopingtests Eigenartige Erinnerungslücken
Sestriere - Im Dress der österreichischen Olympia-Mannschaft steht Peter Schröcksnadel auf der Empore im Österreich-Haus, der kleine Mann hat einen guten Blick von hier oben auf die Leute da unten, auf die Journalisten. Der ÖSV hat zu einer Pressekonferenz geladen, Thema: die negativen Dopingtests der Athleten. "Ich bin eine Mauer", sagt ÖSV-Präsident Schröcksnadel, "ich fange alles ab. Aber wenn es gute Nachrichten gibt, können die andere verkünden." Die Mauer lächelt gönnerhaft.
Damit beginnt die groteske Veranstaltung, auf der zwar viel gesprochen wird - aber nicht über die wesentlichen Themen: Kein Wort dazu, dass 95 Prozent der getesteten österreichischen Hochleistungssportler Asthmatiker sein sollen, dass nach Aussagen des ermittelnden Staatsanwaltes Ciro Santoriello bei ihnen das Asthmatikum Salbutamol gefunden hat. Keine Silbe, dass die Sportler nach Eintreffen der Polizisten in den Privatquartieren nichts anderes zu tun hatten, als 1,5 Liter Wasser "in einem Zug auszutrinken" (Santoriello). Kein Wort dazu, warum der ÖSV vom Aufenthalt des Skandaltrainers Mayer Kenntnis hatte, dies aber beim Aufkommen der Affäre dementierte.
Stattdessen werden Sündenböcke vorgestellt. Sie heißen Richard Pound, Heinz Jungwirth, IOC.
Vor den aufgepflanzten Mikrofonen nimmt der Mann für die guten Nachrichten Platz: Markus Gandler, ÖSV-Direktor für Biathlon und Langlauf. Gandler, 39, ein Mann mit lichtem Haar und ehrlichen Augen, atmet kurz durch, dann pflückt er ein paar Zettel aus einer gelben Plastikhülle. "Ich freue mich, dass ich endlich hier sitzen kann und Ihnen Daten und Fakten präsentieren darf", sagt Gandler. Dann schießt er los. Scharf.
Eine halbe Stunde zuvor hatte das Internationale Olympische Komitee IOC eine Pressekonferenz gegeben. Sprecherin Giselle Davies musste einräumen, dass keine verbotenen Substanzen in den Urinproben der zehn getesteten österreichischen Langläufern und Biathleten gefunden worden seien. Zehn negative Tests, keine Spuren von Epo oder anabolen Steroiden. Ein Ergebnis, das zu erwarten war. Richard Pound, Chef der Weltantidoping-Agentur Wada, hatte die Spekulationen immer in Richtung Eigenblutdoping gelenkt - und das ist nicht nachweisbar, nicht im Urin.
Man habe doch "Mittel für Blutdoping" gefunden, wird ÖSV-Chef Gandler von den Journalisten gefragt. Das sei lediglich "eine uralte Laktatmaschine", erklärt dieser. So eine habe jeder Hobbyathlet, sagt er. Das habe er nach "intensiven Befragungen" herausgefunden. "Wenn das die Maschine ist, die die Wada meinte, dann weiß ich auch nicht mehr." Überhaupt Wada-Chef Pound, der habe in Interviews doch von "Bluttransfusionsmaschinen" gesprochen, sagt Gandler. Dabei gebe es "solche Maschinen gar nicht".
Auch sei der ÖSV nicht allein dafür verantwortlich, dass der für Turin gesperrte Trainer Mayer aufgetaucht sei, in der Wohnung der Athleten. Schon im Sommer habe er persönlich beim Nationalen Olympischen Komitee Österreichs ÖOC angefragt, ob Mayer als immer noch für die Langläufer verantwortlicher Trainer zu den Spielen reisen dürfe. Generalsekretär Heinz Jungwirth habe dem zugestimmt, mit dem Verweis 'Mayer sei ja ein freier Mann'. "Ich durfte auch Eintrittskarten für ihn kaufen, außerdem war Mayer auch im Österreichischen Haus zu Gast und wurde dort von Jungwirth begrüßt. 'Darf ich Ihnen noch ein Glas Wein einschenken', hat er gefragt."
Gandlers nächstes Ziel ist das IOC: "Ein Großteil der Mannschaft, wenn nicht sogar jeder", müsse jetzt rehabilitiert werden, fordert Gandler - hat er dabei die brisanten Erklärungen seines Verbandes vor vier Tagen vergessen, als es hieß, die Biathleten Perner und Rottmann hätten eingeräumt, "möglicherweise etwas Verbotenes getan zu haben".
Durch die Razzien und die Dopingtests sei Österreich "zweier regulärer Medaillenchancen beraubt" worden, wettert Gandler weiter. Er könne sich sogar eine "Neuaustragung der Wettbewerbe vorstellen" - wenn das hier "faire Olympische Spiele" sind.
Die Tatsache, dass der Verband nicht wirklich freigesprochen wurde, war übrigens auch kein Thema bei der Pressekonferenz: Das IOC will formale Untersuchungen einleiten und könnte die Österreicher aufgrund der immer noch nicht spezifizierten Funde in den Apartments bestrafen. "Wir möchten klarstellen, dass die Dopingkontrollen nur ein Teil dieser Affäre sind", hatte IOC-Sprecherin Giselle Davies gesagt. Man nehme diese Affäre sehr ernst und werde alles unternehmen, um ans Licht zu bringen, was in den vergangenen Tagen passiert sei. "Wir müssen uns das ganze Bild anschauen."