Österreich: Klage gegen Doping-Trainer Mayer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Österreich Klage gegen Doping-Trainer Mayer

Die Doping-Affäre in Turin weitet sich aus: Schon vor der spektakulären Flucht der Biathleten Rottmann und Perner hatten die Fahnder Hinweise auf Blutdoping. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung wurde jetzt gegen Ex-Trainer Mayer Klage erhoben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Turin - Die Mannschaft der Alpenrepublik, bisher äußerst erfolgreich in Turin, gerät immer stärker unter Doping-Verdacht: Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hatte bereits zehn Tage vor den Olympischen Winterspielen in einem verlassenen Trainingsquartier der österreichischen Langläufer und Biathleten Hinweise auf Blutdoping gefunden. Das bestätigte Wada-Chef Richard Pound der "Welt".

"Unsere Leute hatten Aufenthalts-Informationen über österreichische Athleten, sind hingefahren, um Tests durchzuführen, konnten aber keine Sportler vorfinden. Als sie sich in den Räumlichkeiten nach Athleten umsahen, fanden sie eine ganze Reihe Instrumentarien für Blutdoping", erklärte der Kanadier.

Biathlon-Cheftrainer Alfred Eder bestätigte heute, dass die italienische Polizei bei der Razzia am Samstag "Produkte" bei seinen Schützlingen Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann beschlagnahmt habe. "Man kann nur hoffen, dass nichts Verbotenes drin ist, eine kleine Hoffnung besteht", wurde Eder auf der Internetseite des ORF zitiert.

Die beiden Athleten hatten noch in der Nacht zum Sonntag als Reaktion auf die Doping-Razzia der Carabinieri das Quartier der österreichischen Mannschaft fluchtartig verlassen. Beide wurden daraufhin vom Nationalen Olympischen Komitee (ÖOC) aus der Olympia-Mannschaft ausgeschlossen. In der kommenden Woche werde das ÖOC Disziplinarmaßnahmen beraten, sagte Generalsekretär Heinz Jungwirth. Solche könnten beispielsweise eine Sperre für die nächsten Olympischen Spiele in Vancouver 2010 sein.

Ob Perner und Rottmann diejenigen waren, die versucht haben sollen, einen Plastikbeutel mit Spritzen und Substanzen mit einem Wurf aus dem verschwinden Fenster zu lassen, wurde bisher nicht bestätigt.

Schnelle Konsequenzen zog auch der österreichische Ski-Verband (ÖSV) im Fall Walter Mayer, der Auslöser der Razzien gewesen war. Der Biathlon-Trainer wurde kurzerhand fristlos entlassen. Allerdings war Mayers Reise nach Turin entgegen den Aussagen österreichischer Spitzenfunktionäre bereits seit längerem bekannt. "Ich bin auf alle Fälle unten in Italien und werde mich um den Trainingsbetrieb kümmern", hatte Mayer am 3. Februar in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Apa gesagt. Wohnen werde er in einem der Privatquartiere, die der ÖSV auch für Langläufer und Biathleten in Pragelato und San Sicario angemietet habe, sagte er damals. Die Wettbewerbe wollte er aus nächster Nähe verfolgen - und sei es nur mit normaler Eintrittskarte.

Mayer selbst sorgte mit einer spektakulären Flucht vor der Polizei für Schlagzeilen. Gestern wollte sich der 48-Jährige in Paternion in Kärnten einer Polizeikontrolle entziehen, dabei stieß er einen Beamten zur Seite. Bei einer anschließenden Verfolgungsjagd kollidierte Mayers Wagen mit einem Polizeifahrzeug. Beide Autos wurden bei dem Zusammenstoß beschädigt, Mayer erlitt leichte Verletzungen.

Mayer wurde inzwischen von der österreichischen Justiz wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt. Zwar wurde der Ex-Trainer wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen, doch sei Anklage erhoben worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Klagenfurt. Ihm würden Körperverletzung und Sachbeschädigung zur Last gelegt.

Selbst in der Politik wurde der Fall zum Thema: "Wer dopt, der fliegt. Wir legen Wert auf saubere Spiele und kämpfen dafür mit aller gebotenen Härte", sagte der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. "Wir tolerieren nichts, nicht die kleinste Kleinigkeit, die den IOC-Richtlinien, respektive denen der Wada widerspricht."

Die österreichische Presse empörte sich darüber, dass der vom IOC bis 2010 gesperrte Mayer überhaupt in Turin anwesend sein konnte: "Man hätte einige Tausend Euro investieren und ihm einen Urlaub in Australien, in China oder sogar auf dem Mond anbieten sollen. Das wäre für alle besser gewesen", schrieb die Kronenzeitung. "Das Erscheinen von Walter Mayer auf der olympischen Bühne von Turin - egal ob als Trainer oder Tourist - ist eine unbegreifliche Dummheit", heißt es in den "Oberösterreichischen Nachrichten". "Jemand, der ein blutiges Stück Fleisch in das Haifischbecken wirft, darf sich über eine hysterische Reaktion nicht wundern."

jto/sid/reuters