Olympia-Fazit Ruhe im Sumpf
An dieser Stelle muss noch einmal über Pierre Baron de Coubertin gesprochen werden. Als der Traum des Franzosen, die Olympischen Spiele der Antike wiederzubeleben, 1896 in Athen wahr wurde, lautete das Motto "Höher, schneller, weiter". Die Spiele sollten ein Spektakel für die Zuschauer sein und die bestimmenden Werte Ethik, Moral und Anstand. Coubertin, so was wie der erste Olympische Geist, hat damit die Anspruchs-Latte ziemlich hoch gelegt, und seither versuchten seine Nachfolger immer wieder, sie zu überspringen. Zuletzt gelang das immer seltener - auch in Turin nicht.
Denn wofür standen diese Spiele in Italien? Gut, da war ein sehr erfolgreiches deutsches Team, der Sieg in der Nationenwertung war erhofft, aber nicht erwartet. Zusammen mit den Österreichern und Schweizern kann man sogar eine wintersportliche Dominanz Mitteleuropas konstatieren. Es gab Freestyle und Snowboard, coole Sportarten mit coolen Fans, schnell, spektakulär und zuschauerfreundlich. Die Veranstalter dürfen sich zudem Lob dafür abholen, für beide Events perfekte Anlagen gebaut zu haben. Herausragende Sieger trösteten über sportliche Enttäuschungen hinweg. Und sonst?
Es fehlte an Leidenschaft und Emotion, leere Zuschauerränge verärgerten die Athleten, Transportprobleme, hohe Eintrittspreise und lange Wege die Zuschauer - und das Thema Doping überschattete bereits die dritten Spiele in Folge: Eine positiv getestete russische Biathletin, Diskussionen um einen erhöhten Hämoglobinwert bei einer deutschen Langläuferin und die Groteske um das österreichische Team, an deren Ende zwar zehn negative Dopingproben, aber ein schaler Beigeschmack stand. Wie ein schwarzes Tuch legte sich all das über die positiven Ansätze. Zurück bleiben das Gefühl, dass die Olympischen Spiele nachhaltig beschädigt sind - und zwei Fragen. Wie konnte es so weit kommen, und wer kann die Situation reparieren?
"Wir müssen akzeptieren, dass es nie wieder Spiele wie in Lillehammer geben wird", heißt es aus dem deutschen NOK. 1994 war das, als Olympia in der kleinen norwegischen Stadt zu Gast war und Kuschelspiele erlebte. Die Wettkampfstätten lagen alle an einem Ort, die Atmosphäre war behaglich und die Zuschauer begeisterungsfähig. Doch Lillehammer war ein Traum, die Realität seit Nagano 1998 sind diversifizierte Spiele mit langen Wegen zwischen mindestens zwei Sportzentren. In Italien lagen 108 Kilometer zwischen den Veranstaltungsorten Turin und Sestriere, es gab deshalb eigentlich sogar zwei Olympische Spiele. Da verwundert es nicht, dass viele Arenen in den Bergen leer blieben.
Gegner des Gigantismus
Das IOC hätte das absehen können, als es das Großereignis an die italienische Metropole vergab. Mittlerweise wird schon gespöttelt, wie schlecht denn eigentlich der damalige Schweizer Mitbewerber Sion gewesen sein müsse, dass er gegen Turin verlor. Doch damals hieß der IOC-Präsident noch Juan Antonio Samaranch, auch über eine Einflussnahme des mächtigen, mittlerweile verstorbenen Fiat-Bosses Giovanni Agnelli wurde gemunkelt. Dass der Samaranch-Nachfolger Jacques Rogge die Entscheidung pro Torino mitgetragen hätte, darf jedenfalls bezweifelt werden, der Belgier gilt als Gegner des Gigantismus. Und als Hardliner im Kampf gegen Doping. Das hat er in Turin eindrucksvoll bewiesen.
Dort statuierten Polizei, Staatsanwaltschaft und IOC ein in der Geschichte der Olympischen Spiele einzigartiges Exempel, als sie aufgrund von Hinweisen die Privatquartiere der österreichischen Langläufer und Biathleten umstellten, die Wohnungen und Sportler filzten und die verwirrten Männer anschließend noch zu Dopingtests mitnahmen. Wenn irgendjemand noch Zweifel an der Absicht des IOC hatte, "den Dopingsumpf auszutrocknen" (Vizepräsident Thomas Bach), dann war er spätestens jetzt eines Besseren belehrt. Vor und bei den Winterspielen führte das IOC zudem insgesamt 1200 Kontrollen durch - ein Rekord.
Und es scheint fast so, als gäbe es eine stille Vereinbarung der Verbände, das Ansehen der Olympischen Spiele genau auf diese kompromisslose Weise wiederherzustellen. Denn mittlerweile ist auch das deutsche NOK auf IOC-Linie eingeschwenkt - jedenfalls in der Grundrichtung. Der neue Deutsche Olympische Sportbund DOSB, der aus der Fusion von NOK und Deutschem Sportbund DSB entsteht, müsse sich mit der "Frage nach einer gesetzlichen Regelung des Anti-Doping-Kampfes" beschäftigen, erklärte Chef-Olympionike Klaus Steinbach. Während der Causa Evi Sachenbacher-Stehle war eben dieses deutliche Bekenntnis zum Anti-Dopingkampf vermisst worden.
Das NOK will sogar, so ist zu hören, auch die eigenen Athleten in die Pflicht nehmen. Eine Goldmedaille leuchte umso heller, wenn sie ohne den leisesten Dopingverdacht errungen werde. Dazu gehöre auch die Akzeptanz der zum Teil harschen Praktiken der IOC-Tester, die Sportler spät am Abend noch aus den Betten zu holen und zu überprüfen, heißt es aus dem Komitee. Eine indirekte Kritik auch an Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle, der den Fall der mitten in der Nacht überraschten österreichischen Langläufer und Biathleten als "unmenschlich" kritisiert hatte.
Nur nach einem steht dem NOK, das sich in erster Linie den Athleten und nicht der Politik verpflichtet sieht, anscheinend nicht der Sinn: der Zusammenarbeit von Sportverbänden mit Polizei und Staatsanwaltschaft, wie sie in Turin praktiziert wurde. Stattdessen denkt man hier schon an 2008. Dann finden in Peking die Olympischen Sommerspiele statt, und die Angst vor dem Horrorszenario ist groß, dass in zwei Jahren ein neuer Höhepunkt des Dopings erreicht werden könnte. Man müsse deshalb jetzt diejenigen unterstützen, die in China ebenfalls eine strikte Antidoping-Politik verfolgen, ist aus dem NOK zu vernehmen, die gebe es nämlich sehr wohl. Einstweilen bleibt aber nur die Hoffnung.
Unter den Wintersportlern ist es jedenfalls seit dem Exempel vom Pragelato bemerkenswert ruhig geworden. Fast so ruhig wie auf den Tribünen beim Rodeln oder der Nordischen Kombination. Nur mit dem Unterschied, dass das erstere durchaus ein gutes Zeichen ist.