Snowboarden Parallelwelten auf der Piste
Seit Amelie Kober für Deutschland Medaillen einfährt, ist Snowboarden auch in den großen Medien ein Thema. Die 19-jährige Fahrerin vom SC Miesbach, die 2006 bei Olympia in Turin und bei der diesjährigen Weltmeisterschaft in Arosa Silber gewann, wird sogar schon als "die Zukunft des Snowboardsports" gefeiert. Dabei wird gern vergessen, dass die alpinen Disziplinen, in denen Kober antritt, für viele Snowboarder überhaupt keine Rolle spielen. In der Parallelwelt der Fanzines und alternativen Wettbewerbe ist einzig die Freestyle-Variante hoch angesehen. In dieser Parallelwelt ist Amelie Kober nicht die Zukunft - sie fährt für die Funktionäre des internationalen Skiverbandes (Fis).
Die Zweiteilung der Snowboardwelt ist keine der Disziplinen, sondern eher eine der Anschauungen - und sie besteht seit 1995. Damals beschloss das IOC, Snowboarden ins olympische Programm zu nehmen. Wohl auch, um sich einen jugendlichen Touch zu verpassen. Dabei wurde die Olympiaqualifikation aber der Fis übertragen und nicht dem Weltverband der Snowboarder (ISF). Viele Snowboarder verzichten auch heute noch auf die Teilnahme bei Olympia, weil sie sich dem Reglement des Skiverbands nicht unterwerfen wollen. Sie möchten an den subkulturellen Idealen ihres Sports festhalten. Einfach aufs Brett und ab dafür.
Gorilla im Hotel
Das Interesse der großen Medien ist hauptsächlich auf Kober gerichtet, weil sie eben nicht das Klischee der coolen und kiffenden Snowboarder bedient - das sich seit Olympia 1998 tief im öffentlichen Bewusstsein der Menschen manifestiert hat. Damals nahm das Internationale Olympische Komitee IOC in Nagano dem Kanadier Ross Rebagliati die soeben gewonnene Goldmedaille ab, nachdem man bei einem Dopingtest Spuren von Marihuana in seinem Urin gefunden hatte. Rebagliati verteidigte sich mit den Worten, er habe kein Marihuana geraucht, aber seine Freunde. Er habe zufällig daneben gestanden. Spektakulär war der Fall vor allem, weil Rebagliati die Goldmedaille drei Tage nach seiner Disqualifikation wieder zurück bekam. Der Internationale Sportgerichtshof hatte festgestellt, dass Marihuana gar nicht auf der Dopingliste stand. Ein Exempel habe man an ihm statuieren wollen, empörte sich Rebagliati, "sie wollten uns Snowboarder einschüchtern, damit wir eines Tages wie die Skeletonfahrer sind".
Neben Rebagliati sorgte ein gewisser Martin Freinadermetz für negative Schlagzeilen in Nagano. Der Österreicher, auch "der Gorilla" genannt, weil er bei Wettkämpfen im Gorilla-Plüsch aufs Board stieg, schmiss bei einer Party mit Bierkrügen und riss Tapeten von der Wand seines Hotels. "Es gibt überall schwarze Schafe, aber die Snowboarder leben wirklich in einer anderen Welt", empörte sich Fis-Generalsekretär Gian-Franco Kasper damals.
Die Pioniere unter den Anti-Amelie-Kobers kommen aus der Surf- und Skateboard-Kultur, und wer Teil davon sein will, sei in erster Linie bestrebt, "sich gut zu amüsieren", wie es der Soziologe Talcott Parsons einst formulierte. Das passt nicht zum olympischen Gedanken. Anfang 2003 gründeten die Ikonen Drew Stevenson (Australien) und Terje Haakonsen (Norwegen) die TTR (Ticket To Ride Pro Snowboarding Series), die heute die wichtigste internationale Wettbewerbsserie der alternativen Szene ist. Hier oder bei Veranstaltungen wie der "Air&Style" in München, den "European Open" in Laax oder den "ONeill Evolution" in Davos gibt es Hunderttausende US-Dollar Preisgeld zu gewinnen, die "Burton Global Open Championships" warten mit 700.000 US-Dollar auf.
Gefragt sind Pragmatiker
Die TTR versteht sich zudem als Konkurrenz zum Fis-Weltcup und führt eine eigene Weltrangliste. Den Kampf um die Hoheit über die Olympiaqualifikation hält Haakonsen für noch längst nicht beendet: "Wir haben die besten Fahrer, und wir haben das beste Konzept. Es ist logisch, dass wir sie bekommen müssen. Wir, die TTR, und nicht die Skifahrer", sagte Haakonsen der "FAZ". Kompagnon Stevenson gibt sich diplomatischer. "Jeder tut für das Snowboarden, was er kann", sagt er, "die TTR und der internationale Skiverband, die Fis."
Glaubt man dem Deutschen Snowboardverband, gehört das Gerede von reglementierten Fis-Fahrern auf der einen und freien Snowboardern auf der anderen Seite sowieso der Vergangenheit an. Im Schnee verwischen die Spuren. Eine neue Generation von Snowboardern soll das Geschehen bestimmen, die von den alten ideologischen Grabenkämpfen nichts mehr wissen will. Gefragt sind Pragmatiker, die keine Probleme damit haben, sich den strengen Regeln des Olympischen Komitees zu unterwerfen. Deutschlands Beste, Amelie Kober, glaubt: "An erster Stelle steht der Sport und das Training. Alles andere sind schöne Randerscheinungen." Neben dem Leistungssport lässt sich die vorbildliche Athletin zur Polizeimeisterin ausbilden. Und wenn, wie man hört, Ross Rebagliati nach zwei Auszeiten von Olympia 2010 in Vancouver wieder dabei ist, sollte er diesmal aufpassen, neben wem er steht.