Vierschanzentournee 2022/23: Karl Geiger verspielt in Garmisch alle Chancen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

DSV-Springer bei Vierschanzentournee nur Mittelmaß Ernüchterung als Neujahrstradition

Karl Geiger springt auf der Großen Olympiaschanze einmal mehr hinterher. Den Gesamtsieg könnte sich stattdessen der dominante Halvor Egner Granerud holen – für ihn scheint auch der Grand Slam möglich.
Aus Garmisch-Partenkirchen berichtet Jonas Kraus
Das war nix: Karl Geiger in Garmisch
Das war nix: Karl Geiger in Garmisch

Das war nix: Karl Geiger in Garmisch

Foto:

Daniel Kopatsch / Getty Images

Er liebt sie, sie liebt ihn nicht: Eigentlich mag Karl Geiger die Große Olympiaschanze deutlich lieber als seine Heimschanze in Oberstdorf. »Da kommt es aufs Fliegen an, das kommt mir entgegen«, sagte er im Vorfeld. Nur: Die Liebesbeziehung ist in diesem Fall äußerst einseitig. Denn so richtig weit geht es für Geiger in Garmisch-Partenkirchen selten. Nach Sprüngen auf 131,5 Meter und 131 Meter landete er nur auf Platz elf. Die zarte Hoffnung vom Sieg in der Vierschanzentournee ist trotz Platz vier in Oberstdorf dahin. Es war für den deutschen Vorflieger ein kleines Déjà-vu: 2020 siegte er in Oberstdorf und wurde dann in Garmisch nur Fünfter. Nun herrscht erneut Katerstimmung im deutschen Team.

Das Ergebnis: Wie schon in Oberstdorf flog Halvor Egner Granerud allen davon. 140 Meter und 142 Meter, in beiden Durchgängen der Beste. Der Slowene Anže Lanišek wurde Zweiter, der polnische Weltcup-Gesamtführende Dawid Kubacki landete auf Platz drei. Hier geht’s zur Meldung.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von X.com, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der erste Durchgang: Es war eine Machtdemonstration der Tourneefavoriten. Halvor Egner Granerud hielt sich in der Qualifikation noch etwas zurück, durfte deshalb etwas früher ran als seine großen Konkurrenten und flog auf 140 Meter. Der Slowene Anže Lanišek flog sogar noch einen halben Meter weiter, bekam aber weniger Windpunkte und landete einen Hauch hinter Granerud. Auf Rang drei und vier folgten die beiden Polen Dawid Kubacki und Piotr Żyła, die in Oberstdorf schon auf dem Podest gestanden hatten.

Eine andere Liga: Aus deutscher Sicht konnte nur Andreas Wellinger im Konzert der Großen mithalten. Vor allem der erste Durchgang gelang ihm, mit 137 Metern mischte er vorn mit. Im Finale verpasste er dann den Absprung, kam auf 133 Meter und wurde Achter. Er war damit der beste Deutsche. »Gut für mich, aber nicht gut, dass ich damit der Beste im Team war«, sagte Wellinger. »Ich dachte, wir hätten den Abstand nach vorne etwas aufgeholt«, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher. »Aber heute war schon sehr zäh.« Warum es so gar nicht lief? »Das müssen wir erst analysieren«, sagte Horngacher. »Aber wir werden uns nicht eingraben jetzt.« Immerhin.

Mehr zum Thema

Der zweite Durchgang: Es windete leicht von allen Seiten, die Jury musste dieses Mal aber nicht übermäßig eingreifen. Nur vor den absoluten Topspringern wurde die Absprungluke im Finaldurchgang nach unten versetzt, Granerud hätte sonst wohl den Schanzenrekord von 145 Metern angreifen können. Doch auch so kamen die Führenden mit weniger Anfahrt gut zurecht. Es setzten sich die durch, die auch im Weltcup vorn sind. Immer ein Zeichen für einen fairen Wettkampf.

Luft holen: Auch das Publikum war fair, wenn auch traditionell nicht so laut wie in Oberstdorf. Viele der 20.000 Skisprungfans behielten auch ihre Sonnenbrillen auf, als sich die Sonne schon hinter den Gudiberg verzogen hatte. Anfangs schienen nicht alle ganz ausgeschlafen zu sein nach dem ersten Silvester seit zwei Jahren ohne Coronabeschränkungen. Mit der Zeit wurde das Publikum lauter – und bejubelte neben den deutschen Springern die außergewöhnliche Leistung von Granerud.

Wieder volles Haus: Hier springt Andreas Wellinger in Richtung der 20.000 Zuschauerinnen und Zuschauer

Wieder volles Haus: Hier springt Andreas Wellinger in Richtung der 20.000 Zuschauerinnen und Zuschauer

Foto: Angelika Warmuth / dpa

Nicht der Mama sagen: Markus Eisenbichler bekommt Konkurrenz. Jahrelang war der Oberbayer, der erneut im ersten Durchgang hängen blieb, der Hauptverantwortliche für launige Sprüche. Nun springt sich der 22-jährige Philipp Raimund in den Fokus: In Oberstdorf war er 14., auch in Garmisch war er auf Rang 15 der drittbeste Deutsche. Eine beeindruckende Leistung für einen, der die Saison zwar im Weltcupteam begonnen hatte, dann aber in den zweitklassigen Continental-Cup gerutscht ist. Weil ihn noch keiner so richtig kennt, fragten ihn die Journalisten jüngst nach seinen Hobbys: »Videospiele«, sagte er, und zählte dann auf: »Klassiker wie Minecraft, League of Legends, World of Warcraft, Apex Legends, Call of Duty. Eigentlich alles.« Als ihm auffiel, wie lang die Liste ist, schob er nach: »Erzählt das meinen Eltern nicht.« Solange er so konstant springt, werden seine Eltern ihm die viele Zeit vor dem Computer sicher nachsehen.

Gute Laune, nicht nur beim Zocken: Philipp Raimund

Gute Laune, nicht nur beim Zocken: Philipp Raimund

Foto: LISI NIESNER / REUTERS

Der Grand Slam: Sven Hannawald war der erste Springer, der alle vier Einzelspringen für sich entscheiden konnte. Kamil Stoch und Ryōyū Kobayashi machten es ihm nach. Nun schickt sich Halvor Egner Granerud an, dieses Kunststück ebenfalls zu schaffen. Er selbst wiegelt noch ab. Wie es weitergehe, wurde er nach der Siegerehrung gefragt. »Wir werden sehen.« Doch Granerud strotzt vor Selbstvertrauen, das sah man nicht nur an seinem Jubel nach dem Finaldurchgang, als er sich in Reminiszenz an seinen Fußball spielenden Landsmann Erling Haaland in den Schneidersitz fallen ließ und zu meditieren vorgab.

Halvor Erling Granerud? Mit seinem Jubel erinnerte der Skisprung-Dominator jedenfalls an seinen Fußball spielenden Landsmann

Halvor Erling Granerud? Mit seinem Jubel erinnerte der Skisprung-Dominator jedenfalls an seinen Fußball spielenden Landsmann

Foto: Angelika Warmuth / dpa

Der erste »Jäger« Kubacki hat schon 26,8 Punkte Rückstand, umgerechnet fast 15 Meter. Noch weiter zurück liegt der Drittplatzierte Zyla. Der Vollständigkeit halber: Geiger und Wellinger auf Platz fünf und sechs im Klassement liegen rund 57 Punkte zurück, mehr als 30 Meter.

So geht’s weiter: Nach einem Ruhe- und Reisetag gehen die Springer ab Dienstag in Innsbruck auf die Schanze. Dabei könnte der Wind eine Rolle spielen, am Bergisel bläst es traditionell aus allen Richtungen. 2022 zogen Böen mit 80 Kilometern pro Stunde über »Windsbruck«, das Springen wurde abgesagt und nach Bischofshofen verlegt. Auch in diesem Jahr ist wieder Föhn angekündigt, es könnte bis zu 20 Grad warm werden. Die Organisatoren sind optimistisch, dass das Springen stattfindet. Doch der Wind wird das Springen mitbestimmen, das ist keine gewagte Prognose. Vielleicht ist eine Föhnböe auch die einzige Hoffnung für Graneruds Konkurrenten.