Vierschanzentournee: Von Oberstdorf bis Bischofshofen
Vierschanzentournee Flugsaurier und Küken
Am 4. Juni 1999 herrschte große Freude im Hause Prevc. Die slowenische Familie hatte ihren dritten Sohn bekommen, sie gaben ihm den Namen Domen, was so viel heißt wie: zum Herrn gehörend. Von dort ist es nicht mehr weit zur Dominanz.
Zwei Tage später gab es auch am anderen Ende der Erde etwas zu feiern: Noriaki Kasai hatte Geburtstag, er wurde 27 Jahre alt und hatte den erfolgreichsten Winter seiner Skisprung-Karriere gerade hinter sich.
17 Jahre später treffen sich heute der alte Mann Kasai und der junge Hüpfer Prevc an der Sprungschanze in Oberstdorf (Qualifikation ab 17 Uhr ARD, Springen morgen 17 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE), um ihre Fähigkeiten miteinander zu messen. Für den Teenager Prevc wird es womöglich der erste ganz große Karriere-Erfolg, für den 44-jährigen Kasai ist es die mittlerweile 26. Vierschanzentournee. Kein Springer in der langen Geschichte der Tournee kommt auf eine solche Bilanz wie der Japaner.
Der Sport-Informationsdienst hat Kasai den "Flugsaurier" getauft, seit 1988 segelt er die Schanzen dieser Welt herunter, damals hießen seine Konkurrenten Jens Weißflog und Matti Nykänen, Eddie the Eagle sorgte für das Entertainment, es war eine andere Zeit.
Für einen Sieg kommt Kasai nicht mehr in Frage
Seitdem hat Kasai 17 Weltcup-Erfolge gesammelt, er stand insgesamt 52 Mal auf dem Podest, er ist Skiflugweltmeister gewesen. Den Sieg bei einer Vierschanzentournee hat er dagegen nie geschafft, zwei Mal war er so nah dran, 1993 und 1999 wurde er Zweiter, einmal hinter Andreas Goldberger, einmal hinter Janne Ahonen.
Mit dem Gesamtsieg wird es auch 2017 nichts werden, das darf man wohl vorhersagen. Da haben andere bessere Aussichten, und die des jungen Domen Prevc sind die allerbesten. Vier Mal hat der junge Slowene in diesem Winter schon auf Platz eins gestanden, er dominiert die Szene ähnlich wie sein älterer Bruder Peter im Vorjahr. Der Name Prevc sogt mittlerweile bei der Konkurrenz nur noch für Schweißausbrüche. Und bei den Journalisten für Verstimmung, weil die Prevc-Brüder die obligatorische Pressekonferenz zum Tour-Auftakt einfach mal schwänzten und stattdessen im Teamhotel blieben.
Kaum schwächelt Peter in dieser Saison, springt der kleinere Bruder in die Bresche. Noch ein Stück beherrschender, noch ein bisschen einschüchternder: "Der springt Ski, wie Max Verstappen Formel 1 fährt", sagt der deutsche Bundestrainer Werner Schuster. Immer am Limit, die Ski so eng am Körper wie niemand anderer. "Aber so kannst du auch nur springen, wenn du noch nie gegen die Mauer gefahren bist. Er hat bisher noch keine Negativerlebnisse gehabt, er kennt keine Grenzen", so Schuster.
Freund fehlen fünf Monate Vorbereitungszeit
Negativerlebnisse - die hat Schusters Musterknabe Severin Freund in diesem Jahr zur Genüge gehabt. Eine Hüftoperation hat den Deutschen fünf Monate der Vorbereitungszeit gekostet. Freund sucht noch seine Form aus den Vorjahren. Zwar gewann er überraschend den Weltcup-Auftakt in Finnland, danach kam er über gehobenes Mittelmaß aber nicht mehr hinaus. "Ich bin diesmal so etwas wie die Wundertüte", hat der 28-Jährige der "Kölnischen Rundschau" gesagt. Wie das bei Wundertüten so ist: Alles ist denkbar, mehr Erfahrung als Freund haben in der Weltspitze jedenfalls nicht viele - Kasai mal nicht mitgerechnet.
Aber bei den deutschen Springern ist es derzeit wie in der Presc-Familie. Wenn einer nicht in Bestform ist, nimmt ein anderer dessen Platz ein: Markus Eisenbichler hat in diesem Winter bisher alle überzeugt, sprang fast immer um die vorderen Ränge mit. "Er muss sich vor niemandem verstecken", sagt Schuster. Der 25-Jährige selbst hat sich Lockerheit verordnet: "Wenn man etwas Besonderes aus der Tournee macht, sind schon viele gescheitert."
Nun ist die Vierschanzentournee mit ihren Stationen Oberstdorf (30. Dezember), Garmisch-Partenkirchen (1. Januar), Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) aber nun mal etwas Besonderes, das muss man sich gar nicht erst einreden. "Es ist das härteste Springen des Jahres", sagt Domen Prevc, und das weiß er schon, obwohl er erst ein Mal teilgenommen hat.
Vielleicht hat er sich bei Noriaki Kasai erkundigt. Der Japaner hat dieser Tage angekündigt, dass er gerne als Aktiver noch Olympische Spiele in seiner Wahlheimat Sapporo erleben würde.
Früheste Möglichkeit dafür wäre das Jahr 2026.