WM-Bilanz: Ein Fest, ein großes Fest - DER SPIEGEL
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Frauenfußball: Die WM in Bildern

Foto: Friso Gentsch/ dpa

WM-Bilanz Ein Fest, ein großes Fest

Das deutsche Team ist vorzeitig ausgeschieden - na und? Die WM war ein Erfolg, wie ihn der Frauenfußball noch nicht erlebt hat. Die Spiele haben das Publikum fasziniert, die mediale Anteilnahme war mehr als ein künstlicher Hype, neue Stars wurden geboren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frust, Niedergeschlagenheit, Pech - diese Frauenfußball-WM war eine einzige Enttäuschung. Aber nur für das gastgebende Team. Titelverteidiger Deutschland wird nach dem Viertelfinal-Aus gegen Japan die Weltmeisterschaft in keiner guten Erinnerung behalten. Für die meisten anderen jedoch war es tatsächlich ein dreiwöchiges Fest, wie es der Frauenfußball noch nicht erlebt hat.

Dieses Turnier hatte gleich mehrere Bewährungsproben zu bestehen. Es musste den Vergleich mit der Männer-WM 2006 bis zur Überstrapazierung ertragen. Es sollte Anschub für den Frauenfußball in Deutschland geben. Es sollte den Sponsoren reichlich Aufmerksamkeit bringen und den Fernsehanstalten starke Quoten. Nicht zuletzt musste es als Objekt für allerlei Ressentiments männlicher Hardcore-Fußballfans herhalten. Und dann sollte Deutschland auch noch möglichst mit dem dritten WM-Titel in Folge aus dem Turnier herauskommen.

Letztlich war die WM damit überfrachtet, die Spielerinnen überfordert. Der Rahmen war gerade in der Vorrunde denn auch manchmal zu groß gewählt für das, was auf dem Rasen tatsächlich gezeigt wurde. Bundestrainerin Silvia Neid hat zwar recht mit ihrer Aussage, dass "die Teams in der Weltspitze viel enger zusammengerückt sind". Dennoch offenbarten sich sportliche Limits, vor allem bei vielen Torhüterinnen und noch mehr Schiedsrichterinnen. Für einige war diese WM einfach eine Nummer zu groß.

Turnier war weit mehr als ein künstlicher Hype

Dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) daraus einen Vorwurf zu machen, das Turnier zum Sportereignis des Jahres 2011 hochgepusht zu haben, wäre jedoch verkehrt. Die vollen Ränge, die Begeisterung in den Stadien, die mediale Anteilnahme - das war weit mehr als nur ein künstlicher Hype, auf den die Massen hereingefallen sind. Mehr als ein aufgeblasenes Kunstprodukt, ein Transmissionsriemen für Großsponsoren, ein reiner Sommerloch-Lückenfüller für ARD und ZDF. Diese WM hat in Deutschland tatsächlich die Leute interessiert und fasziniert.

Bis zu 18 Millionen Fernsehzuschauer bei den WM-Spielen der Deutschen - wer da noch behauptet, das sei nur ein Randsport, der steckt tief drin in seinen eigenen Vorurteilen. Spätestens nach den Halbfinalpartien, die begeisternden Fußball boten, war nichts mehr langweiliger als die Nörgler mit ihrem Hinweis, weibliche Spitzenteams würden ja selbst gegen männliche Halbwüchsige verlieren. Dass auch Männerteams zuweilen mit technischer Finesse und spieltaktischer Meisterschaft auf Kriegsfuß stehen, zeigte sich an diesem Wochenende beim Auftakt der Zweitliga-Saison.

Der Einfluss der WM auf die Frauen-Bundesliga dürfte ein mittel- bis langfristiger sein. Die bescheidenen Zuschauerzahlen werden nicht rapide ansteigen, alles andere wäre auch verwunderlich. Unmittelbar von der WM profitieren jedoch die Vereine. Die live im Fernsehen gezeigten Spiele werden noch mehr Mädchen und Frauen dazu bringen, über Schulprojekte und Freizeitteams hinaus dem Fußballsport nachzugehen.

Diese WM hat zudem neue Stars hervorgebracht: Saßen zu Turnierbeginn selbst auf der Pressetribüne noch Reporter, die die Spielerinnen erst mühsam anhand ihres mitgebrachten Panini-Sammelalbums identifizierten, so ging in der zweiten Woche die Öffentlichkeit schon souverän mit Namen wie Hope Solo, der charismatischen US-Torhüterin, oder ihrer Teamkollegin Megan Rapinoe um. Die Japanerin Homare Sawa, der schlitzohrige französische Coach Bruno Bini oder die Schwedin Lotta Schelin - sie alle sind jetzt keine Unbekannten mehr, sondern Größen des Weltfußballs.

Drama um Prinz hatte Ballack'sche Dimensionen

Die WM hat die Deutsche Kim Kulig quasi aus dem Stand in den Rang von "Germany's Next Topmodel" befördert. Sie hat Spielerinnen wie Simone Laudehr und Inka Grings zum Gegenstand von Stammtischdebatten werden lassen. Das Drama um den Abgang von Birgit Prinz nahm in der Öffentlichkeit teilweise Ballack'sche Dimensionen an. Ebenso wie die Debatte, ob Silvia Neid trotz des schwachen Abschneidens Bundestrainerin bleiben soll oder nicht.

Die sportlichen Gewinnerinnen des Turniers kommen aus Japan. Die Asiatinnen brillierten mit ihrem taktischen Verständnis. Sie konnten je nach Gegner von konsequenter Defensive auf offensives Kurzpassspiel umschalten, wirkten taktisch geschult und hatten es vollkommen zu Recht bis ins Finale geschafft, wo sie glücklich gegen die USA gewannen.

Die US-Amerikanerinnen stellten das körperlich präsenteste Team. In Stürmerin Abby Wambach hatten sie eine Akteurin mit einer Urgewalt im Luftduell, die kopfballstärkste Frau im Weltfußball. Die Schwedin Pia Sundhage zeigte sich als souveräne Trainerin: Taktische Wechsel klappten, sie pflegte einen konstruktiven Umgang mit ihren Stars im Team. Ihre deutsche Kollegin Neid könnte sich davon etwas abschauen.

Vor zehn Jahren noch ein Ereignis ohne Öffentlichkeit

Aber auch die Französinnen mit ihrer Leichtigkeit im Kombinationsspiel überzeugten, die Schwedinnen übertrafen die Erwartungen. Andere höher gewettete Teams enttäuschten: Norwegen scheiterte schon in der Vorrunde, Nordkorea fuhr ohne Punkt, ohne Tor, aber mit einer Dopingaffäre im Gepäck nach Hause. Die Geschichte des nordkoreanischen Coaches, der den Journalisten weismachen wollte, die Schwäche seiner Spielerinnen habe ihre Ursache in einem Blitzunfall, gehörte zu den Kuriositäten des Turniers.

Man muss sich tatsächlich vor Augen führen, wo der Frauenfußball herkommt, um die Dimension dieser WM richtig einordnen zu können. Vor zwölf Jahren fand ein Turnier quasi noch unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit statt. Fast niemand kannte die Namen der deutschen Nationalspielerinnen. Damals komplett undenkbar, was sich jetzt an Trubel ums deutsche Team getan hat.

Die Frauenfußball-WM, auch das gehört zur Ehrlichkeit, war ein regionales Großereignis. In Frankreich oder Japan nahm man erst mit den Erfolgen der Teams Kenntnis davon. In Fußballländern wie den Niederlanden, Spanien oder Argentinien spielte die WM keine Rolle in Medien und Öffentlichkeit. Aber in Deutschland geht am Sonntag eine große Party zu Ende.