Wundes Wunder - DER SPIEGEL
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FUSSBALL / UWE SEELER Wundes Wunder

• aus DER SPIEGEL 38/1969
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Mitten im Wahlkampf kam es für Tage nicht mehr auf den Kanzler an. Ein Kandidat einte das Bundesvolk von Flensburg bis an den Bodensee. von Aachen bis an die Spree: Uwe Seeler, 32, spielt wieder für Deutschland.

»Uwe -- Uwe -- Uwe« jauchzte die »Bild«-Schlagzeile, »Die Fußballbombe des Jahres ist explodiert.« Bayern Münchens Star Franz Beckenbauer kostete die Wirkung auf die schottischen Gegner im entscheidenden Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft vor: »Seelers Name verbreitet Schrecken.« Nationalspieler Siegfried Held wertete »Uwes Rückkehr« als ein »richtiges Doping«.

Mit 17 Jahren hatte der Hafenarbeitersohn -- schon sein Vater Erwin Seeler zählte zu den bekanntesten deutschen Spielern -- der bundesdeutschen Jugendelf durch seine Tore ins Endspiel des Europa-Turniers verholfen. Nach den Schutzbestimmungen war er für Männermannschaften noch nicht spielmündig. Bundestrainer Josef Herberger und Seelers Klub, der Hamburger SV, schickten den Junior mit einer Sondergenehmigung an die Fußballfront.

Rasch dribbelte, köpfte, trickste und sprang Seeler in die Rolle des Torschützen der Nation. Seine Treffer führten den HSV in die Bundesliga, zur Deutschen Meisterschaft und zum Pokalsieg; einmal schoß er seinen Klub ins Endspiel um den Europacup. In bisher 59 Länderspielen erzielte er 38 Tore, mehr als jeder andere Deutsch«. Dreimal nahm der gelernte Speditionskaufmann an Weltmeisterschaften teil, Er spielte in der Europamannschaft und in der Weltelf. Zweimal wurde er zum Fußballer des Jahres gewählt.

Italiens Manager trachteten den Rasen-Akrobaten 1961 durch ein Millionen-Angebot abzuwerben. Der Hamburger Theologie-Professor Helmut Thielicke riet ab und mahnte ihn, »der Jugend unseres Volkes ein Leitbild für die Lauterkeit der Gesinnung zu werden«. Seeler blieb im Lande und übernahm eine Generalvertretung der größten Sportschuhfirma der Welt.

»Nehmt euch an Uwe Seeler ein Beispiel«, hielt der Wiesbadener Oberamtsrichter Dr. Reinhold Brauser jugendlichen Automaten-Knackern vor. Brasiliens internationaler Star Pelé zählte Seeler noch jüngst zu den fünf besten Kickern der Welt.

Aber Erfolge und Ehren bezahlte Seeler mit immer ärgeren Verletzungen. Denn in der Regel versuchten zwei Rammböcke, meist die erfahrensten und härtesten Abwehrrecken, den Hamburger Stürmer abzublocken. Ein Verteidiger zertrümmerte Seelers Nasenbein, andere knackten seine Knie und Knöchel. »Er weicht keinem Zweikampf aus«, bemängelte anfangs Herberger. »Darum gerät er zu oft in Verletzungsgefahr.«

Häufiger als andere zog er den Ball im Fallen über den Kopf (Fachsprache: Fallrückzieher). Trotz einer Größe von nur 1,69 Meter sprang Seeler höher als seine Konkurrenten und stürzte deshalb tiefer. Als Folge stellten sich schmerzhafte Rückenverletzungen ein,

Nach etwa 45 000 Sprüngen von zusammen mindestens 50 Kilometer Höhe riß 1965 seine Achillessehne. Fachleute und Fans betrauerten das scheinbar unvermeidliche Ende seiner Länderspiel-Karriere. Doch noch im Krankenhaus kräftigte sich Seeler durch Muskelübungen. Mit dem Gipsbein vollführte er ein energisches Heimtraining. Ihm glückte, was selbst Ärzte kaum für möglich gehalten hatten:

Ein halbes Jahr nach dem Achillessehnen-Riß stemmte er durch ein entscheidendes Tor den Weg zur Weltmeisterschaft frei. Die Deutschen drangen ins Endspiel vor. Ehrgeiz, Klubanhänglichkeit und das »gute Heilfleisch der Seelers« (Seeler) trieben ihn noch im Stützkorsett und 18 Tage nach einer Blinddarmoperation aufs Fußballfeld.

Doch in der Saison 1967/68 höhlte dreifache Belastung seine Leistungskraft aus. In der Bundesliga, im Europapokal und in der Nationalelf mußte Seeler bis zu drei Kämpfe in acht Tagen bestehen. Die chronisch gewordenen Verletzungen an Rückgrat und Oberschenkel peinigten ihn so sehr, daß er zeitweise nicht mehr zu gehen vermochte. Unter der Wirkung betäubender Spritzen spielte er weiter.

Ein nichtiger Anlaß bewog das zermürbte und zerschlissene Idol des deutschen Fußballvolks, auf Länderspiele künftig zu verzichten: Bundestrainer Helmut Schön wollte den Mittelstürmer 1968 als Rechtsaußen einsetzen und in der Sturmmitte Platz für den jüngeren Münchner Gerd Müller schaffen. Statt gegen England zu stürmen, reiste Seeler für vier Wochen zur Kur nach Wildbad, Er schien endgültig im Abseits zu stehen.

Doch in der seelerlosen Nationalelf gelangen nur noch Müller Tore. Seeler pries ihn als seinen Nachfolger. Allein der pensionierte Herberger ("Er ist noch immer einer der Besten") beschwor Seeler vor dem Ausscheidungsspiel im April gegen Schottland in Glasgow: »Uwe, fahren Sie mit.« Seeler mochte nicht in den Ruf eines Umfallers geraten und zierte sich: »Das hätte mir der Bundestrainer selbst sagen müssen« (SPIEGEL 17/1969). Zudem vertraute der Gesundete Klubkameraden an, er wolle »die Zeit ohne Schmerzen genießen«.

Seit er sich auf Vereinsspiele konzentrierte, blieb er von ernsthaften Verletzungen verschont. Wie eine Marika Rökk des deutschen Fußballs trat Seeler in gleichmäßig guter Form auf. Saison-Bilanz: 23 Treffer -- nur Müller übertraf ihn (28 Tore).

Mit seinem Mercedes 250 SE Automatic reiste er pro Monat 4000 Kilometer zu seinen Kunden. Aber während der Fußballferien im Sommer kurte Seeler neuerdings, diesmal vorbeugend. Beruflich entlastete er sich zudem durch eine Angestellte, die ihm zusammen mit seiner Frau die Heimarbeit an Telephon und Schreibmaschine abnahm.

Die geflickten Sehnen strafften sich wie früher. An den ersten vier Tagen der diesjährigen Spielzeit bejubelten die Zuschauer Seeler-Tore; zwei beobachtete Bundestrainer Schön selbst. Herberger bedrängte das »Eiszeitidol« (Nationalspieler Karl-Heinz Schnellinger): »Uwe, Sie können nicht immer nein sagen.«

Als Schön ihn zu zwei Spielen im September gegen Osterreich und Bulgarien einlud, in denen sich Seeler für das Rückspiel gegen die Schotten am 22. Oktober in Hamburg auf die Nebenleute einstellen soll, gab er nach. Im Siegfalle und vorausgesetzt, daß ihn keine neuen oder alten Blessuren plagen, hofft Seeler sogar auf neue Weltmeisterschafts-Erfolge 1970 in Mexiko.

Seeler -- nach Herberger »physisch ein kleines Wunder« -- wäre als erster Deutscher zum viertenmal dabei. Von einem Rekord trennen das wunde Wunder freilich noch zehn Jahre. Der englische Star Stanley Matthews kickte sogar mit 42 Jahren in der Nationalelf.

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