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BASEBALL »Zum Wahnsinn bekennen«

Harvard-Professor Alan Dershowitz über die Hysterie um die Spiele zwischen den New York Yankees und den New York Mets
• aus DER SPIEGEL 43/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dershowitz, 62, zählt zu den prominentesten Strafverteidigern Amerikas. Der gebürtige New Yorker ist bekennender Fan der Mets, die seit Samstag in maximal sieben Matches gegen die Yankees um die US-Baseball-Meisterschaft spielen. -------------------------------------------------------------------

Es waren die nachrichtenpolitisch wichtigsten Tage des Jahres: der wackelige Waffenstillstand zwischen Israelis und Palästinensern, die letzte TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten, Bill Clintons Trauerrede für die toten Matrosen des US-Zerstörers »Cole«.

Allein die New Yorker Zeitungen wollten nichts davon wissen. Alle drei Boulevardblätter berichteten über die bevorstehende »Subway Series« zwischen den zwei lokalen Baseball-Mannschaften, den New York Yankees und den New York Mets. Selbst die seriöse »New York Times« brachte als einziges Foto über dem Knick eine Farbaufnahme feiernder Baseball-Spieler. Unter dem Bruch der Zeitung erschienen Bilder von Clinton, Barak, Arafat, Gore und Bush.

Den Höhepunkt derartiger Ignoranz lieferte aber die Nachrichtensendung »Nightline«. Unter den Gästen der ehrenwerte US-Botschafter Richard Holbrooke. Befragt, wie er mit seiner Erfahrung als Diplomat Leuten aus Asien oder Afrika oder Osteuropa erklären würde, was gerade in New York los ist, begann der sonst redegewandte Holbrooke zu stocken. Schließlich brach er hervor, dass man den Streit, der in der Subway Series zum Vorschein kommt, nur noch mit dem israelisch-arabischen Konflikt vergleichen könne.

Haben hier in New York alle den Verstand verloren? Fehlt unseren Diplomaten auf einmal jede Art von Perspektive? Wurden unsere großen internationalen Tageszeitungen dazu degradiert, Überschriften über lokale Streitereien zwischen Männern zu erfinden, die mit langen Holzknüppeln auf ein rundes Objekt aus Leder einprügeln? Die Antwort ist Ja. Außerdem konnte selbst Richard Holbrooke einem Nicht-New-Yorker nicht erklären, was die Subway Series wirklich ist. Ich als gebürtiger New Yorker hingegen werde es versuchen.

Dazu muss man natürlich erst einmal wissen, was Baseball ist. Ganz einfach: mehr als nur ein Sport; Baseball definiert die Identität der Amerikaner. Schon deshalb eröffnet der Präsident der Vereinigten Staaten für gewöhnlich die Baseball-Saison, indem er den ersten Ball wirft (meistens auf ziemlich ungeschickte Weise).

Wem dies als Beweis für die baseballbesessene Seelenlage der Nation nicht reicht, muss sich Filme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ansehen. Dort verhört oft der amerikanische Held einen spionageverdächtigen Deutschen, der versucht, sich als Amerikaner auszugeben. Die erste Frage kann oft schon die letzte sein: »Wie viele Homeruns schlug Babe Ruth 1927?« Wenn der Verdächtige die Antwort nicht weiß, wird er sofort als Spion erschossen. Jeder richtige Amerikaner kennt diese Zahlen über Babe Ruth' Homeruns so gut wie die Namen seiner Kinder.

Amerikaner müssen Baseball nur selten erklären, weil unsere Kinder damit aufwachsen. Aber für einen Fremden ist es praktisch unverständlich, weil es keinem anderen Sport gleicht, vielleicht mit Ausnahme des ebenfalls unverständlichen englischen Kricket. Es gibt keine Tore. Treten ist nicht erlaubt. Das Ziel des Spiels ist es, einen Ball, der dem Batter, dem Schläger, mit Tempo 150 entgegengeworfen wird, so zu schlagen, dass die gegnerische Mannschaft ihn nicht fangen kann.

Wir Amerikaner haben quasi ein Monopol auf Baseball, zumindest was die Meisterschaften angeht - deren Finale arroganterweise »World Series« genannt wird. Jetzt sind zwar ein paar kanadische Teams dabei, aber der Titel »World Series« wirkt immer noch ein wenig übertrieben. Dieses Jahr schafften es zwei Teams, 28 Gegner aus dem Weg zu räumen, beide stammen aus New York. Die New York Yankees sind in der Bronx zu Hause, dem nördlichsten Stadtbezirk New Yorks, während die Mets in Queens ansässig sind, in einem Stadion, das man sehen kann, wenn man auf dem Flughafen La Guardia landet.

Jetzt zur Subway. Die Subway ist die Untergrundbahn, die New Yorks fünf Stadtbezirke verbindet. Als ich in den vierziger und fünfziger Jahren in Brooklyn aufwuchs, gab es etliche »World Series«-Begegnungen zwischen den New York Yankees (das wohl ausdauerndste und erfolgreichste Team in der Geschichte dieses Sports) und meinen Lokalfavoriten, den Brooklyn Dodgers. Weil zu der Zeit jeder mit der U-Bahn fuhr, wurden diese Spiele »Subway Series« genannt. Sie entfachten harte ethnische und sogar familiäre Rivalitäten.

Die New York Yankees, die immer währenden Champions, galten als das alte Amerika, die WASPs, die »white guys«. Und das, obwohl einer ihrer Stars der italienische Immigrantensohn Joe DiMaggio war, der später Marilyn Monroe heiratete. Die Brooklyn Dodgers kamen aus der Arbeiterklasse: Schwarze, Juden, Iren, Italiener - die neuen Amerikaner. Die Yankees waren reich, die Dodgers arm. Die Yankees elegant, die Dodgers Penner. Wir identifizierten uns mit den Dodgers, glaubten, dass selbst wir eines Tages für die spielen konnten.

Jeden Morgen vor der Schule warf ich einen Baseball 100-mal in die Luft und fing ihn mit meinem Handschuh auf und ließ mir dann 100 Bälle von meinem Bruder zuwerfen, die ich mit einem Besenstiel zu treffen versuchte. Mit mir würden die Dodgers endlich die Yankees besiegen. Wir hassten die Yankees und all ihre Fans, besonders solche wie New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani - der in Brooklyn lebte, aber den Yankees zujubelte. Ich wusste schon immer, dass aus ihm ein Tyrann wird.

Jedes Mal, wenn unsere geliebten Penner gegen die erhabenen Yankees in einer Subway Series spielten, hielt ich eine Absprache mit Gott: Lass uns einmal gewinnen, und ich verspreche, nie wieder die Synagoge zu schwänzen. Aber wir verloren immer. Endlich, 1955, während meines ersten Semesters im College, gewannen die Dodgers das erste Mal die Subway Series. Nur meinen guten Vorsatz gegenüber dem Allmächtigen hielt ich nicht ein, und so kam es, dass die Dodgers eines Tages aus ihrer ärmlichen Gegend in Brooklyn ins grünere Los Angeles verkauft wurden. Die Dodgers waren jetzt Hollywood.

Dummerweise gibt es keine U-Bahn, die Los Angeles mit der Bronx verbindet, und deshalb endete auch die Subway Series. Ein paar Jahre später kam ein neues Arbeiterklassen-Team in eine mittelständische Gegend in Queens. Sie hießen Mets. Seit 44 Jahren hat es keine Subway Series gegeben, und es ist unwahrscheinlich, dass wir in unserem Leben eine weitere erleben.

Ja, es stimmt, dass wir alle den Verstand verloren haben. Wir bekennen uns zu unserem Wahnsinn, aber mit guter Begründung. Wir leben in einer harten Welt.

Für neun Tage verdrängen wir New Yorker den Mittleren Osten, die Wahlen, den Terrorismus, die Umwelt, das Kosovo und den Fall des Euro aus unserem kollektiven Bewusstsein. Die Subway Series ist etwas, wovon wir unseren Kindern voller Nostalgie erzählt haben. Jetzt können sie irgendwann auch ihren Kindern davon berichten.

Wir bitten nicht darum, dass ihr uns verzeiht; versucht einfach, uns zu verstehen. Und wenn nicht? Dann vergesst uns einfach für neun Tage.

Alan Dershowitz
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