Hamid Karzai: "Mein Leben liegt in Gottes Hand" - DER SPIEGEL
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Hamid Karzai "Mein Leben liegt in Gottes Hand"

Zusammen mit George Bush teilt er sich Platz eins auf der Todesliste von al-Qaida und Taliban: Für Afghanistans Interimspräsidenten Hamid Karzai ist die permanente Gefahr längst zum Alltag geworden.
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Seit über einem Jahr regiert der 45-jährige Paschtune ein desolates Land, in dem noch immer die Warlords das Sagen haben. Hamid Karzai selbst entging im vergangenen Jahr nur knapp einem Attentat. Bei einem Besuch seiner Heimatstadt Kandahar im September verfehlten ihn die Kugeln eines fanatischen Taliban haarscharf - ein Anhänger Karzais hatte sich im letzten Moment vor die Waffe des Angreifers geworfen. Ob er Angst habe zu sterben, fragten Reporter von SPIEGEL TV den afghanischen Präsidenten in Kabul. Nein, erklärte Karzai lächelnd, das läge in der Hand Gottes. "Aber bis heute", so der gläubige Muslim, "bin ich am Leben."

Seit dem Attentat hat sich dennoch vieles verändert: Die Integrationsfigur Karzai wird hermetisch abgeschirmt. Bis zu 40 US-Bodyguards folgen dem agilen Präsidenten rund um die Uhr auf Schritt und Tritt. Während Karzai zahlreiche Reisen ins Ausland unternimmt, sind seine öffentlichen Auftritte im eigenen Land selten geworden. Fast immer werden die Ansprachen vor handverlesenem Publikum geheim gehalten. Aus Angst vor einem Hinterhalt ändern sich die Fahrtstrecken innerhalb Kabuls ständig, Provinzbesuche finden kaum noch statt. "Ich wäre glücklicher ohne diese Sicherheitsmaßnahmen", beteuert Karzai, der gern einmal "einfach spazieren gehen würde wie alle anderen". Die Realität jedoch sieht anders aus: Das Leben des Übergangspräsidenten vollzieht fernab seines eigenen Volkes.

Karzai überlebte das Attentat nicht nur physisch, sondern auch politisch. Der in Indien ausgebildete Politologe gilt vielen als unentbehrlich gewordener Vermittler zwischen allen afghanischen Fraktionen. "Als man versuchte ihn umzubringen, wurde allen klar, wie schwer er zu ersetzen ist", erklärt Lakhdar Brahimi, Sonderbeauftragter der Uno in Afghanistan. Karzais diplomatisches Geschick findet sowohl bei Stammesfürsten als auch westlichen Regierungschefs Anklang. Selbst der ehemalige afghanische König Zaher Shar scheint dem Politiker zu vertrauen: "Ich unterstütze Hamid Karzai bei allem. Er ist jemand, der für Afghanistan nur Gutes will. Er ist ein ehrlicher, aufrechter Mensch."

Der für seine Umsicht gelobte Hoffnungsträger einer neu gewonnenen Staatlichkeit tut sein Bestes. Auch wenn die meisten Erlasse der Regierung kaum zu realisieren sind, formulieren sie doch immerhin Ziele und sind Ausdruck eines neuen Selbstbewußtseins.

Zu den Maßnahmen Karzais gehört unter anderem die Einführung einer neuen Währung, die eine effizientere Finanzierung der zahlreichen Aufbauprojekte sicher stellen soll. Man hofft, auf diese Weise die "Geldhoheit" der Warlords zu beschneiden und die Drogengeschäfte zu stören. Gegen deren Ausbreitung hat die Regierung bereits eine Spezialtruppe ausgehoben, die jedoch nicht sofort zum Einsatz kommen wird - und das, obwohl der Opiumanbau im vergangenen Jahr erneut rekordverdächtig zugenommen hat. Eine solche Verzögerung ist jedoch nach Meinung von Uno und Karzai weniger ein Ausdruck der Rechtlosigkeit als vielmehr die Folge der wirtschaftlichen Not, die vielen Bauern keine Alternative lässt.

SPIEGEL TV hat Hamid Karzai in Kabul besucht.