Fall Carolin "Er wollte das Kind ans Kreuz schlagen"
Weißenhorn/Brindisi - Der Fall des totgeprügelten Mädchens im bayerischen Weißenhorn gibt der Polizei auch nach der Ergreifung der Hauptverdächtigen Rätsel auf. Gegenüber der italienischen Polizei hatte die 24 Jahre alte Mutter der toten Carolin ihren Lebensgefährten Mehmet A. schwer belastet. Doch die deutschen Ermittlungsbehörden haben Zweifel an der Glaubwürdigkeit der jungen Frau. Dem Obduktionsergebnis nach habe das Kleinkind nicht, wie von der Mutter angegeben, ein wochenlanges Martyrium hinter sich. "Die Verletzungen stehen in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit dem vorigen Montag, dem Todestag", sagte Armin Mayer, Sprecher der Polizei Krumbach. Man habe keine Spuren von vorangegangenen Misshandlungen gefunden.
Der Türke Mehmet A. sitzt im Gefängnis in Brindisi. Auch die polnische Mutter, Zaneta B., wurde zunächst inhaftiert, um sie wegen eines internationalen Haftbefehls nach Deutschland auszuliefern. Seit einer Woche ermittelt die Polizei, wer die sterbende Carolin auf der Kliniktoilette im bayerischen Weißenhorn abgelegt haben könnte.
"Er ist völlig ausgetickt"
Inspektor Salvatore Madaro von der Polizei in Brindisi hatte Zaneta B. die ganze Nacht über verhört. Die Aussagen der Frau belasten ihren 30-jährigen Lebensgefährten Mehmet A., doch der schweigt beharrlich. Der Mann habe das Kind oft misshandelt, habe Carolin gar ans Kreuz schlagen wollen, sagt die Mutter. Er habe das Kind immer wieder als "Bastard" bezeichnet und es auch so angesprochen. Schließlich sei er "völlig ausgetickt". Aus dem Vernehmungsprotokoll: "Am 4. Januar wurde Mehmet wieder extrem gewalttätig. Er schlug den Kopf der Kleinen gegen die Wand. Das Mädchen hört auf zu atmen, zeigte kein Lebenszeichen mehr. Nur das Herz schlug noch. Ich flehte: 'Bring das Kind ins Krankenhaus.' Und ich schwor, alles zu tun, was er von mir verlange."
Nach Ansicht von Inspektor Madaro ist die Frau von ihrem Freund misshandelt worden. Einem ärztlichen Gutachten zufolge hatte die Frau mehrere Blutergüsse am Kopf, die von Schlägen herrühren. Bei der Festnahme finden die italienischen Beamten bei Mehmet A. ein Jagdmesser und ein Pfefferspray. Die Frau macht einen sonderbaren Eindruck auf die Ermittler. Sie habe kühl und abwesend gewirkt, habe sich vor allem darum gesorgt, was nun mit ihr geschehe.
"He killed my baby"
Eigentlich will Mehmet A. über Griechenland in sein Heimatland Türkei fliehen. Doch sie kommen zu spät in Brindisi an, die Fähre ist bereits ausgelaufen. Mehmet tauscht in einem Pfandhaus Schmuck gegen Bargeld und mietet sich in einer Pension ein. Am Mittwochabend trifft Hotelier Maurizio Lotesoriere das Paar an der Bar. Der Besitzer der Pension bemerkt, dass die junge Frau ihm etwas mitteilen will. Sie habe ihn immer wieder angesehen und ihm Zeichen gegeben, sagt er. Als Mehmet den Raum verlässt, spricht er die junge Frau an und fragt, ob es ein Problem gebe. Nach und nach habe sie ihm zu verstehen gegeben, dass er die Polizei rufen solle. Die Beamten nehmen Mehmet A. mit, Zaneta B. bleibt in der Pension zurück. Sie sei verängstigt gewesen, erzählt der Wirt. Schließlich habe sie gesagt: "He killed my baby."
Die grausige Entdeckung macht eine Besucherin der Klinik in Weißenburg am vorigen Montag: Sie findet die sterbende Carolin. Das Mädchen liegt unbekleidet, eingewickelt in ein Bettlaken, im dritten Stock auf dem Boden der Damentoilette. Die Ärzte können nichts mehr für das Kind tun. Im Obduktionsbericht halten die Mediziner fest, dass die Dreijährige regelrecht totgeschlagen wurde. Die Polizei rekonstruiert das Gesicht des Opfers, das später dank eines Hinweises als Carolin B. identifiziert wird.
Das Mädchen war so schlimm zugerichtet worden, dass selbst der Stiefvater der 24-jährigen Zaneta B. die Kleine auf dem rekonstruierten Bild der Polizei nicht wiedererkannte. Carolins Großmutter kann das Geschehene nicht fassen. "Meine Tochter kann so etwas nicht gemacht haben, das glaube ich einfach nicht", sagte Zaneta B.s Mutter. Auf ihrem Wohnzimmertisch liegen Fotos von glücklicheren Tagen.