Anabolika-Doping unter Jugendlichen: Die Popeyes von morgen - DER SPIEGEL
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Anabolika-Doping unter Jugendlichen Die Popeyes von morgen

Um den Körper in Form zu bringen, greifen immer mehr Teenager zu Wachstumshormonen. Obwohl den meisten Freizeitdopern die gesundheitlichen Risiken bekannt sind, werfen sie ein, was auf dem Markt zu haben ist: Vom dünnen Hemd zum Popeye sind es nur wenige Wochen. SPIEGEL TV hat einen Blick in die Muckibuden geworfen.
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Die Kinder von gestern haben von Popeye gelernt: Vom Hänfling zum Muskelmann kann man binnen kürzester Zeit wachsen, man muss nur das Richtige einwerfen. Im Gegensatz zum Zeichentrickvorbild greifen viele Jugendliche allerdings nicht zu Spinat, sondern setzen auf Wachstumshormone, auf Anabolika.

Innerhalb weniger Wochen pumpen sich die Teenager so die Muskeln auf. Gerade jetzt im Frühling haben Anabolikalieferanten Hochkonjunktur: Rechtzeitig zur Freibadsaison werden Waschbrettbäuche, Bizeps, Trizeps, Bauch-, Bein- und Pomuskeln in Form gebracht. Die gesundheitlichen Risiken, die die modellierwilligen Jugendlichen dabei eingehen, sind enorm - und den meisten Konsumenten bekannt. "80 bis 90 Prozent der Leute machen das in der Zeit auf den Sommer zu", sagt Anabolika-Konsument Jack O. zu SPIEGEL TV. "Wenn man im Winter Anabolika nimmt, sieht es ja niemand. Da läuft man ja nicht nackt herum."

Seit vier Jahren schwitzt der heute 17-Jährige Jack O. im Fitnessstudio. Um den Körper auf seine Traummaße zu bringen, reicht das normale Training längst nicht mehr aus. "Es gibt Tabletten und es gibt Spritzen, die man sich in die Muskeln spritzt." Er selbst lasse sich jeden "zweiten, dritten Tag" eine Injektion in den Hintern geben. "Und dann in die Schulter. Mal rechts, mal links."

Jack O.s Trainingskollege wog 75 Kilogramm, als er "auf Naturbasis" zu trainieren begann. Zwei Jahre lang stemmte er Hanteln und drückte Gewichte, dann entdeckte er das Mittel Creatin - und die Waage zeigte plötztlich 82 Kilogramm. Eine weitere "Intensivkur", empfohlen von den Freunden, mit Wachstumshormonen ließ ihn dann zum wahren Muskelriesen werden. "Als ich auf Stoff war, war ich bei 99 Kilo."

Mit Gratisdosen werden die Jugendlichen frühzeitig angefüttert. Der 18-jährige Pascal K. aus Hamburg bemerkt nicht nur, dass sein Bizeps gigantisch zulegte, sondern auch die Nebenwirkungen. "Ich werde davon manchmal aggressiv, kriege Schlafstörungen. Aber das sind nun mal die Nebenwirkungen, wenn man das macht."

Offiziell sind Anabolika in Deutschland nur auf Rezept zu bekommen. Der illegale Handel gilt als Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und wird mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren geahndet. Abschrecken lässt sich dadurch kaum jemand. Dealer besorgen sich ihre Waren ohne Probleme im Ausland. "Solche Packungen bekommt man in der Türkei in jeder Apotheke. Ohne Rezepte", sagt ein Anabolikahändler. Gebe es Nachfragen, könne man argumentieren, man brauche das, "damit sich die Knochen stabilisieren". Wenn man dann noch sage, dass der Arzt in Deutschland das Mittel verschrieben habe, "dann geben die das schon".

Ganz bequem kann man sich per Internet Steroide aller Art besorgen - beispielsweise bei eBay. Um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, verfahren die Anbieter nach einem Trick: Sie verkaufen angeblich leere Verpackungen, beispielsweise von thailändischen Dianabol-Tabletten. Unter den entsprechenden Artikeln stehen dann Hinweise wie diese:

"Der angebotene Artikel wird ohne Inhalt verkauft und damit verstoßen wir gegen keine Richtlinien oder Gesetze, ebenso handeln wir nicht gegen das Arzneimittel- und Betäubungsgesetz!!!"

eBay-Verkäufer Thorsten M., selbst ein arbeitsloser Bodybuilder, erklärt das Verfahren: "Welcher normale Mensch verkauft den öffentlich Anabolika bei eBay direkt?" Volle Flaschen oder Ampullen würden nicht angeboten. Allerdings hat die Szene eine codierte Sprache entwickelt. Thorsten M. nennt seine Produkte beispielsweise "die beliebtesten Stopschilder". Für die angeblich leeren Tablettendöschen klettern die Gebote dann schnell auf mehr als 100 Euro.

Mittlerweile gleicht das Geschäft mit den verbotenen Steroiden dem Drogenhandel - auch was die Gewinnmöglichkeiten angeht. Besonders die Produkte aus China sind extrem billig. Nach Angaebn von Hans Geyer vom biochemischen Institut der deutschen Sporthochschule in Köln kostet ein Gramm eines Wachstumshormons in der Volksrepublik etwa 120 Dollar. In Deutschland müsste man für diese Menge circa 6000 Euro bezahlen. "Mit einem Gramm könnte man etwa 400 Tabletten herstellen", sagt Geyer.

Kein Wunder also, dass das Geschäft boomt: Im vergangenen Jahr beschlagnahmte der deutsche Zoll mehr als eine Million Anabolikatabletten und -ampullen, gegen mehr als 200 Personen wurde ermittelt. Angesichts der hohen Gewinnspannen gingen die Schmuggler mit großer Kreativität vor, sagt Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt. Angebliche Vitaminpräparate entpuppen sich bei genauerer Untersuchung als Anabolika. Im vergangenen Oktober stellten belgische Beamte eine halbe Tonne Anabolika sicher. Wert: rund 150 Millionen Euro. Ein Teil davon war für den deutschen Markt bestimmt.

Wie gefährlich die Einnahme von Anabolika ist, untersuchen die Wissenschaftler am Münchner Rechtsmedizinischen Institut. Hans Sachs vom Forensisch-Toxikologischen Centrum erklärt: "Es kommt zu einer verminderten Potenz. Es kommt zu einer verminderten Spermienproduktion, was den Jugendlichen oft zunächst nicht auffällt." Erst im Alter von 30 bis 40 Jahren würden die irreparablen Schäden dann tatsächlich bemerkt.

Die Nebenwirkungen des Anabolikakonsums sind den meisten Konsumenten nicht unbekannt. "Wenn man Anabolika zu lange nimmt, merkt man das auch. Man kriegt automatisch Glubschaugen. Man blutet aus der Nase durch den zu hohen Blutdruck. Die Leber geht kaputt, man kriegt Herzrhythmusstörungen. Das ist schon katastrophal", sagt Jack O., der aber trotzdem meint, mit den Wachstumshormonen umgehen zu können: Nach einer "Kur" mache er einfach eine Pause, "damit sich der Körper ausruhen kann".