Generation Bleifuß: Tempolimit unbekannt - DER SPIEGEL
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Generation Bleifuß Tempolimit unbekannt

Sie ignorieren rote Ampeln, rasen mit Tempo 150 durch Ortschaften, überholen trotz Gegenverkehr - oder auf dem Fußweg. Die Polizei kann nichts mehr schocken, sie liefert sich tagtäglich Verfolgungsjagden mit Rasern. SPIEGEL TV war mit den Tempo-Cops unterwegs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Sommerzeit bedeutet Jagdsaison auf deutschen Straßen. Dann drehen die Vollgas-Junkies richtig auf, und die Polizisten heften sich an ihre Auspuffe. Den Rasern scheint keine Kurve zu unübersichtlich, kein Tempolimit gerechtfertigt und kein Überholverbot wichtig. Sie fahren, wie es ihnen passt. Ohne Rücksicht auf Verluste - und die gibt es deshalb reichlich. Allein in diesem Jahr starben acht Menschen bei Raser-Unfällen, 600 wurden verletzt.

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Generation Bleifuß: Tempolimit unbekannt

Foto: SPIEGEL TV

Eine der wirksamsten Waffen gegen leichtsinnige Temposünder ist die Radarpistole. Gut getarnt, verbergen sich die Beamten der Polizei Düren an einer Kurve im Wald. Dort, wo eine Geschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde erlaubt ist, zischt ein roter Blitz vorbei. Per Funk alarmiert der Beamte die Kollegen: "Ein rotes Motorrad! Ich konnte nur ein rotes Motorrad erkennen!" Wenig später wird der flotte Biker von den Polizisten gestoppt. Laut Radarpistole war der Hondafahrer mit Tempo 94 unterwegs - einsehen will er sein Vergehen aber nicht. Hier gebe es doch gar keine Geschwindigkeitsbegrenzung, argumentiert der Holländer. Dann fällt ihm ein, dass er ein Tempo 80 Schild gesehen haben will. "Aber ich war doch nicht so schnell", sagt er zu SPIEGEL TV. Derweilen tuckern seine Kumpels langsam vorbei - und das ist ihr Fehler. An allen acht Zweirädern werden Mängel festgestellt - die Schalldämpfer fehlen, die Bikes sind zu laut. Das kostet die Niederländer 70 Euro pro Nase. Ein teurer Ausflug. Aber sie haben Glück im Unglück: Normalerweise hätten sie gar nicht weiterfahren dürfen, sondern ihre Motorräder per Hänger zur Grenze bringen müssen. Doch die Polizei drückt ein Auge zu.

Ein Eldorado für Bleifüße ist auch die Autobahn Berlin - Frankfurt an der Oder. Zwei Zivilpolizisten sind hier auf der Suche nach Temposündern. Morgens um 9.57 Uhr rasen sie einem silberfarbenen Audi A8 hinterher. Der Fahrer passiert mit 140 Sachen eine Baustelle, wo eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern erlaubt ist. Mit einer Videokamera halten die Polizisten das Vergehen fest. Dann setzen sie ihr Blaulicht aufs Dach - und geleiten den Fahrer zum nächsten Parkplatz. Am Steuer sitzt ein Holländer. Sichtbar gelangweilt hört er sich den Vortrag der Polizisten an, während die Beamten von Höchstgeschwindigkeit reden, packt der Mann sein Trinktütchen aus. Er wisse, dass er zu schnell war, sagt er. "Ich bin bei dem Verkehr mitgefahren." Bei einem Deutschen wäre jetzt der Führerschein weg, von dem Ausländer kassieren die Polizisten lediglich 200 Euro und verhängen eine Anzeige wegen der Geschwindigkeitsübertretung, die als Ordnungswidrigkeit geahndet wird.

In der Eifel hat es derweilen einen Zweirad-Liebhaber erwischt. Er hat sich auf einer der kurvenreichen Pisten übernommen und ist in einer Linkskurve gegen die Leitplanke geprallt. Das Resultat: Ein kaputtes Bike und ein schwer verletzter Fahrer, der mit dem Rettungswagen abtransportiert wird. Angesichts der Bremsspuren und des Wracks ist sich der Polizist sicher: Der Fahrer ist wesentlich zu schnell in die Kurve gerauscht, hat dann versucht, in der Kurve zu bremsen. Und das ging schief.

Viel zu schnell ist auch ein Kleinlaster mit Berliner Kennzeichen unterwegs. 165 Stundenkilometer zeigt der Tacho der Polizisten. Das sind 65 zuviel. Doch dem Fahrer macht das wenig aus. Sein Mercedes Vito sei ein Firmenwagen. "Bis jetzt ist noch nie etwas gekommen, und wenn schon", sagt der Ertappte. Dann werde sein Betrieb die Strafe schon bezahlen. "Watt soll's." Nicht jeder nimmt das Treffen mit den Gesetzeshütern auf die leichte Schulter. Im Raum Hannover bricht eine Frau in Tränen aus, als sie in ihrem roten Golf angehalten wird. Sie sei ja nur deswegen so schnell gefahren (150 Stundenkilometer bei erlaubtem Tempo 100), weil sie ihre Kinder abholen müsse.

"Meine Cousine hat gesagt: 'Komm bitte hoch. Die Kinder weinen, sie haben Heimweh.' Und da hab' ich nur noch Gas gegeben", weint die Frau. Angesichts der Tränenflut sind die Beamten etwas überfordert. "Das ist doch kein Beinbruch", versichern die Polizisten der hemmungslos schluchzenden Raserin. Um die Frau zu beruhigen, beschließen die Beamten ihr nur die halbe Wahrheit zu erzählen. "Die müssen wir erstmal richtig beruhigen, sonst können wir die gar nicht weiterfahren lassen." Dass ihr ein Fahrverbot droht, sagen ihr die Polizisten nicht. Stattdessen sprechen sie vom "Regelsatz, der 100 Euro" beträgt. "Da ist doch fast gar nichts passiert", versichern die einfühlsamen Zivilpolizisten.

Und schon sind sie wieder im Einsatz, denn die Raser auf Deutschlands Straßen machen keine Pause.