Kriminalermittlungen: Tote ohne Namen - DER SPIEGEL
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Kriminalermittlungen Tote ohne Namen

Mehr als 1200 Tote, die nicht identifiziert werden können, wurden seit 1990 in Deutschland gefunden. In etlichen Fällen ist die Polizei sicher, dass diese Menschen ermordet wurden. Doch bleiben Opfer wie Täter unerkannt. SPIEGEL TV hat die Fahnder beim Versuch begleitet, das Rätsel der unbekannten Toten zu lösen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

22. August 2003. Erkner im Oder-Spree-Kreis: Ein Mitarbeiter einer Rohrreinigungsfirma hebt einen Gullydeckel in der Karl-Tietz-Straße an - sein Blick fällt in den Regenwasserschacht. Der Kanalreiniger sieht sofort, dass dies kein Routineeinsatz wird. "Da unten sitzt einer", ruft er seinem Kollegen zu, und dann: "Taschenlampe!"

Als die beiden Männer in das etwa zwei Meter tiefe Loch leuchten, entdecken sie einen menschlichen Schädel und etliche Knochen. Teilweise hängen an dem männlichen Skelett sogar noch Kleider. Schon nach den ersten Ermittlungen schließt die Polizei ein Verbrechen nicht aus. Allein könne man einen solchen Kanaldeckel kaum anheben und von innen wieder verschließen, vermuten die Kriminalisten aus Frankfurt an der Oder schon am Tag nach dem Fund. Doch wer ist der Mann, warum wurde er in den Schacht gesteckt. Und wurde er ermordet?

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Kriminalermittlungen: Der Tote ohne Namen

Foto: SPIEGEL TV

Aufgrund des Verwesungszustands der Leiche gehen die Beamten davon aus, dass der Körper etwa drei Jahre in dem Regenwasserschacht gelegen haben muss. Bemerkt hat davon angeblich niemand etwas - obwohl der Schacht direkt neben einem Mehrfamilienhaus liegt und ein Fußweg daran vorbei führt. Möglicherweise, so vermuten die Polizisten, wurden die bei der Verwesung entstehenden Gerüche nicht wahrgenommen, denn ganz in der Nähe befindet sich eine Abwasserpumpstation.

Das Alter des etwa 1,73 Meter großen Mannes wird zunächst auf 30 bis 60 Jahre geschätzt. Seine rechte Gesichtshälfte war möglicherweise durch eine Narbe entstellt, ein Wangenknochen wurde dem Mann zu Lebzeiten zertrümmert. Ärztlich behandelt wurde der Unbekannte aber nicht. Als die Beamten bei ihren Ermittlungen nicht weiterkommen, versuchen sie dem Toten ein Gesicht zu geben - mit Hilfe neuer Ermittlungstechniken.

Ursula Wittwer-Backofen, Anthropologin an der Universität Freiburg, hat ein neues Verfahren zur Altersbestimmung von Leichen entwickelt. Ähnlich wie bei Jahresringen an Bäumen, so hat die Freiburger Forscherin herausgefunden, ist auch im so genannten Zahnzement der Wechsel von Sommer und Winter nachzuvollziehen. Die Altersbestimmung war bis in die jüngste Vergangenheit nur als grobe Schätzung anhand der Abnutzung und Größe von Knochen und Zähnen möglich. Nun, so sagt Wittwer-Backofen, kann einfach abgezählt werden, wie viele Jahre ein Mensch gelebt hat. Auf 30 Monate genau ist das Alter der Zähne zu bestimmen. Der Tote, sagt Wittwer-Backofen, war zwischen 33 und 39 Jahren alt, als er starb.

Zudem ist die Professorin Spezialistin für Gesichtsrekonstruktionen. Schickt ihr das Bundeskriminalamt die Leiche eines Unbekannten, erstellt sie nach der genauen Computervermessung ein Bild, das aus vielen Mosaiksteinen besteht. Aus einer Datenbank mit mehr als 1100 verschiedenen Gesichtern werden die jeweils passende Nasenform, Augenabstand, Stirnbreite und -höhe und andere charakteristische Merkmale zusammengesetzt. Binnen weniger Tage kann ein Bild erstellt werden - das ist ein erheblicher Vorteil im Vergleich zur herkömmlichen Methode der plastischen Rekonstruktion. Die liefert zwar dreidimensionale Gesichter, dauert aber dafür mehrere Monate.

In Deutschland gibt es seit dem Jahr 1990 mehr als 1200 unbekannte Tote, allein im Bundesland Brandenburg sind es 78. In 19 Fällen weiß die Polizei, dass die Menschen einem Verbrechen zum Opfer fielen. Bei weiteren 20 Leichen ist das zumindest nicht auszuschließen. Die Todesursache ist unklar.

Vor besondere Probleme gestellt werden die Spezialisten des Landeskriminalamtes (LKA) immer dann, wenn tote Säuglinge oder Kleinkinder gefunden werden - und das passiert gar nicht so selten. In den Akten des LKA Brandenburg, in denen die unbekannten Toten aus den Jahren 1991 bis 2000 aufgeführt sind, finden sich sieben Neugeborene, Säuglinge oder Kleinkinder. Da sie noch keine Zähne haben, ist oft ein Gentest die einzige Möglichkeit, sie eindeutig zu identifizieren - wenn man denn eine Vergleichsperson hat, einen Angehörigen.

Schwierig wird es dann, wenn lediglich Leichenteile gefunden werden, wie am 27. Februar 1991: "Auffinden von menschlichen Skelett-Teilen, die im Erdreich vergraben wurden". Oder am 8. Mai 1993: "Auffinden eines Leichenteils, bei dem davon ausgegangen werden kann, dass eine Abtrennung mittels Beil oder einem ähnlichen Werkzeug erfolgte." Am 7. März 1999 verzeichnen die Beamten: "Auffinden vom menschlichen Beinen in einem Plastiksack."

Im Fall des Toten aus dem Erkner Gully hofft die Polizei nun auf den Durchbruch: Jetzt, wo der Mann ein Gesicht hat, soll er auch seinen Namen zurückbekommen.