Goldrausch im Elendsviertel "Ein Geschenk des Himmels"
Gute Nachrichten gehören in den Slums von Manila zur Ausnahme: Wer in Del Monte, einem der Elendsviertel der philippinischen Hauptstadt, geboren wird, den erwartet normalerweise ein Leben in Armut. Nun haben die Einwohner zum ersten Mal wirklich Glück: Im Dario-Fluss, einer Kloake, die sich durch das Viertel schlängelt, haben Einwohner Gold gefunden. Der 15-jährige Alfredo war einer der ersten Glückspilze. Beim Baden in der stinkenden braunen Brühe entdeckte er einen auffällig gelben Stein. "Ich habe den Stein erst weggeworfen. Dann habe ich ihn aber doch zurückgeholt. Der Stein hatte diese seltsame gelbe Farbe", sagte der Junge gegenüber SPIEGEL TV. Zu Hause habe er den Fund dann seinen Eltern gezeigt. Erst der Vater erkannte den Wert: "Das ist Gold", erklärte er seinem Sohn.
Goldrausch im Elendviertel: "Es ist wie ein Geschenk"
75 Gramm schwer war das Edelmetall, das Alfredo dem Bäcker im Slum verkaufte - für umgerechnet 500 Euro. Für die sechsköpfige Familie, die gemeinsam in einem acht Quadratmeter großen Zimmer lebt, ist das enorm viel Geld. "Meine Frau verkauft ab und zu Süßigkeiten auf dem Markt. Und Alfredo sucht im Fluss nach Aluminium-Dosen, die er dann verkauft", erzählt der arbeitslose Vater. "Das ist die Belohnung für den Goldfund", sagt die Mutter und zeigt dabei auf ein Fernsehgerät. "Und dazu konnten wir uns auch diesen Reiskocher kaufen." Dass sie sich trotz des Fundes keine größere Wohnung leisten können, stört sie nicht. "Es ist klein, aber wir sind glücklich. Wir sind froh, dass uns Gott diesen Segen gegeben hat."
Seit Alfredos Fund tummeln sich am Dario-Fluss Hunderte Glücksritter. "Das ist ein Geschenk des Himmels für die Menschen, die es nötig haben. Wir leben hier am Rand des Flusses und versuchen uns Tag für Tag durchzuschlagen, damit wir überleben können. Das ist ein Geschenk", sagt einer der Anwohner. Kinder, Jugendliche und Alte - bis zu den Knien stehen die Goldsucher in der stinkenden Brühe und versuchen mit einfachsten Mitteln, das glänzende Edelmetall zu bergen. Eine junge Frau hat einige Karat gefunden, noch am Ufer verkauft sie an einen Zwischenhändler: "Davon kann ich mir fünf Kilo Reis kaufen und sogar noch ein halbes Kilo Schweinefleisch. Was übrig bleibt, reicht für drei Tage Haushaltsgeld", freut sie sich. Ein anderer Mann hat 16,2 Gramm Gold gefunden. "Ich hatte nicht einmal das Geld, mir einen Ventilator zu kaufen", sagt er. "Jetzt habe ich zwei Ventilatoren und einen neuen Fußboden aus Linoleum. Es ist wie ein Wunder." Der unverhoffte Goldrausch lässt die Menschen im Viertel improvisieren: Eine ehemalige Schuhmacherei wird kurzerhand in eine Goldschmiede umgewandelt.
Dass das Glück mit dem Gold mal enden könnte, wollen die Menschen erstmal nicht glauben - obwohl die Zahl der Funde bereits deutlich abgenommen hat. Und das hat seinen Grund: Im Geologischen Institut Manilas wurden Bodenproben aus dem Fluss untersucht und nun steht fest: "In diesem Gestein kann man keinerlei Goldspuren finden", bestätigt Geologe Edwin Gillon gegenüber SPIEGEL TV.
Inzwischen steht fest, dass das Gold höchst irdischen Ursprungs ist: Offensichtlich hat die Zentralbank von Manila Schotter, der aus einer Goldmine stammt, versehentlich abtransportieren lassen. Die beauftragte Spedition, die das Material entsorgen sollte, wählte dann offenbar den kostengünstigen Weg: den Dario-Fluss. Gegenüber dem Kamerateam dementierte die Eigentümerin Bernadette Buan: "Die Zentralbank gibt doch kein Gold raus." Zudem seien die Steine gar nicht von ihrer Spedition angeliefert worden.
Den Anwohnern in Del Monte ist das aber sowieso egal. Sie versuchen, ihr Glück zu machen, so lange es noch geht. Der Bäckermeister im Viertel sagt: "Jetzt müssen wir lernen, wieder zum Alltag zurückzukehren. Manchmal gehen die Leute noch zum Fluss und suchen weiter. Aber bald ist das Gold ganz weg." Ein paar Tage lang durften die Menschen in Del Monte von einem besseren Leben träumen. Jetzt müssen sie sich wieder daran gewöhnen, mit der Armut zu leben.