Interview "Prostitution ist überflüssig"
SPIEGEL ONLINE
: Seit dem 1. Dezember 2000 ist Prostitution in Berlin nicht mehr sittenwidrig, die Regierungskoalition diskutiert bereits einen Gesetzesentwurf zur Gleichstellung von Prostituierten. Welche Position vertreten die evangelischen Frauenverbände?
Susanne Lipka: Es gibt im Verband noch keine offizielle Stellungnahme zu diesem Thema. Im Mai wird es in Berlin eine Fachtagung des Diakonischen Werkes zu Prostitution und Menschenhandel geben. Bei vielen Kollegen herrscht jedoch schon jetzt die Meinung vor, dass mehr oder minder freiwillige Prostituierte sozialversichert sein sollten. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen müssen unbedingt verbessert werden.
SPIEGEL ONLINE: Ist eine Gesellschaft ohne Prostitution überhaupt denkbar?
Lipka: Auf jeden Fall. Das ist unser Ziel. Wir pflegen die Vision einer Welt, in der es Prostitution nicht geben muss, weil sie überflüssig ist. Und in eben diese Richtung wollen wir auch arbeiten - Sexualität sollte verantwortungsbewusst in Beziehungen gelebt werden.
SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren auf dem Weg in eine prostitutionsfreie Gesellschaft?
Lipka: Sehr einfach formuliert: Das Patriarchat müsste abgeschafft werden. Die Männer müssten ihren Umgang mit Sexualität vollständig überdenken und verändern. Im Zuge einer wirklichen Gleichberechtigung sollten Frauen ausreichend Alternativen in der Wahl ihrer Erwerbstätigkeit haben und nicht darauf angewiesen sein, durch den Verkauf ihres Körpers den Unterhalt ihrer Familie zu sichern. Umschulungsmaßnahmen durch das Arbeitsamt sind zum Beispiel nur möglich, wenn die Frauen auch sozialversichert sind.
SPIEGEL ONLINE: Sittenwidrig ist laut Paragraf 138 des Bürgerlichen Gesetzbuches, was gegen "das Anstandsgefühl aller billig und gerecht denkenden Menschen" verstößt. Ist das eine rein juristische oder auch eine moralisch-ethische Kategorie?
Lipka: Natürlich ist die Sittenwidrigkeit auch ein moralisch-ethischer Faktor. Da sich aus der juristischen Interpretation des Begriffes aber große Nachteile für die Menschenwürde der Frauen ergeben, kann ich es nur begrüßen, wenn Prostitution nicht länger als sittenwidrig bezeichnet wird. Und wenn die Sozialversicherung der Prostituierten nur per Abschaffung der Sittenwidrigkeit möglich ist, dann muss sie eben abgeschafft werden. Ich persönlich könnte damit gut leben.
SPIEGEL ONLINE: Nicht die Prostitution selbst ist unter Strafe gestellt, sondern die Förderung derselben kann laut Paragraf 180a des Strafgesetzbuches bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe nach sich ziehen.
Lipka: Genau. Wir denken, dass dieser Ist-Zustand der Prostituierten sehr schädlich ist. Sehen Sie, wenn ein Zuhälter die Frau unter übelsten hygienischen Bedingungen in einem Rattenloch arbeiten lässt, dann ist das unter Umständen keine Förderung der Prostitution. Wenn der Besitzer eines Bordells zwar für annehmbare sanitäre Zustände sorgt, aber öffentlich Kondome auslegt, dann ist es Anstiftung zur Kuppelei. Was diese Gesetzesvorgaben betrifft, würden wir uns eine stärkere Differenzierung wünschen. Auch sollte die Prostitution nicht in Industrieviertel oder ähnliche Randgebiete verdrängt werden, wo die Frauen zusätzlich gefährdet sind.
SPIEGEL ONLINE: Bietet die Kirche konkrete Hilfeleistungen für Prostituierte an?
Lipka: Verschiedene kirchliche Dienste wie das Diakonische Werk oder die Mitternachtsmission bieten den Frauen Schutzräume an, wo sie Lebensberatung in jeder Hinsicht erhalten. Es gibt Gemeindepfarrer, die sich in den Rotlichtvierteln und überall sonst um Frauen kümmern, die Opfer von Angriffen wurden oder aus dem Geschäft aussteigen wollen. Neben der ersten Notfallversorgung, Aids-Prävention oder Gesundheitsvorsorge werden die Frauen auch an andere Beratungsstellen weitervermittelt. Die seelsorgerische Arbeit mit Prostituierten ist eine Tätigkeit, die im kirchlichen Bereich nur wenig Anerkennung erfährt. Sehr viele hier engagierte Kolleginnen und Kollegen müssen hart ums Geld kämpfen. Wir versuchen beständig, diesen Arbeitsbereich aus der Schmuddelecke herauszubekommen.
Das Interview führte Annette Langer