Interview "Vollkommen verdreht", Teil 2
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Sicher ein aufregendes, aber in Anbetracht von Unfällen, wie dem Achterbahn-Brand im Brühler Phantasialand, auch nicht vollkommen gefahrloses Freizeitvergnügen. In den fünf Wagen der Grand-Canyon-Anlage wurden im Mai 2001 30 Menschen verletzt.
Stengel: Ja, und es ist ein Wunder, dass es keine Toten gab. Die Untersuchungen zur Unfallursache sind noch immer nicht ganz abgeschlossen - man geht nach wie vor von einem Kabelbrand aus. Es ist jedoch eindeutig klar, dass hier niemand fahrlässig gehandelt oder gegen die Auflagen verstoßen hat. Erst wenn wir die genaue Ursache kennen, können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen - und das liegt uns sehr am Herzen. Der Staat und auch wir als Entwickler haben eine Verpflichtung zur Gefahrenabwehr für die Öffentlichkeit. Wir gehen nach einem solchen Vorfall keineswegs zur Tagesordnung über, sondern diskutieren die Probleme in Normenausschüssen.
SPIEGEL ONLINE: Sind die gesetzlichen Vorgaben streng genug?
Stengel: Das deutsche Baurecht ist sehr restriktiv. Alle Fahrgeschäfte müssen TÜV abgenommen sein. Bei neuartigen Figuren werden neben den üblichen Prüfern auch Mediziner eingesetzt, um die Belastung für den menschlichen Körper zu messen. Außerdem werden jährliche Prüfungen durchgeführt.
SPIEGEL ONLINE: Welche Nachwirkungen hat ein Unfall wie der in Brühl für das kollektive Gedächtnis? Bleiben die Besucher weg oder ist eine Katastrophe so schnell vergessen wie die Nachricht von gestern?
Stengel: Nein, das hat ganz klar Auswirkungen. Nicht nur im Phantasialand, sondern auch in anderen Freizeitparks ist ein Teil der Besucher weggeblieben. Viele Menschen sind verunsichert und stellen Fragen zu den Sicherheitsvorkehrungen. Auf der anderen Seite gab es Gäste, die direkt nach dem Brand unbedingt auf eben dieser Bahn fahren wollten - aus einer Art Sensationsgeilheit heraus. Abgesehen von einem gewissen Prozentsatz an Menschen, die niemals Achterbahn fahren, steigt das Interesse an Fahrgeschäften weltweit allerdings stetig - und das ganz unabhängig von Religion, Geschlecht oder Herkunft.
SPIEGEL ONLINE: Wie häufig sind gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen Zivilpersonen und Betreibern der Fahrgeschäfte?
Stengel: Das kommt in Deutschland schon mal vor. In den Vereinigten Staaten sind Klagen allerdings an der Tagesordnung. Ich habe von einer Besucherbefragung in einem Disney-Park gehört, in der 40 Prozent der Gäste zugaben, auch in den Park zu gehen, um einen Vorwand für eine Klage zu finden. In Deutschland haben wir das Problem, dass die Versicherung der Schausteller im Normalfall nur für den Schaden aufkommt, wenn ein Schuldiger gefunden wurde. Bei höherer Gewalt haftet also niemand.
SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist eine Achterbahnfahrt?
Stengel: Über 220 Millionen Menschen fahren in Deutschland jedes Jahr auf solchen Anlagen. In den USA sind es sogar 800 Millionen. Im Durchschnitt verzeichnen wir weniger als einen Toten pro Jahr. Selbst in Straßenbahnen und Aufzügen passiert mehr - ganz zu schweigen vom normalen Straßenverkehr. Sie haben eher sechsmal einen Sechser im Lotto, als auf einer Achterbahn verletzt zu werden. Das Gefährlichste beim Achterbahnfahren ist die Anfahrt im Auto. Abgesehen davon gilt: Wo Menschen beteiligt sind, bleibt immer ein Restrisiko.
SPIEGEL ONLINE: Wann sind denn die körperlichen Grenzen der ewigen Suche nach dem ultimativen Kick erreicht?
Stengel: Eine größere Beschleunigung ist schon jetzt nicht mehr möglich: Der Mensch kann sechs g nicht zehn Minuten lang ertragen, sondern höchstens eine halbe Sekunde. Außerdem sind unsere Fahrgeschäfte im Hinblick auf eine Durchschnittspopulation gebaut, das bedeutet, dass Jung und Alt oder auch Menschen mit Herzschrittmachern unbedenklich einsteigen können.
SPIEGEL ONLINE: Womit beglücken Sie dann in Zukunft die Erlebnishungrigen?
Stengel: Bei 200 Kilometern in der Stunde wird irgendwann Schluss sein. Wir arbeiten also vor allem an neuen Fahrfiguren. In den Vereinigten Staaten werden die Züge per Linearmotor regelrecht abgeschossen - das bedeutet 110 km/h in drei Sekunden. In Japan gibt es bereits sieben solcher Anlagen. Dort sind auch Bahnen beliebt, in denen die Leute auf einer Art Sattel stehen. Das Gewicht ruht auf den Beinen. Es gibt Positionen, bei denen der Fahrgast unterhalb der Bahn liegt oder pendelt. Langfristig denken wir natürlich an eine interaktive Fahrgeschäfte, in denen ein Passagier die Bewegungsrichtung bestimmen kann und nicht mehr passiv hinter seinem Bügel festgeklemmt ist.
Das Interview führte Annette Langer