Mania Feilcke über Berlin und seine Diplomaten: "Die Karawane zieht immer weiter" - DER SPIEGEL
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Mania Feilcke über Berlin und seine Diplomaten "Die Karawane zieht immer weiter"

Mania Feilcke ist Mitbegründerin des Diplomatenclubs "Willkommen in Berlin" und eine der erfolgreichsten Frauen der Hauptstadt in Sachen Wohltätigkeit und PR. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Völkerverständigung, Hähne im Club-Korb und unfreiwillige Weltbürger aus der Bonner Provinz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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Sie sind in Breslau geboren, in Israel aufgewachsen und haben in New York, Kolumbien, Argentinien, Ecuador und Ghana gelebt. 1990 heirateten sie den CDU-Politiker und heutigen Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Jochen Feilcke und gingen nach Berlin. Braucht man die Vita eines Kosmopoliten um die spezifischen Probleme von Diplomaten zu verstehen?

Feilcke: Zunächst ist es von Vorteil, wenn man mehrere Sprachen spricht, denn Sprache ist Kommunikation. Wer in so vielen verschiedenen Ländern gelebt hat wie ich, der weiß, wie schwer es ist, sich in einer fremden Umgebung einzuleben. Wo gibt es gute Schulen? Welchem Arzt kann man vertrauen? Das sind Fragen, für die im Amt stehende Männer erfahrungsgemäß keine Zeit haben. Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau und es ist viel einfacher, wenn diese Frau in ein Land kommt und sich dort sofort willkommen fühlt - genau das ist die Aufgabe unseres Diplomatenclubs.

SPIEGEL ONLINE: Ein typischer Frauenverein also.

Feilcke: Nein, überhaupt nicht. Ich halte nichts davon, sich im Kostümchen zu treffen und Kaffee zu trinken - das ist nicht der Sinn unserer Aktivitäten. Wir haben 31 Gruppen, die sich verschiedenen kulturellen Bereichen widmen: Das kann deutsche Konversation und Literatur sein, gemeinsame Konzert- oder Opernbesuche, Tennis, Golf oder die Erkundung der unbekannten Ecken Berlins, abseits der Touristenpfade.

SPIEGEL ONLINE: Das sind doch aber die ganz traditionellen Freizeitaktivitäten der gelangweilten Botschaftergattin, oder?

Feilcke: Nein, denn wir bemühen uns intensiv um einen interkulturellen Austausch. Unser Club ist keine Einbahnstraße, die Diplomaten lernen auch untereinander viel über die Herkunftsländer ihrer Kollegen. Sie laden uns zu ihren Nationalfeiertagen ein und geben uns Einblick in ihre Kultur - das baut Vorurteile ab und erweitert Horizonte. Was tut sich in Aserbaidschan, was ist los in Taschkent? Bei solchen Treffen lernt man viel über die Völker dieser Erde.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Männer in Ihrem Club?

Feilcke: Sicher, wenn die Frau Amtsträgerin ist, wie zum Beispiel die kanadische Botschafterin, dann ist der Partner bei uns Mitglied - zurzeit sind es immerhin vier Männer. Zwar gibt es im Moment nur fünf Botschafterinnen in Berlin. Die Zahl der Frauen in solchen Positionen steigt allerdings stetig - Gott sei Dank.

SPIEGEL ONLINE: Bei 120 Botschaften in Berlin tummeln sich rund 15.000 Mitarbeiter des diplomatischen Corps und ihre Angehörigen in der Stadt. Welche Berührungspunkte gibt es im Alltag zwischen Berliner Durchschnittsbürgern und Diplomaten?

Feilcke: Sascha Wolf vom Berliner Informationsportal für Botschafter, "www.DasCorps.de", hat eine sehr schöne Initiative gegründet: Junge Berliner Bürger werden zu "Botschaftern Berlins" und treffen sich mit Diplomaten und deren Angehörigen. Sie laden sich gegenseitig nach Hause ein, unternehmen Ausflüge, gehen tanzen oder shoppen - der beste Weg, sich schnell einzuleben.

SPIEGEL ONLINE: Diplomaten aus 19 Berliner Botschaften sind anlässlich der Terroranschläge vom 11. September mit eigenen Statements, den "Words of Peace", an die Öffentlichkeit gegangen.

Feilcke: Solche Aktionen sind wichtig für die Völkerverständigung. Wir haben Mitte Dezember im Berliner "Hotel Adlon" eine Christmas Caroling Party veranstaltet, zu der rund 500 Diplomaten und ihre Familien gekommen sind. Gerade in Anbetracht der schrecklichen Tage und Wochen nach den Terrorattentaten auf die Vereinigten Staaten war es - auch für mich als Jüdin - ganz wunderbar, auf unserem Weihnachtsfest alle Nationen in Frieden vereint zu sehen: Amerikaner, Israelis, Pakistanis und Afghanen, Muslime, Juden und Christen.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie den Botschafter der afghanischen Nordallianz in Berlin?

Feilcke: Ja, ich habe Kontakt zu seiner Frau. Sehen sie, ich verkehre mit Angehörigen aller Nationen und Religionen - und es ist sehr bedauerlich, dass so etwas nicht auf allen Ebenen passiert.

In Teil 2 des Interviews geht es um Berliner Promis, fehlenden Glamour und den langen Arm der Wirtschaft

SPIEGEL ONLINE: Welche Funktion haben Diplomaten heute im Vergleich zum 19. oder 20. Jahrhundert?

Feilcke: Als höchste Vertreter ihres Landes haben Sie nach wie vor die wichtige Aufgabe, in den jeweiligen Ländern Kontakte mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Kultur zu knüpfen. Sie tragen im wahrsten Sinne des Wortes die Botschaft ihres Staates von einem Land zum anderen - mit dem Unterschied, dass sie heute über modernste Kommunikationstechniken verfügen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass Botschafter immer mehr zu Handlangern von Industrie und Megakonzernen verkommen?

Feilcke: Nein, sie sind in erster Linie politische Repräsentanten. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die kulturellen Aspekte der bilateralen Beziehungen keineswegs vernachlässigt werden. Es gibt so viele Konzerte, Nationalfeiertage, Modenschauen, traditionelle Essen und vieles mehr - die Kultur bestimmt einen großen Teil der Zusammenarbeit und hat einen hohen Stellenwert.

SPIEGEL ONLINE: Ist Berlin wirklich so arm an Prominenten und Glamour wie viele meinen?

Feilcke: Man kann nicht kosmopolitisch sein ohne sich auch so zu präsentieren. Ich beobachte allerdings, dass das alte und neue Berlin langsam zu einem weltstädtischen Ganzen zusammenwachsen - der kosmopolitische Touch ist bereits zu spüren. Die Internationalität hat sich in Berlin sehr entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Langweilt es Sie nicht, auf Empfängen und Partys die ewig gleichen Gesichter zu sehen?

Feilcke: Sicher, und manchmal ärgert mich das auch. Es gibt in jeder Stadt Leute, die mal sehr gefragt waren und bestimmt auch ihre Qualitäten haben - aber man muss auch neuen Gesichtern eine Chance geben. Das beginnt in der Politik und muss sich in der Gesellschaft fortsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Berlin je sein preußisch-biederes Image abschütteln wird?

Feilcke: Die Stadt ist auf dem besten Wege. Die Mentalität der Berliner ist toll, sie sind aufgeschlossen, gastfreundlich und waren als Erste davon begeistert, dass die Diplomaten kommen. Viele Beamte aus Bonn wollten allerdings gar nicht nach Berlin. Das sind eben jene, die sich jetzt nicht wohl fühlen in der neuen Hauptstadt und deshalb ein mieses Bild von Berlin abgeben. Manche sind auch ein bisschen spießig sind und haben den Mief der Provinz mitgeschleppt.

SPIEGEL ONLINE: Wo spürt man in Berlin den neuen kosmopolitischen Geist?

Feilcke: Bestimmt nicht nur in den Schickimicki-Vierteln sondern auch in Kreuzberg und auf dem Prenzlauer Berg. Deshalb zeigen wir auch unseren Clubmitgliedern und ausländischen Gästen nicht nur Berlins Glamour-Seite. Abgesehen davon sind der Jüdische Friedhof und das Jüdische Museum absolut sehenswert. Alte und Neue Nationalgalerie begeistern mich immer wieder; auch der Hamburger Bahnhof ist beeindruckend. Die Berliner Opernhäuser können mit anderen Städten durchaus konkurrieren - das kulturelle Leben in Berlin ist zweifellos auf einem sehr hohen Niveau.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Freundschaften, die auch nach den üblichen drei oder vier Jahren Diplomatenleben in einer fremden Stadt noch Bestand haben?

Feilcke: Bei uns heißt es "Welcome", aber auch "Time to say goodbye". Das ist das Diplomatenleben - die Karawane zieht immer weiter. Dennoch freue ich mich, viele Freunde in der ganzen Welt gewonnen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie nehmen Sie als Israelin das Land wahr, in dem Sie heute leben?

Feilcke: Im Gegensatz zu einigen anderen Staaten tut Deutschland sehr viel, um seine dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten. Hier wird in dieser Beziehung nichts unter den Teppich gekehrt. Ich würde mir wünschen, dass die Deutschen so tolerant bleiben, wie sie es im Moment sind.

Das Interview führte Annette Langer

Das Buch von Mania Feilcke:
Mit Lust und Chuzpe
Ein Portrait im Spiegel der Zeit
Bostelmann und Sieben., Berlin 2001
Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
15,24 Euro
29,81 Mark


(Ein Teil des Verkaufserlöses geht an das "Beit-Ben-Jehuda-Haus Pax", eine Begegnungsstätte für deutsche und israelische Jugendliche in Jerusalem)