Das Ende des Hamburger Möbelhauses "Ordnung" "Der Geschmack der meisten zählt"
Über drei Generationen war das Familienunternehmen im Osten der Hansestadt bekannt für seine hochwertigen Möbel und eine kompetente Kundenberatung. Mit einem großen Anteil an italienischen Möbeln präsentierte sich "Ordnung" immer ein wenig avantgardistischer und damit auch kostspieliger als seine Mitbewerber. Ein Angebot, das in Zeiten von Rezession und steigender Arbeitslosigkeit offenbar immer weniger Käufer fand.
"Der Kursverfall an den Aktienmärkten hat uns ebenso zugesetzt wie das neue Rabattgesetz, die schwache Konjunktur und ein erheblich verändertes Kaufverhalten", erklärt Johanna Ordnung die Pleite ihres Traditionsunternehmens. Auch eigene Fehler schließt die 57-Jährige nicht aus: "Ich war zu absolut in meinen stilistischen und qualitativen Ansprüchen und habe darüber vergessen, wie die Mehrzahl der Menschen wirklich wohnt." Ist also nur mit Masse noch Geld zu machen? "Der Geschmack der meisten zählt", bedauert die ehemalige Firmenchefin und verweist auf den schlechten Zustand der gesamte Branche, die mit Umsatzeinbrüchen von 30 bis 40 Prozent zu kämpfen hat.
Mehr als vier Jahrzehnte lang engagierte sich Johanna Ordnung für das 1897 von den Großeltern Henrich-Richard und Johanna gegründete Familienunternehmen. Auf die Ausbombung im Zweiten Weltkrieg folgten 1951 der Umzug in eine Wandsbeker Margarinenfabrik, dann Neuaufbau, Abriss und erneuter Umzug in das moderne Gebäude in der Humboldtstraße, unweit der Hamburger Mundsburg. Großmutter Johanna prägte den schnörkellosen Stil des Hauses, Vater Alfred erhielt das Bundesverdienstkreuz. Den Schlusspunkt unter eine so bewegte Geschichte setzten zu müssen, fiel der Firmenerbin nicht leicht.
Vergeblich hatte Johanna Ordnung junior versucht, ihr Unternehmen zu retten - die ursprünglich geplante Übergabe an einen jüngeren Nachfolger scheiterte an den Banken. Der Räumungsverkauf wurde für die Weihnachtstage angesetzt. Mit Schnäppchenpreisen sollten so viele Kunden wie möglich angelockt werden, um die im Insolvenzverfahren festgesetzte Mindestsumme zu erreichen. Die Chefin musste sich dem Verkaufsdruck beugen: "Jetzt zählt jedes Möbelstück", hieß die Devise. Das Kunststück gelang. Nachdem der Großteil der Möbel verkauft und fast alle Mitarbeiter erfolgreich weitervermittelt waren, konnte die gesundheitlich stark angegriffene Chefin ruhigen Gewissens in den Ruhestand gehen.
Und der gestaltet sich trotz schweren Abschieds aus dem Berufsalltag durchaus positiv. Erstaunlich schnell habe sie Abstand zu den Ereignissen der letzten Monate gewonnen, berichtet Johanna Ordnung, die ihre neue Freiheit in vollen Zügen genießt. Sie unternimmt lange Spaziergänge und kümmert sich um die Vermietung der leer stehenden Möbelhaus-Etagen. Ihre geschmackvoll eingerichtete Wohnung vermietet sie als Foto- und Film-Location. Einer ihrer letzten Kunden: Das Möbelhaus Ikea.