Expansion und Barmherzigkeit: Big Bang bei Ikea - DER SPIEGEL
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Expansion und Barmherzigkeit Big Bang bei Ikea

Während es in der Branche kriselt, freut sich der Möbelgigant "Ikea" weltweit wachsender Umsatzzahlen und ungebremster Beliebtheit. Jetzt soll die Zahl der Niederlassungen bis 2012 gar verdoppelt werden. In Norddeutschland eröffneten die Schweden gleich zwei neue Einrichtungshäuser in Kiel und Hamburg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 18. Juli 2002 war es soweit: In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt eröffnete "Ikea" sein 28. Einrichtungshaus in Deutschland. Nur zwei Wochen später folgte Hamburg-Moorfleet mit der bereits zweiten Filiale in der Hansestadt. Deutschland beherbergt damit immerhin 29 der weltweit 143 "Ikea"-Niederlassungen, in denen sich jährlich etwa 260 Millionen Kunden tummeln. Und es ist kein Ende des Booms in Sicht. Trotz europaweiter Empörung über die Teuro-Politik im Einzelhandel und der daraufhin arg gebremsten Kauffreude vieler Konsumenten scheint die schwedische Möbelhauskette schlicht resistent gegen jede Form der Rezession zu sein.

Mit einem Investitionsvolumen von über 35 Millionen Euro und 250 neu geschaffenen Arbeitsplätzen ist die wirtschaftliche Bedeutung des neuen Möbelhauses in Kiel für die Region erheblich. So reiste selbst Ministerpräsidentin Heide Simonis um acht Uhr morgens an, um gemeinsam mit dem Chef des Einrichtungshauses die Pforten des nagelneuen Möbelparadieses zu öffnen. Zwar wurde man just am ersten Verkaufstag von heftigen Regenfällen heimgesucht, welche die Tiefgarage unter Wasser setzten. Der guten Laune der Möbelfans schien dies jedoch keinen Abbruch zu tun - sie zogen einfach die Schuhe aus und flanierten barfuß durch die Verkaufshallen.

Geschäftsführer Kai Fuhlrott, 41, ist von der Zukunft des Standortes überzeugt. Auf insgesamt 50.000 Quadratmetern bietet sein Möbelhaus rund 17.000 Quadratmeter Verkaufsfläche mit etwa 11.000 Artikeln. "Es ist ein gutes Signal nicht nur für die Stadt, sondern auch für Schleswig-Holstein, dass die Wahl eines Unternehmens wie Ikea auf Kiel gefallen ist", meint der studierte Wirtschaftswissenschaftler.

Nicht nur Gießkanne "Odla", Arbeitsleuchte "Sekund" oder das unverwüstliche Bücherregal "Billy" lockten 25.000 Kunden zur Eröffnung - wer unter den ersten 1000 Besuchern ausgelost wurde, braucht sich ein Jahr lang keine Sorgen um seine Miete zu machen: Ikea übernimmt für zwölf Monate die Kosten. Im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten überreichte die Geschäftsführung außerdem eine Spende von 5000 Euro an die Bürgerstiftung Kiel, die soziale und kulturelle Projekte in der Region fördert.

Die Großzügigkeit des Unternehmens, dessen Wert von Branchenkennern auf etwa 25 Milliarden Euro geschätzt wird, ist spätestens seit den freiwilligen "Reparationszahlungen" in Millionenhöhe an Greenpeace (nach dem Skandal um Formaldehyd-belastete Billy-Regale) und Unicef (Ikea bezog Teppiche aus Pakistan, die in Kinderarbeit hergestellt wurden) legendär. Nachdem die Flutkatastrophe über den Osten und Süden der Bundesrepublik hereingebrochen war, startete Ikea am 17. August eine bundesweite Hilfsaktion für die Hochwasseropfer. Neben einer Initialspende von 200.000 Euro soll der gesamte Umsatz, der bis zum 31. August mit dem Kaffeebecher "Bang" erzielt wird, als Spende zur Verfügung gestellt werden. Das robuste Trinkgefäß ist einer der "Ikea"-Verkaufsschlager - allein im Juli wurden deutschlandweit 170.000 Stück zu einem Preis von je 50 Cent verkauft.

Werner Weber, Geschäftsführer von Ikea Deutschland, weiß, dass der Mensch gegen Naturkatastrophen machtlos ist, will aber mit der Hilfsaktion "einen kleinen Beitrag dazu leisten, den Alltag der betroffenen Menschen so schnell wie möglich zu normalisieren." In besonders stark betroffenen Städten wie Dresden, Chemnitz und Regensburg stellten die ansässigen "Ikea"-Einrichtungshäuser zudem Möbel im Gesamtwert von 60.000 Euro für jene Familien zur Verfügung, deren Hausrat durch die Überschwemmungen verloren ging.

Mit den Umsatzzahlen des ersten Monats ist man in Kiel mehr als zufrieden. Über 350.000 Besucher habe man in der kurzen Zeit bereits begrüßen können, die Verkaufsergebnisse gingen über die Erwartungen hinaus, erzählt Geschäftsführer Fuhlrott. Neben den rund 1,6 Millionen Menschen im Einzugsgebiet kann man in Kiel auch auf Besucher aus anderen Bundesländern und dem südlichen Dänemark setzen.

Wie viele "Ikea"-Niederlassungen Deutschland in Zukunft noch (v)ertragen könne, vermag Fuhlrott nicht zu sagen, aber: "Es gibt noch viele weiße Flecken auf der Landkarte, wo wir nur in Form von Homeshopping vertreten sind. Unser Ziel ist es, noch näher an den Kunden zu sein, Fahrzeiten zu verkürzen und damit weitere Potenziale zu erschließen."

Eine Produktvorliebe teilen die Kieler vermutlich schon jetzt mit den "Ikea"-Fans der restlichen Republik: Der derzeitige Renner im Sortiment sind grüne Moskitonetze zum Stückpreis von 15 Euro.