Artenschutz Ein Herz für Helgoländer Hummer
Folke Mertens betreut seit Juli 2000 das Hummer- Forschungsprogramm der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH). Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich die 30-Jährige Doktorandin mit den Entwicklungsbedingungen der kostbaren Krustentiere in europäischen Gewässern. Sie weiß, welcher Gefahr die Populationen um Helgoland ausgesetzt sind: Lagen die Fangzahlen in den fünfziger Jahren noch bei 40.000 bis 50.000 Kilogramm im Jahr, ging die Quote schon Anfang der Siebziger auf wenige hundert Kilo zurück.
"Die Gründe für den massiven Rückgang der Bestände sind so vielfältig wie das Ökosystem komplex ist", erklärt die Biologin und betont, dass nicht die Überfischung allein Schuld am Hummermangel rund um die Lange Anna ist. So reagieren die begehrten Krebstiere äußerst empfindlich auf Erdölkomponenten im Wasser, weil ihr Geruchssinn dadurch beeinträchtigt wird. Zudem hat sich ein Konkurrent des Hummers, der Taschenkrebs, so weit vermehrt, dass man sich zumindest fragen muss, ob er den Lobster bereits verdrängt und ihn damit seiner Nahrung und Lebensräume beraubt hat.
Dabei haben sich die natürlichen Feinde des Hummers im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht wesentlich vermehrt - geschlechtsreife Krebstiere ab fünf Jahren und mit einem Gewicht von etwa einem Pfund sind lediglich zum Zeitpunkt der Häutung besonders gefährdet. Eier tragende Weibchen stehen längst unter ganzjährigem Schutz - die insgesamt nur zehn zum Hummerfang autorisierten Helgoland-Fischer verkaufen solche Exemplare direkt an die BAH.
Die Problematik der zurückgehenden Hummerbestände ist kein spezifisch deutsches Phänomen: "In Norwegen denkt man bereits darüber nach, ein generelles Fangverbot für den Hummer zu erteilen", berichtet Mertens, deren Forschungsstelle vom schleswig- holsteinischen Landwirtschafts- und Fischereiministerium bezahlt wird. Auf Helgoland gibt es schon seit 1999 ein Aufstockungsprojekt, bei dem jährlich 1200 Hummer auf der BAH-Station gezüchtet, aufgezogen und dann als Einjährige im Naturschutzgebiet "Helgoländer Felssockel" ausgesetzt werden.
Auch wenn die "aktive Wiederbesiedlung" nur anhand von Fangzahlen nachgewiesen werden kann und die Tiere erst in ein bis zwei Jahren ihre Geschlechts- und damit auch die Marktreife erreichen werden, geben die vorläufigen Ergebnisse Anlass zu Hoffnung. Etwa zehn Prozent der ausgesetzten und markierten Zuchthummer landen schon jetzt wieder in den Netzen der Helgoländer Fischer - ein Hinweis darauf, dass sie sich schneller vemehren als vergleichbare Populationen im Labor.
Die wissenschaftliche Arbeit der BAH trägt schon seit mehr als einhundert Jahren dazu bei, die natürliche Vielfalt der Meeresökosysteme zu bewahren. Bereits 1892 gründete das preußische Kultusministerium die "Königliche Biologische Anstalt auf Helgoland". Schon damals untersuchten die hier arbeitenden Wissenschaftler Flora und Fauna des Helgoländer Meeresgebiets im Hinblick auf Nutztiere. Meeresbiologische Grundlagenforschung, Exkursionen und Lehrgänge gehören seitdem zu den wissenschaftlichen Standards der Forschungsstation. Ein Forschungs-, Lehr- und Versuchsaquarium lockt bis zu 60.000 Besucher im Jahr auf die Insel und zeigt die faszinierende Unterwasserwelt der Nordsee. Seit Januar 1998 gehören die Anstalt und ihre Standorte Helgoland und Sylt zum Alfred- Wegener- Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.