Interview: "Bis zu 90 Prozent der Gebärmutterentfernungen sind unnötig" - DER SPIEGEL
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Interview "Bis zu 90 Prozent der Gebärmutterentfernungen sind unnötig"

Dr. Claus Peter Möller ist Gynäkologe und niedergelassener Arzt in der Tagesklinik Altonaer Straße. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über organschonende Operationsmethoden, Eingriffe ohne Krankenhausaufenthalt und die Misere im Gesundheitswesen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Wieviele Mediziner arbeiten in Ihrer Tagesklinik?

Möller: Wir sind eine Gemeinschaftspraxis von sieben Frauenärzten, die mit sechs Narkoseärzten zusammen arbeiten. Darüber hinaus haben wir einen Pathologen, eine Kinderwunsch-Praxis und einen Humangenetiker mit einem Institut für pränatale Diagnostik im Haus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Eingriffe nehmen Sie überwiegend vor?

Möller: Wir bieten alle gynäkologischen Operationen. Die meisten Eingriffe führen wir endoskopisch, das heißt, unter Verwendung von kleinen Kameras, die in den Bauchraum oder die Gebärmutter eingeführt werden, und organerhaltend durch. Aufgrund dieser sehr schonenden Operationsmethoden können wir fast alle Eingriffe ambulant durchführen. Für unsere Patientinnen bedeutet das, dass sie sehr schnell wieder fit sind, nach Hause gehen oder auch wieder arbeiten können.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als das führende Institut für ambulante gynäkologische Eingriffe.

Möller: Bei uns kommen prinzipiell natürlich dieselben Operationsmethoden zum Einsatz, die auch von Krankenhäusern unter stationären Bedingungen angeboten werden. Im ambulanten Bereich gibt es allerdings im gesamten norddeutschen Raum niemanden, der unsere Vielzahl von Operationen bieten würde. Einige Eingriffe, die wir machen, werden auch in keinem anderen Hamburger Krankenhaus durchgeführt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr medizinisches Spezialgebiet?

Möller: Wir haben uns insbesondere auf Gebärmutteroperationen spezialisiert In Deutschland werden pro Jahr etwa 150.000 Gebärmutterentfernungen durchgeführt, meist wegen Blutungsstörungen oder Myomen. Man kann davon ausgehen, dass 70 bis 90 Prozent der Gebärmutterentfernungen unnötig sind. Wir haben Methoden entwickelt, derartige Beschwerden gebärmuttererhaltend zu operieren. Und selbst wenn eine Gebärmutterentfernung notwendig ist, bieten wir eine Methode an, bei der nur jener Teil der Gebärmutter entfernt wird, der die Beschwerden verursacht. Dadurch werden die Senkungsbeschwerden, die gewöhnlich in Folge einer Gebärmutterentnahme auftreten, wie Harninkontinenz oder sexuelle Probleme, weitgehend vermieden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen die Frauen auf Ihre Klinik?

Möller: Viele Patientinnen wenden sich direkt an uns. Oft auch auf Empfehlung aus dem Bekanntenkreis oder nachdem Sie unsere Internetpräsenz entdeckt haben. Daneben schicken niedergelassene Frauenärzte und zum Teil auch Krankenhäuser Patientinnen mit Beschwerden zu uns, auf deren Behandlung wir spezialisiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Kann es für die Patientinnen nicht auch von Nachteil sein, nach dem Eingriff sofort wieder nach Hause zu kommen?

Möller: Es gibt Patienten, die für eine ambulante Behandlung nicht geeignet sind, zum Beispiel Singles, ältere Menschen, die allein leben, oder Leute, die mit einer ambulanten Operation aus psychischen Gründen nicht klar kommen. In der Regel werden solche Patienten von den niedergelassenen Ärzten gar nicht erst zu uns geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Die Pflege des frisch operierten Patienten, die bei stationären Eingriffen vom Krankenhaus geleistet wird, muss bei ambulanten Operationen also von den Angehörigen übernommen werden?

Möller: Die Operationsmethoden sind mittlerweile so schonend geworden, dass es eigentlich nur in den ersten 24 Stunden jemanden geben muss, der im Notfall einen Arzt rufen kann. Dass die Patientin nach dem Eingriff nicht allein ist, dient vor allem der Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit sind Sie von den gegenwärtigen Einschnitten im Gesundheitswesen betroffen?

Möller: Wir sind extrem davon betroffen. Zum einen, weil die Vergütung für Operationen, die im Krankenhaus auf gleiche Weise durchgeführt werden, bei einer ambulanten Durchführung nur etwa zur Hälfte bis zu einem Zehntel bezahlt werden. Zum anderen decken die Einnahmen, die wir durch die Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten haben, gerade mal die Kosten. Wir leben eigentlich nur noch von den Privatpatienten.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihre wirtschaftliche Perspektive?

Möller: Bisher ist es immer schlechter geworden. Man hätte jeden Grund zu resignieren und zu sagen: Wir führen keine Behandlungen von gesetzlich krankenversicherten Patienten mehr durch und behandeln nur noch Privatpatienten. Dies wäre allerdings auch nicht praktikal. Da unsere Patienten größtenteils von anderen Ärzten an uns überwiesen werden, müssen wir notgedrungen die gesetzlich versicherten Patienten mit behandeln, damit wir auch die Privatpatienten geschickt bekommen. Langfristig streben wir allerdings an, direkt mit den Krankenkassen Verträge über die Bereitstellung von Leistungen für Kassenpatienten abzuschließen - vorausgesetzt, dass diese Möglichkeit in der neuen Gesetzgebung tatsächlich festgeschrieben wird.