Der Friedhof der Tiere: "Hier zählt einzig die Seele" - DER SPIEGEL
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Der Friedhof der Tiere "Hier zählt einzig die Seele"

Ob die vom Balkon gestürzte Katze, eine entfleuchte Giftschlange oder außer Kontrolle geratene Kampfhunde - Tierretter geben den Besitzern das gute Gefühl, bei Problemen mit dem lieben Vieh sofort zur Stelle zu sein. Doch auch die schnellsten Dienstleister kommen manchmal zu spät. Was passiert mit dem Haustier, wenn es bei einem Unfall stirbt oder eingeschläfert werden muss?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Übernimmt ein Tierarzt die Entsorgung, geht der Weg unweigerlich in eine "Tierkörperverwertungsanlage". Tierkörperfette dienen als Grundstoff für Schmiermittel, Leim und Kosmetika. Die Herstellung von jährlich 15 Millionen Tonnen Tiermehl aus Schlachtabfällen und Kadavern allein in Europa ist nicht nur aus ethischen, sondern auch umwelttechnischen und gesundheitlichen Gründen bedenklich: Zwar sollen strikte EU-Vorschriften die Übertragung von BSE-Erregern bei der Produktion verhindern, chemische Rückstände wie Dioxin und Schwermetalle jedoch bleiben erhalten. Über die Verfütterung des Mehls an Nutztiere können Antibiotika und andere Arzneimittelreste in die Nahrungskette zurück gelangen - ein Horrorszenario sowohl für Vegetarier als auch Tierliebhaber.

Letztere bewahren ihre geliebten Vierbeiner vor einem derart grausamen Ende, indem sie sich für ein standesgemäße Beerdigung auf einem der mehr als 40 bundesrepublikanischen Tierfriedhöfe entscheiden. Ob die Einäscherung im Krematorium "Pyropet", der "Haustierpietät Schnitzspahn" oder der "Silence KG" - Feuerbestattungen sind ebenso gang und gäbe wie Beerdigungen in Einzelgräbern oder Familiengruften.

Durch die erste "fahrende Hundekapelle Europas" berühmt geworden sind die Brüder Sigward und Hartmut Terzenbach. Das abenteuerlustige Zwillingspaar kam von Venezuela über Südafrika nach Hamburg, wo es das erste Hunderestaurant der Hansestadt eröffnete - die "Futterkiste". Der Tod des eigenen Hundes brachte sie auf die Idee, einen Tierfriedhof zu gründen. Kein leicht zu realisierendes Vorhaben angesichts der fast unüberschaubaren Menge an Vorschriften: Allein vier Ämter - Veterinär-, Grünflächen-, Gartenbau- und Bodenprüfamt - drängen auf die Erfüllung ihrer Auflagen und die Einhaltung des "Tierkörperbeseitigungsgesetzes". Das Terrain darf nicht im Grundwasserschutzgebiet oder zu dicht an einem Brunnen liegen. Nachbarn müssen ihre Zustimmung geben, es dürfen keine so genannten Nutztiere begraben werden, und die Tierkadaver müssen mit mindestens 50 Zentimeter Erde bedeckt sein.

Ein Spaziergang durch die als Schlafsäle I, II und III bezeichneten Friedhofsabteilungen gleicht einem Ausflug in die unendliche Geschichte der Liebe zwischen Mensch und Tier. "Tschüß Rambo, Ulla Trulla" lautet der lakonische Abschiedsgruß eines Hamburger Travestie-Künstlers an seinen verstorbenen Mischlingsrüden. In schwarzen Samt verpackte Ratten werden hier ebenso bestattet wie treue Blindenhunde und geschwätzige Papageien. "Die Tränen, die hier geweint werden, sind echt", beteuert Sigward Terzenbach - und man glaubt ihm. "Sonnenschein Benny" und "Liebling Micky" teilen sich eine Grabreihe mit "Goethe und Bommel". Bisweilen tönt echte Verzweiflung von üppig verzierten Grabsteinen: "Mandy, es war furchtbar, dich zu verlieren, aber wundervoll, mit dir zu leben". Spätestens jetzt wird dem Betrachter klar: Die hiesigen Friedhofsbesitzer sind nicht nur Gärtner und Verwalter, sondern vor allem auch Seelsorger - und das konfessionsübergreifend.

Klient Ahmed bestattete seine Katze mit dem Kopf in Richtung Mekka und ließ es sich nicht nehmen, sein tägliches Gebet vor Susens letzter Ruhestätte zu verrichten. "Bei uns gibt es weder Rassen- noch Religionsunterschiede ", betonen die geschäftstüchtigen Brüder, "hier zählt einzig die Seele". Oder fast. Wie bei Herrchen und Frauchen ist auch für die Tiere die letzte Ruhe nicht umsonst. 400 bis 500 Mark Pachtgebühr plus 80 bis 120 Mark Beerdigungskosten fallen für drei Jahre an. Dafür gibt es auf Wunsch eine Grabrede oder den persönlichen "stillen Abschied" in der kleinen Kapelle.

Wer es originell mag, bettet seinen verstorbenen Liebling neuerdings in aufwendig bemalte Designersärge - die Münchner Künstlerin Chris Bleicher verkauft ihre Unikate für 200 bis fast dreitausend Mark. Lebt der Tierfreund abseits der zivilisierten Tierbestatterindustrie, kann er seine Funeralien auch im Internet begehen: Der "Friedhof der Tiere" bietet den Vertretern aller Spezies virtuelle Unvergessenheit bis zu 30 Jahren. Wie das Frauchen der sympathischen, viel zu früh verstorbenen Strumpfbandnatter "Schlong" können auch Sie Ihrem Liebling hier mit Foto und Nachruf ein Denkmal setzen. Und das ganz umsonst.