Am Anfang war der Affe Reportage zur Geschichte des Urmenschen
SPIEGEL-TV-Autor Tillmann Scholl begleitete den deutschen Forscher Dr. Friedemann Schrenk exklusiv bei seiner Suche nach dem frühesten Akt der Menschwerdung. Schrenk ist weltweit einer der wenigen Forscher, die in Afrika eine Lizenz zum Graben nach Fossilien besitzen.
Die südafrikanische Hominiden-Forschung war jahrelang durch den Boykott der Apartheidpolitik vom internationalen wissenschaftlichen Austausch isoliert. Schrenk erhielt die einmalige Gelegenheit, Fossilien in Augenschein zu nehmen, die bisher in schwer gesicherten Panzerschränken in Pretoria und Johannesburg lagerten. Südafrikanischen Paläontologen hatten ganze Populationen von Affenmenschen gefunden, den frühen Vorfahren des Menschen.
In Malawi befindet sich die einzige deutsche Grabungsstätte unter Leitung des deutschen Wissenschaftlers. Mit Hilfe von Satellitenfotos, neusten geologischen Methoden und einem trainierten Team gelang es Schrenk, bei Ausgrabungen das Unterkieferfragment eines robusten "Australopithecinen" zu Tage zu fördern. Diese aufrecht gehenden, mit gewaltigen Schädeln und mächtigen Unterkiefern versehenen Vorläufer des heutigen Menschen starben aus und sind deshalb für die Forschung besonders interessant: Ein toter Zweig auf dem variantenreichen Weg zum "Homo sapiens" bringt Erhellung über das schicksalhafte Kommen und Gehen der Arten und lässt die Kette von Zufällen erahnen, die uns hervorbrachte.
"Ötzi" - oder die Anfänge der Menschheit
Als im September 1991 ein rätselhafter Toter in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, stritten sich nicht nur italienische und österreichische Behörden um den Mann aus dem Eis, es ahnte auch niemand, daß mit dieser Mumie tatsächlich das aufregendste Zeugnis menschlicher Vergangenheit geborgen wurde. Fortan untersuchten über 60 Forscher-Teams aus aller Welt die Leiche, die man nun liebevoll "Ötzi" nannte.
Durchleuchtet wurde der "Homo Tyrolensis" bisher von allen Seiten - mit konventionellen Röntgenstrahlen und modernsten Computertomografen. Vor einer Entnahme von Organproben aus dem Inneren des Eismannes schreckten die Wissenschaftler jedoch bisher zurück. Zu riskant erschien eine Verunreinigung der 5000 Jahre alten Gletscherleiche durch konventionelles Operationsgerät.
Für den Eingriff mußten spezielle Endoskopie-Instrumente aus Titan entwickelt werden, die erst jetzt eine Untersuchung des Magen- und Darminhaltes und der inneren Organe ermöglichen. Die Analyse der Proben wird eventuell einen tiefen Einblick in die Lebensgewohnheiten und Umweltbedingungen der Steinzeitmenschen vor 5000 Jahren bieten.
In Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck schildert SPIEGEL TV Autor Tillmann Scholl den aktuellen Stand der Ötzi-Forschung und zeigt bisher unveröffentlichtes Filmmaterial über die Forschungen am Körper der Gletscherleiche bis hin zu den ersten endoskopischen Eingriffen. Die faszinierenden Umstände der Entdeckung des Mannes von Hauslabjoch, die Schwierigkeiten bei der Bergung aus 3200 Meter Höhe und die einzigartige Konservierung unter den Klimabedingungen eines Gletschers im Anatomischen Institut der Universität Innsbruck werden ebenso geschildert, wie die Bedeutung der Beifunde des Eismannes, die Ötzi zum archäologischen Jahrhundertfund haben werden lassen.
Der Neandertaler - Feind oder Urahn des modernen Menschen?
Neue Gen-Analysen beweisen: der Mensch ist zweimal entstanden. Der Neandertaler ist nicht Urgroßvater, sondern ein entfernter Vetter des modernen Menschen. Mit Hilfe der molekularen Uhr konnten die Gen-Forscher auch den Zeitpunkt der Trennung zwischen den beiden Linien "Homo sapiens" und "Homo neanderthalensis" errechnen: rund 600.000 Jahre - viel früher als bisher angenommen.
Dadurch ist der Stammbaum des Menschen in seinen jüngsten Verzweigungen heftig durcheinander geraten. Unsere Entwicklung zum weltbeherrschenden Wesen, das Raketen zum Mars schießt und Gummibärchen erfunden hat, scheint weitaus komplizierter zu sein. Stammen wir direkt vom Homo erectus ab? Oder gibt es noch eine Art zwischen dem Neandertaler und dem modernen Menschen, den "Homo heidelbergensis"?
Nach wie vor ist die Frage, warum die Neandertaler ausstarben, ungeklärt. War er der Erzfeind des frühen Homo sapiens, ein Konkurrent um Nahrungsmittelresourcen und Lebensraum? Oder hat es ein friedliches Nebeneinander und kulturellen Austausch gegeben? Woher stammen die merkwürdigen Schnittspuren, die man an vielen Neandertaler-Schädeln gefunden hat? Sind es Indizien für Kannibalismus oder religiöse Todesriten? Neue Funde in Rheinland-Pfalz helfen die Rätsel um den Neandertaler zu entschlüsseln.
SPIEGEL-TV-Autor Tillmann Scholl schildert die spannenden Verwicklungen und Konsequenzen, die sich für die Urmenschenforscher aus den neuen Erkenntnissen ergeben.