Wie Neckermann es möglich macht Der Katalog
Ist die Bestellerbibel erfolgreich, so wird eine überwiegend weibliche Klientel für rund 800 Millionen Euro Ware ordern, ungefähr 10 Millionen mal klingelt dann der Postmann und hält ein Neckermann-Paket unter dem Arm. Die SPIEGEL TV-Reportage hat die Produktion des aktuellen Hauptkatalogs bei Deutschlands drittgrößtem Versandhaus über mehrere Monate mit der Kamera begleitet.
HK 244, so die interne Bezeichnung, oder "Frühjahr/Sommer 2002" ist 1520 Seiten stark und 6 Monate gültig. Ein Wälzer mit über 50-jähriger Tradition und 110.000 Artikelpositionen auf Hochglanzpapier. Von der Heizdecke bis zum Rasenmäher, vom Massagestab bis zum Umstandskleid. Neckermann machts möglich. Über 500 Menschen sind notwendig um den 2,5 Kilo schweren Bestseller herzustellen. Einkäufer, Werber, Fotografen, Stylisten, Models, Grafiker, Layouter.
3,5 Millionen mal klicken die Kameras bevor alle Artikel ins rechte Licht gerückt sind und die Ware perfekt abgebildet ist. Nur maximal fünf Prozent aller Aufnahmen können aus dem Vorgängerkatalog übernommen werden. Ein gewaltiger logistischer Aufwand ist notwendig um alle Artikel im Katalog zu präsentieren. Filme werden in Frankfurt am Main, dem Sitz der Unternehmenszentrale, nicht mehr entwickelt. Das Zeitalter der Bits und Bytes hat längst begonnen. Neckermann fotografiert als bisher einziger Versender 100 Prozent digital.
Ob Saftpresse oder String-Tanga, jeder Artikel wird mit den Ergebnissen von Marktforschung und Vorjahresverkaufszahlen genau durchleuchtet, analysiert und in einem internen Ranking bewertet. Erst dann darf er ins Sortiment. Der Einkauf kennt seine Kunden. Trotzdem laufen manche Artikel und teilweise auch ganze Seiten schlecht.
Die so genannten "Penner" kommen vor allem im Bereich der Mode öfter vor. 50 Prozent aller Artikelpositionen bei Neckermann sind Textilien. Genaue Berechnungen sind hier am schwierigsten. War die Mode vor 20 Jahren noch ein Diktat, zählen heute große Vielfalt und Individualität. Außerdem jammern die Einkäufer über die viel zu vollen Kleiderschränke ihrer Klientel. Konnte man in den 70er und 80er Jahren einen Artikel noch 100.000 mal und mehr verkaufen, kürt man heute schon bei fünfstelligen Verkaufszahlen einen so genannten "Renner".
Der Versandhandel ist ein hartes Geschäft und führt mehr und mehr zur Konsolidierung des Marktes. Die 1950 von Josef Neckermann gegründete Neckermann Versand AG wurde 1977 durch die Karstadt AG übernommen. Inzwischen gehört auch das ehemals von der Familie Schickedanz geleitete Fürther Versandhaus Quelle zur Karstadt Holding. Einzig der Hamburger Otto Versand befindet sich noch in Familienbesitz.
SPIEGEL TV-Autor Mate Spörl konnte bei der Produktion des Hauptkatalogs HK 244 einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Geheimnisse des Katalogmachens ergründen. Er begleitete Modefotografen beim Shooting von Titel und Bademoden an mediterranen Traumstränden, drehte im Neckermann eigenen 4000-Quadratmeter-Fotostudio die Schwierigkeiten beim Ablichten von Kühltruhen, Schrankwänden und Hundedecken, reiste mit einer Einkäuferin der Damenoberkleidung in fernöstliche Textilfabriken, sah ratlose Damen des Call Centers in einem speziellem Workshop über Möbelzusammenbau, schaute Textern und Grafikern beim Seitenmachen über die Schulter und erlebte hitzige Debatten zwischen Werbern und Einkäufern über verkaufsförderndes Layout und den Sexappeal von bedrucktem Papier.