Bahnhofsmission: "Wir sind keine Kaffeetanten" - DER SPIEGEL
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Bahnhofsmission "Wir sind keine Kaffeetanten"

Es gibt sie noch, die gute, alte Bahnhofsmission. Die Zeiten, als man in muffigen Hinterzimmern Pfefferminztee trank und zwischen hilfsbedürftigen Senioren und Primeltöpfen auf den nächsten Zug wartete, sind allerdings längst vorbei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Hamburg präsentiert sich die von Caritas und Stadtmission getragene Hilfseinrichtung modern und selbstbewusst - sie muss den Anforderungen einer multikulturellen und bisweilen auch semi-kriminellen Umgebung gewachsen sein. "Niedrigschwellig" nennen Soziologen eine Institution, die wie die Mission am Hauptbahnhof für jedermann zugänglich ist. Unter dem Motto "Sicher und geborgen unterwegs" kümmert sich ein Team von insgesamt 80 Betreuern um Neuankömmlinge und Menschen in Not - rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr.

Von der Umsteigehilfe für Reisende bis zur Vermittlung von Übernachtungsmöglichkeiten oder Therapieplätzen ist das Angebot an unbürokratischen Lösungen für persönliche Notsituationen groß. Die Ärztin wird hier ebenso gebraucht wie der Psychologe oder die Dolmetscherin. Zivildienstleistende und ehrenamtliche Helfer tragen dazu bei, dass bis zu 160.000 Kontakte pro Jahr bewältigt werden können. In der Vermittlungskartei finden sich mehr als 1000 Adressen von Arztpraxen, Kirchengemeinden, Botschaften und anderen Beratungsstellen, die existenzielle Probleme langfristig auffangen können.

Ulrich Hermannes, 41, ist Diplompsychologe und Leiter der Hamburger Mission. Neben der alltäglichen Auseinandersetzung mit "Bewohnern" und Besuchern des sozialen Brennpunkts Hauptbahnhof sorgt er für einen zeitgemäßen Auftritt der einst als Hort der Barmherzigkeit gepriesenen und von manchen geschmähten Zufluchtsstätte. "Wir haben eine klare Vorstellung davon, wie wir uns in der Öffentlichkeit darstellen wollen. Wir sind keine Kaffeetanten, sondern eine Institution, die über einen sehr breiten Zugang verfügt, eine Art kirchliche Sozialambulanz." Hell und freundlich wirkt diese ein wenig abseits des Bahnhofsgeschehens gelegene "Ambulanz", in der ein junges Team, das permanent klingelnde Telefon und ständig neu eintreffende Gäste für viel Bewegung sorgen.

Maria, im sechsten Monat schwanger und seit zweieinhalb Jahren obdachlos, gehört zu den eher seltenen "Stammgästen" der Mission, die noch nicht erfolgreich untergebracht oder weitervermittelt werden konnten: "Ich bin jeden Tag hier und kann sagen, dass die Betreuer unglaublich viel für mich getan haben", meint die 20-Jährige, nachdem sie ein tränenreiches und nervenaufreibendes Gespräch mit ihrer Mutter beendet und den Trost einer Praktikantin dafür entgegengenommen hat. Ihr Kumpel Uwe ist gelernter Bauschlosser und beklagt sich darüber, dass er ohne Wohnung keinen Job kriegt. Freundin Melanie, 27, hat die Hoffnung, noch einmal als Pferdewirtin zu arbeiten, längst aufgegeben.

Nicht immer sind die Besucher der Bahnhofsmission so friedlich. Auf die Frage, ob es auf dem Bahnhof heute gefährlicher zugehe als früher, kann auch Hermannes sich nur auf sein subjektives Empfinden berufen: "Ich glaube nicht, dass sich die Situation in den letzten zehn bis 20 Jahren verschlechtert hat. Zu Beginn meiner Tätigkeit hat es viele Erlebnisse gegeben, die mich sehr verschreckt haben und von denen ich meine, dass sie heute seltener geworden sind." Noch vor 15 Jahren habe es kaum Besucher gegeben, die kein Messer in der Tasche gehabt und es im Ernstfall auch benutzt hätten, unter ihnen viele Fremdenlegionäre und Kriegsteilnehmer. "Wir mussten unsere Zivildienstleistenden teilweise verstecken, weil diese Typen auf jeden losgegangen sind." Vorfälle dieser Art gäbe es heute nicht mehr, meint Hermannes. Auch wären in die Mission geschmuggelte oder offen getragene Waffen eher die Ausnahme.

Im Ernstfall rufen die Betreuer der Mission den Bundesgrenzschutz oder die Polizei. Ein ehemals installierter Alarmknopf mit direkter Verbindung zum BGS fiel einem Sparkonzept zum Opfer - Notrufe werden jetzt per Telefon erledigt. Die Sicherheitsmaßnahmen auf dem Hamburger Bahnhof hält Hermannes für sehr effektiv, die Übertragung des staatlichen Gewaltmonopols auf private Dienstleister allerdings für heikel. "Damit wird suggeriert, dass wir in permanenter Gefahr leben. Dem Bürger muss es so vorkommen, als ob der Staat seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist und deshalb auf private Sicherheitsunternehmen zurückgreifen muss."

Gesellschaftliche Rückkopplung und intensive Kommunikation sind für den Psychologen das Stichwort. In dem Hamburger Arbeitskreis "Soziale Probleme am Hauptbahnhof" haben sich Vertreter von Bürgerverein, Behörden, Polizei, Kirche und den ansässigen Geschäftsinhabern zusammengetan, um gemeinsam die Probleme der "Bahnhofsanlieger" in Angriff zu nehmen. Als überaus effektiv bezeichnet Hermannes die Arbeit der so genannten "bürgernahen Beamten" der Polizeiwache 11 im Zentrum der Hansestadt: Durch ihren engen Kontakt zu den Menschen rund um den Bahnhof würde ihnen sehr viel Vertrauen entgegengebracht und sie könnten Situationen und Menschen ausgezeichnet einschätzen. "Nur zwei von diesen Beamten sind eine halbe Hundertschaft wert."