SPIEGEL reporter: Welches Kind hätten Sie gern? - DER SPIEGEL
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SPIEGEL reporter Welches Kind hätten Sie gern?

Man nehme den idealen Samen, die ideale Eizelle und die ideale Leihmutter - fertig ist das perfekte Kind, neun Monate später. Nach diesem Muster werden schon heute Babys in die Welt gesetzt, von Eltern, Ärzten und Unternehmen, die nur das Beste wollen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

von Anja Jardine

Bald wird es medizinisch möglich sein, Embryonen genetisch zu bereinigen und aufzurüsten - dann kann Kinderkriegen endgültig zum Spiel mit den Bauklötzchen des Lebens werden.

Jeremy war noch keine 24 Stunden tot, als man ihm rektal eine Elektrosonde bis zur Prostata einführte, seine Beckenmuskulatur in rhythmisches Zucken versetzte und ihm auf diese Weise einen letzten und unfreiwilligen Orgasmus verpasste, der seine Mutter in den Besitz von "genügend Sperma für drei Versuche einer künstlichen Befruchtung" brachte.

Diesen Schatz hütet sie seitdem bei minus 196 Grad Celsius in dem Stahltank einer Samenbank. Sobald eine Ethik-Kommission des US-Bundesstaates Nevada ihr grünes Licht gibt, wird sie die Glasröhrchen hervorholen und sich Enkelkinder machen lassen, am liebsten zwei. Im Tausch gegen den Samen ihres Sohnes hatte Pam Reno, 41, den Ärzten angeboten, seine Organe zur Spende freizugeben. Obwohl Jeremy weder für die Samen- noch für die Organ-Spende jemals seine Einwilligung erteilt hatte, bevor er sich in jener Nacht vor zwei Jahren eine Kugel in den Kopf schoss.

Der Fall Reno hat selbst in den USA, dem in Sachen Fortpflanzung vermutlich liberalsten Land der Welt, eine ethische Debatte ausgelöst. Für viele ist das, was Pam Reno mit Hilfe der Ärzte getan hat, nichts Geringeres als die Vergewaltigung eines Toten, begangen von einer Mutter, die eine möglichst perfekte Nachbildung ihres Sohnes in die Welt setzen möchte - ohne sich darum zu scheren, wie es wohl um die Psyche eines Kindes bestellt ist, das unter solchen Umständen gezeugt wird.

Vorwürfe wie diese treiben der Frau Tränen der Verzweiflung in die Augen, die Empörung sei ihr unbegreiflich, sie wolle doch nichts Böses, nur ein Kind, neues Leben anstelle der Leere, die der Tod ihres Sohnes hinterlassen habe. Sie hat inzwischen eine Leihmutter verpflichtet - eine Freundin von Jeremy aus Kindertagen, das Babyzimmer ist längst gelb und rot gestrichen, und sollten es Zwillinge werden, sollen sie Jeremy Justin II und Jessica Joy heißen. "Nichts kann mich stoppen", sagt Pam. "Sollte die Kommission ,Nein' sagen, werde ich es eben woanders versuchen."

Und ihre Chancen stehen nicht schlecht. Das erste Kind, dessen Vater bereits bei der Zeugung unter der Erde war, wurde im März 1999 in Los Angeles geboren, 24 weitere Fälle, in denen Toten Samen entnommen wurde, sind bekannt. Und die Zahl der Anfragen, Verstorbene als "Sperminatoren" - wie diese neue Sorte Väter mittlerweile genannt wird - nutzen zu dürfen, steigt.

Die Amerikaner haben ein konstitutionell verankertes Recht auf Freiheit in Fragen der Fortpflanzung. Der Fall Reno macht deutlich, wie weit die Technik es dem entstehenden Leben erlaubt, sich von jenem loszulösen, aus dem es hervorgegangen ist. Samen und Eizelle sind zu Ressourcen geworden, die den Mechanismen des Marktes unterliegen und je nach Nachfrage gepaart werden.

Amerika ist das internationale Handelszentrum für Reproduktionstechnologien - ein Wirtschaftszweig, der jährlich vier Milliarden Dollar erwirtschaftet, Tendenz steigend. Unfruchtbare Menschen aus vielen Ländern kaufen in den USA das ein, was im eigenen Land verboten ist. So reisen Deutsche nach New York, um sich Eizellen-Spenden oder Embryonen zu beschaffen, ein israelisches Ehepaar fliegt nach Kalifornien, um durch pränatale Diagnostik sicherzustellen, dass das nächste Kind kein Junge wird, und ein Chinese lässt sich in seinem Privatjet mit Konkubinen nach Kalifornien bringen, um eine Leihmutter zu verpflichten. Der Fortpflanzungstourismus floriert.

Denn seit der Geburt von Louise Brown im Juli 1978 - womit bewiesen war, dass die Befruchtung im Reagenzglas funktioniert - ist das Babymachen im Bausatz möglich. Man nehme befruchtungsfähige Eizellen, befruchtungsfähige Spermien und eine Gebärmutter. Die drei Komponenten müssen in keiner biologischen Beziehung zu jenen Menschen stehen, die das Kind "in Auftrag geben", den so genannten sozialen Eltern. Längst haben sich Agenturen auf dieses Marktsegment spezialisiert; die Firma "Next Generations" in Los Angeles zum Beispiel verhilft vor allem homosexuellen Männern zur Vaterschaft.

Alle Konstellationen sind denkbar - im Extremfall wird ein Kind geboren, das zwei Väter hat - einen genetischen und einen sozialen - und drei Mütter - eine genetische, eine biologische, die es ausgetragen hat, und eine soziale. Ein solches Kind gibt es bereits. Es heißt Jaycee Buzzanca, und leider haben sich die Auftragseltern getrennt, während die Leihmutter Jaycee austrug - ein zwei Jahre dauerndes Gerichtsverfahren musste klären, wer denn nun Jaycees rechtliche Eltern sind.

Bei der Produktion von Wunschbabys gibt es allerdings ein großes Nachschubproblem: die Versorgung des Marktes mit frischen Eizellen. Im Gegensatz zu Spermien und ganzen Embryonen kann man reife Eizellen nicht einfrieren, weil sie sehr empfindlich sind gegen Temperaturschwankungen.

Außerdem sind Eizellen relativ aufwendig zu gewinnen, denn zunächst muss die Ei-Produktion der Frau durch eine starke Hormonbehandlung auf Touren gebracht werden, was nicht frei ist von Risiken. Und drittens sind Eizellen-Spenden im Vergleich zu Samen-Spenden noch immer verhältnismäßig rar. Um neue Spenderinnen zu rekrutieren, zahlen US-Kliniken bis zu 5000 Dollar als "Entschädigung für Zeit und Unannehmlichkeiten" und machen das Eizellen-Spenden somit zu einer lukrativen Einnahmequelle für junge Frauen.

So hat zum Beispiel Carrie Specht, eine ehemalige Studentin der Filmschule der New York University, nicht nur ihre Studiengebühr mit Ei-Spenden finanziert, sondern auch zwei Kurzfilme - "Zygot Productions" heißt deshalb ihre Filmproduktionsfirma. Jung, hübsch, gesund und kreativ wie sie ist, war sie eine gefragte Spenderin.

Nachdem sie aber viermal die belastende Prozedur der Hormon-Injektionen und Bluttests und des Absaugens der Eier hinter sich gebracht hatte, stellte sich ihr die Frage: "Wie viele Kinder kann ich zu dem Gen-Pool dieser Gegend beitragen, bevor es moralisch unverantwortlich wird?" Denn theoretisch ist es möglich, dass sich zwei ihrer Kinder einmal über den Weg laufen, und ohne von ihrer verwandtschaftlichen Beziehung zu wissen, Kinder miteinander zeugen.

Im Unterschied zur Samen-Spende wird die Ei-Spende erst dann in die Wege geleitet, wenn eine Empfängerin die Spenderin ausgewählt hat - die Abnahme damit also gewährleistet ist. Aber immer wieder kommt es vor, dass die Auftraggeberin kurzfristig von dem Vertrag zurücktritt. Das hat Dr. Mark Sauer und seine Kollegen vom Columbia-Presbyterian Medical Center in New York zu einem - auch in den USA - kühnen Schritt veranlasst: Statt die verwaisten Eizellen zu vernichten, hat er sie nach eigenem Gutdünken mit Spermien von einer kommerziellen Samenbank befruchtet, und die fertigen Embryonen interessierten Paaren angeboten.

Erst in der letzten Woche sei es wieder passiert, sagt Dr. Sauer, dass die Auftraggeberin aus Deutschland angerufen und gesagt habe, sie komme nicht. "Und ich stehe da mit einer jungen Frau, die seit zwei Wochen voll auf Droge ist und in deren Eierstöcken zwischen 10 und 30 Eier heranreifen. Was soll ich mit den Eiern machen? Wegwerfen? Wenn in derselben Woche drei Frauen bei mir in der Praxis stehen, die schon von Pontius zu Pilatus gerannt sind, um ein Kind zu bekommen, und für die eine Embryo-Spende die letzte Chance ist?" Die Liste der Interessenten sei ellenlang, sagt Sauer und deutet in Richtung Wartezimmer.

Das sieht aus wie die Club-Lounge einer Airline, in der Frauen sitzen, die so aussehen, als würden sie auf den nächsten Business-Flug warten - hinge dort an der Wand nicht das Messingschild mit der Aufschrift "Center for Women's Reproductive Care".

Dr. Sauer hat die Eizellen also nicht weggeworfen, sondern sich einen Katalog von einer kommerziellen Samenbank geschnappt und mal geguckt, was denn so passen könnte zu den Eiern seiner sitzen gelassenen Spenderin. Die ist blond, blauäugig und mittelgroß. "Ich habe zwei Phenotypen gemacht", sagt Dr. Sauer. "Die eine Hälfte der Embryonen blond-blauäugig/blond-blauäugig, die zweite Hälfte blond-blauäugig/brünett-braunäugig." Er achte grundsätzlich darauf, keine Rassen zu mischen, um in den "Familien keine Kontroversen vorzuprogrammieren" und orientiere sich ansonsten ausschließlich am Aussehen - also Haarfarbe, Augenfarbe, Größe. Das sei letztlich sogar weit weniger diskriminierend als die Auswahl, die die Paare oft selbst träfen, weil die ja auf weit mehr Kriterien achteten. Schulbildung, persönliche Neigungen, Beruf des Vaters - all das bliebe bei ihm außer Acht.

"Gott spielen?" Die senkrechte Falte auf Dr. Sauers Nasenwurzel verrät, dass diese Frage nun wirklich seinen Unmut weckt. "Damit hat es wenig zu tun! Vielmehr damit, Paaren, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind, endlich Erleichterung zu verschaffen."

Die Tatsache, dass er den Samen-Spender auswähle anstelle der zukünftigen Eltern, sagt Dr. Sauer, habe ausschließlich praktische Gründe: Es bliebe gerade mal ein Tag Zeit, um die Eizellen zu befruchten. Und die Rechnung sei doch überzeugend: "Bei der erwähnten Ei-Spenderin konnten 22 Eier geerntet werden. 22 bereits bezahlte Eier von einer jungen, gesunden, medizinisch durchgecheckten, psychologisch beratenen Frau, die sich zudem am College gut macht. Was für eine kostbare Ressource! Bei 22 Eiern kommen ungefähr 15 Embryonen zu Stande. Und mit 15 Embryonen kann drei bis vier Paaren geholfen werden."

Die New York State Task Force on Life and Law hat Bedenken angemeldet. Die richteten sich vor allem gegen die Vorratshaltung. Das Komitee sprach die Empfehlung aus, keine Embryonen zu basteln, für die es noch keinen Abnehmer gibt. Also änderten Dr. Sauer und sein Team ihre Vorgehensweise dahingehend - "und somit eigentlich nur semantisch", wie er zugibt, dass sie interessierte Paare aufforderten, schriftlich ihr Interesse an einem Embryo anzumelden, den Dr. Sauer bei Verfügbarkeit von Eizellen weiterhin nach eigenem Gusto kreiert.

Allein in den USA sind mehr als fünf Millionen Menschen im zeugungsfähigen Alter unfruchtbar. 15000 Reagenzglas-Babys kommen in den USA jährlich zur Welt, 60.000 Kinder entstehen durch eine Samen-Spende und rund 1000 durch ein Leihmutter-Arrangement.

Doch Zugriff auf diese Techniken haben, so Sauer, "bisher ausschließlich Menschen der oberen Mittelschicht und darüber". Ein Befruchtungsversuch im Reagenzglas kostet zum Beispiel im Center for Reproductive Technologies of St. Barnabas, New Jersey, 8039 Dollar, mit Eizellen-Spende 22.221 Dollar, jeder weitere Zyklus noch mal 600 Dollar. Für das Einfrieren der Embryonen, die nicht eingepflanzt werden, wird eine jährliche Lagergebühr von rund 1000 Dollar erhoben.

Insofern, sagt Dr. Sauer, trage die Befruchtung mittels Embryonen-Spende zu einer gewissen Demokratisierung der Reproduktionsmedizin bei, denn die koste nur 5000 Dollar.

Vor allem bieten sich natürlich übrig gebliebene Embryonen zur Spende an, doch das ist ein Geschäft, das sich jetzt erst langsam entwickelt. "Die meisten Paare sind sehr egoistisch mit ihren Embryonen", sagt Dr. Sauer. Es käme ihnen wohl vor, als gäben sie ein Stück Familie weg. Andererseits können sich viele Paare aber auch nicht dazu entschließen, die Embryonen vernichten zu lassen oder zur Forschung freizugeben. "So they just keep them, keep them, keep them", sagt Dr. Sauer. Seine Klinik muss andauernd neue Kühltanks anschaffen. Nach Schätzungen von Experten liegen in den USA über 100.000 Embryonen auf Eis. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommen würde, auch mit dieser Ressource zu handeln. Die ersten Adoptionsagenturen wie Creating Families in Denver erweitern ihren Service nun um Embryo-Adoptionen.

Warum nicht ein bereits geborenes Kind adoptieren, eines, das schon elternlos auf diesem Planeten herumläuft? So einfach sei das nicht, sagt Robert Walmsley, Anwalt in Los Angeles, der sich auf die rechtlichen Folgen der künstlichen Fortpflanzung spezialisiert hat. "Die Paare wollen diejenigen sein, die die Existenz des Kindes verursacht haben."

Abgesehen davon sei die Embryo-Adoption im Vergleich zur Adoption ausgetragener Kinder sehr viel einfacher. Deswegen zeigten auch allein stehende Frauen, die zu alt sind, um fruchtbare Eizellen zu produzieren, zunehmend Interesse an Embryonen-Spenden. Es sind die auffällig gut gekleideten Frauen Anfang 40, die in den Wartezimmern der Befruchtungskliniken sitzen, häufig auf die Uhr gucken und ebenso häufig das Display ihres Handys checken. Viele von ihnen arbeiten in Anwaltskanzleien, Kunstagenturen, Redaktionen oder Werbeagenturen. "Das sind beruflich erfolgreiche Frauen, finanziell abgesichert und unabhängig, die ihr Leben voll im Griff haben", so die Erfahrung von Dr. Margret Garrisi vom Institut für Reproduktionsmedizin in Barnabas. "Die sehen aus wie 32 - rauchen nicht, ernähren sich gesund, gehen dreimal die Woche ins Fitness-Center und sind fassungslos, wenn sie begreifen mssen, dass Eierstöcke und Gebärmutter trotzdem gealtert sind und ihre Zeit zu Ende geht."

Natürlich guckten diese Frauen genau, von welcher Frau sie ihre Eier beziehen und von welchem Mann den Samen, natürlich sei das Selektion. "Aber die Wahrheit ist doch", sagt Garrisi, und man merkt, dass sie diese Debatte leid ist, "jede menschliche Reproduktion ist Selektion, sogar genetische Selektion." Natürlich suche man sich sorgfältig aus, mit wem, sorry, von wem man Kinder haben wolle, das sei im echten Leben nicht anders. Es passiere immer wieder, dass eine Frau, deren Mann Krebs hatte und keinen Samen im Gefrierschrank, sich ein Kind von dessen Bruder wünsche, "eben weil sie sich zu dem Gen-Pool dieser Familie hingezogen fühlt". "Was also spricht dagegen, wenn Mr. Richtig nicht beizeiten getroffen hat, um eine hübsche kleine Familie zu gründen, den Samen eines Goldmedaillengewinners bestellt?"

Oder sie bezieht ihn von jenem "high achiever", der sich unter www.donador. com/freedonr auf einer eigenen Website mit detaillierten Informationen ber seine Leistungen von der Grundschule bis hin zu den jüngsten patentierten Erfindungen präsentiert - inklusive einer ganzen Fotogalerie. Dieser Mann übernimmt auch die Kosten für Registrierung und Zustellung seiner Samen, weil er sich berufen fühlt, "die Welt ein kleines bisschen besser zu machen".

Schon in sehr naher Zukunft wird es möglich sein, beim Einkaufen in der Drogerie neben Deo und Schokoriegel auch ein Gläschen Sperma in den Einkaufswagen zu legen, denn die Firma Xytex aus Georgia beabsichtigt, Samen im FranchiseSystem zu vertreiben.

Mary S., eine 45-jährige Lehrerin aus Manhattan, hat sich ihre Samen-Spende noch auf traditionelle Weise aus dem Katalog einer Samenbank ausgesucht. Als sie 38 wurde, fing "ihre biologische Uhr so laut an zu ticken, dass sie keine Ruhe mehr fand". Mary ist eine sehr attraktive, lebhafte Frau, die gern unter Menschen ist. Dennoch, die Liebe, aus der ein Kind hätte hervorgehen sollen, war ihr weder begegnet noch in Sicht, und in Anbetracht der Perspektive, für den Rest ihres Lebens unter Umständen nicht nur ohne Partner, sondern auch ohne Kinder sein zu müssen, entschloss sie sich, allein Mutter zu werden.

Ihr Sohn ist inzwischen sieben Jahre alt. Wenn sie ihn laut und melodisch in seinem Zimmer singen hört, denkt sie: "Das hat er vom Spender, nicht von mir." Für ihr zweites Kind brauchte Mary nicht nur eine Samen-Spende, sondern auch eine Ei-Spende, die sie von ihrer Schwester bekommen hat, und das Großartige ist: "Meine Tochter sieht genau aus wie ich."

Bei der Auswahl der Samen-Spender sei es ihr hauptschlich um Gesundheit gegangen, sagt Mary. In ihrer Familie gebe es sowohl Herzkrankheiten als auch Alzheimer und Depression - das habe sie versucht, bei den Spendern zu vermeiden. Ansonsten habe sie nur darauf geachtet, dass die Schulbildung mit ihrer vergleichbar sei.

Ihr Sohn frage in letzter Zeit oft nach seinem Vater, wünscht sich einen Mann, der für ihn da ist. Dann erkläre sie ihm, sagt Mary, dass jeder einen Vater habe, aber nicht jeder einen Daddy. Beim Essen hört sich das dann so an: "Einen Happs für Mama, einen Happs für Oma und einen für den Samen-Spender ..."

Mary ist eine von rund 4000 "Single Mothers by Choice". Die Organisation bietet ihren Mitgliedern an, die Kinder zusammen mit der Nummer des Spenders registrieren zu lassen, für den Fall, dass eines mal aus medizinischen Gründen einen Blutsverwandten braucht. Oder aber, um den Müttern die Gelegenheit zu geben, Halbschwestern und -brüder ihrer Kinder ausfindig zu machen. Im September trafen sich in New York fünf Mtter mit ihren vier Jungs und drei Mädchen zwischen zwei und vier Jahren - allesamt Kinder von Spender 5027. Man verglich das Lachen der Kleinen, die leicht vorstehenden Zähne und diese Eigenart, bei Konzentration die Lippen zu schürzen. Und eine der Frauen hatte doch tatsächlich noch ein bisschen Samen von 5027 auf Lager, den eine andere so dringend suchte, weil sie noch ein Kind wollte und 5027 inzwischen als Samen-Spender im Ruhestand war. Sie alle hätten ein starkes Band gefühlt, sagte eine der Mütter. Nie zuvor habe jemand anderes ihr Kind mit diesem Interesse betrachtet.

Die Single Mothers by Choice sind sich einig, sagt Gründerin Jane Mattes, dass dies der sauberere Weg sei, als in einer hastigen, zufälligen Beziehung ein Kind zu zeugen. Oder wie es eine der Mütter formuliert: "Wenn ich in ein Restaurant gehe, muss ich doch auch nicht den Koch treffen, um mich an seinem Menü zu erfreuen."

Auch die Eizelle wird in Zukunft zu haben sein - gewissermaßen ohne viel Aufhebens um die Köchin zu machen. Weltweit arbeiten Forschungsteams daran, die bisher knappe Ressource Eizelle im großen Stil zu erschließen, indem sie unreife Eizellen, so genannte Oozyten, die sich gut in Kälte konservieren lassen, außerhalb des Körpers heranreifen zu lassen. Experten rechnen noch innerhalb der nächsten fünf Jahre mit einem Durchbruch auf diesem Gebiet, was ein neuer dramatischer Eingriff in die menschliche Fortpflanzung ist: Dann stünde ein nahezu unerschöpfliches Potenzial an Eizellen zur Verfügung.

Diese Technik würde es ermöglichen, kleinen Mädchen, die zum Beispiel an Leukämie erkrankt sind, Teile der Eierstöcke mit unreifen Eizellen zu entnehmen, um der durch die Chemotherapie drohenden Sterilität zuvorzukommen. Sie wird es jungen Frauen ermöglichen, ihre Eizellen zu konservieren und zu einem späteren Zeitpunkt, an dem ein Kind besser ins Lebenskonzept passt, wieder hervorzuholen.

Im Extremfall könnten dann sogar Kinder geboren werden, deren Mütter niemals selbst das Licht der Welt erblickt haben. Bereits sechseinhalb Monate vor der Geburt eines Mädchens ist der gesamte Vorrat an Eizellen fürs Leben im Fötus angelegt. Werden die Föten abgetrieben oder fehlgeboren, wäre es möglich, ihre Eierstöcke mit den Oozyten "zu retten", extern heranreifen zu lassen und diese Tausenden von Eizellen anderen Frauen zur Verfügung zu stellen. Daraus hervorgehende Kinder hätten dann in der Tat genetische Mtter, die selbst nie geboren wurden.

Wenn die japanischen Forscher ihre Versuche mit künstlichen Gebärmuttern erfolgreich abschließen, dann könnte Mädchen kurz nach der Geburt Gebärmttergewebe entnommen und die gesamte restliche Produktion eines Kindes dann später, wenn das Mädchen groß ist und Mutter zu werden wünscht, der Technik überlassen werden. Neun Monate später würde man wiederkommen, um sein Baby abzuholen. "Ich glaube, in der Zukunft werden die Frauen großes Interesse an solchen Techniken haben", sagt Dr. Margret Garrisi von der Reproduktionsklinik Barnabas in New Jersey. "Und warum auch nicht? Schon seit Menschengedenken, haben Männer Frauen gekauft, um Kinder zu haben, seit einiger Zeit nun kaufen auch Frauen Frauen, um Kinder zu haben. Warum nicht auch solche Maschinen, wenn sie gut gemacht sind?"

Bis zur Vollendung einer künstlichen Gebärmutter wird noch ein wenig Zeit ins Land gehen, denn bis heute ist es nicht einmal möglich, einen Embryo länger als sieben Tage außerhalb des Mutterleibes am Leben zu halten. Doch diese sieben Tage reichen, um alles Erdenkliche mit ihm anzustellen.

In Deutschland allerdings nicht, hier genießt der Embryo einen hohen gesetzlichen Schutz, der noch höher ist als der Schutz des Fötus in den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft. Es dürfen maximal drei Eizellen im Reagenzglas befruchtet werden, und die müssen alle wieder zurück in den Leib, dem sie entnommen wurden. Das Einfrieren von Embryonen ist verboten, genauso wie die Forschung an in Deutschland geschaffenen Embryonen. Neuerdings steht das Embryonenschutzgesetz wieder zur Diskussion und soll von einem Fortpflanzungsmedizingesetz abgelöst werden.

Denn seit die Ärzte den Embryo vor gut 20 Jahren aus dem Bauch der Mutter ins Licht des Mikroskops geholt haben, wurden - völlig unabhängig davon - in einer anderen Wissenschaft revolutionäre Fortschritte gemacht: der Genetik. Und das Zusammengehen dieser beiden Wissenschaften zur Reprogenetik erlaubt nun den Zugriff auf das genetische Erbgut des Menschen.

Es ist heute möglich, im Embryo Mutationen einzelner Gene auszumachen, die Ursache bestimmter Krankheiten sind. Daneben bieten einige Kliniken seit kurzem an, auch Abnormitäten der Chromosomen aufzuspüren. Da all diese Gen- und Chromosom-Fehler aber noch nicht korrigierbar sind, bleibt folglich nur die Vernichtung des Embryos.

Das Verfahren zur Ermittlung der Gen-Fehler heißt Primplantationsdiagnostik (PID) und wird unter anderem in den USA, Australien, in den Niederlanden, Schweden, Frankreich und Belgien angewandt. In Portugal, Österreich, der Schweiz und Deutschland ist sie jedoch verboten. Befürworter der PID halten das für den Ausdruck einer Doppelmoral, denn gleichzeitig ist in Deutschland die Pränataldiagnostik erlaubt, die den Fötus genetisch untersucht und bei positivem Befund in aller Regel zur Abtreibung führt.

Valentin ist eines von weltweit rund 200 PID-Kindern, die bisher geboren wurden. Er kam im November in einem Pariser Vorort auf die Welt. Seine Mutter hatte bereits drei Kinder mit einem schweren Leberleiden, dem Ornithincarbanyltarnsferase-Mangel, geboren, die alle gestorben sind. "Ein klassischer Fall für eine PID", sagt Prof. Andre Van Steirteghem vom Zentrum für Reproduktionsmedizin der Vrije Universität in Brüssel, wo dieses Verfahren seit 1993 rund 400-mal durchgeführt wurde, Tendenz steigend. 75 Kinder wurden inzwischen geboren, 30 Schwangerschaften dauern noch an. Dieses Fertilitätszentrum ist eines der größten und renommiertesten der Welt. Paare, die an anderen Kliniken gescheitert seien, versuchten zuletzt hier ihr Glück, sagt Van Steirteghem. Und immer ginge es nur um eines: "Ein Kind zu bekommen, ein gesundes Kind." Patienten, die irgendwelche kosmetischen Wünsche geäußert hätten, seien ihm in seiner langen Berufspraxis nicht begegnet. Ein Grenzfall sei ein Mann gewesen, der sowohl eine gespaltene Lippe als auch einen gespaltenen Gaumen hatte, zahlreiche Operationen hatte hinter sich bringen mssen, und herausfinden wollte, ob er dies seinem Kind vererben würde.

Die Eltern von Lara aus Nordrhein-Westfalen reisten nach Brüssel, um nach zwei Schwangerschaftsabbrüchen dieses Mal vorher zu klären, ob ihr Kind die Veranlagung zur Duchenne-Muskeldystrophie in sich trage - eine Krankheit, bei der Muskelschwäche zu einem qualvollen Erstickungstod noch vor dem 20. Lebensjahr führt. Lara wurde unter allen Embryonen auserwählt, der Mutter eingepflanzt und von ihr geboren. Lara ist heute vier Jahre alt und gesund.

Obwohl im Internet inzwischen weit über 12000 Krankheiten aufgelistet sind, die genetisch bedingt sein sollen, können an den 29 weltweit bestehenden PID-Zentren nur rund 35 Erbkrankheiten diagnostiziert werden, da für jede Krankheit eine spezifische Gen-Sonde entwickelt werden muss, was aufwendig ist und teuer.

Doch obwohl der Einsatz der PID heute nur sehr begrenzt möglich und im Fall schwerer, tödlicher Erbkrankheiten auch sinnvoll erscheint, befürchten Kritiker eine neue Form der Eugenik - betrieben nicht von Regierungen, sondern von Eltern.

Denn wenn es legitim ist, weibliche Embryonen auszusortieren, weil die befrchtete Erbkrankheit nur durch eine Gen-Mutation auf dem X-Chromosom bertragen werden kann, wie groß ist dann noch die Hemmschwelle, einen weiblichen Embryo einfach nur deswegen auszusortieren, weil er weiblich ist?

34 Prozent der US-Genetiker gaben an, sie würden Sex Selection durchführen, weitere 28 Prozent sagten, sie würden es nicht selbst tun, aber die interessierten Paare an jene Kollegen weiterleiten, die es tun.

Für Sex Selection bedarf es nicht einmal einer PID, denn Ultraschall tut es auch. Oder, wenn man ganz sicher gehen möchte, eine Fruchtwasseruntersuchung.

Was würden Eltern alles auswählen wollen, wenn sie es denn könnten? Würden sie anfangen nach Augenfarbe, Haarfarbe, Größe, Intelligenz, Neigungen zu selektieren, wenn diese im Gen-Material lokalisiert werden könnten? Eine Untersuchung in den Vereinigten Staaten hat ergeben, dass 12 Prozent aller Eltern ihren Fötus abtreiben würden, wenn er die genetische Veranlagung zur Fettleibigkeit hätte.

"Noch innerhalb der nächsten zehn Jahre werden wir anfangen, genaue Informationen darüber zu bekommen, in welcher Beziehung unsere Gene zu dem stehen, was wir sind", sagt der Biophysiker Professor Gregory Stock von der University of California in Los Angeles. "Nicht nur Selektion, sondern auch Gen-Verbesserungen wird es geben, und wir werden sie nutzen." Schon heute schickten Eltern ihre Kinder in Kindergärten für Genies, zu besonders guten Schulen oder ließen sie Klavierunterricht nehmen. Sobald sich ihnen die Möglichkeit biete, ihre Sprösslinge genetisch aufzuwerten, sie physisch und auch mental besser auszustatten, würden die Eltern es tun. "And why not?"

Er finde es ganz im Gegenteil anmaßend, sagt Stock, Eltern, die zum Beispiel ein hohes Risiko für das Tay-Sachs-Syndrom in sich tragen, zu sagen: "Sorry, wir könnten verhindern, dass euer Kind daran erkrankt, aber da müsst ihr durch. So ist das Leben!"

Wenn von Gen-Manipulation die Rede sei, befürchteten viele immer gleich so eine Art Super-Rasse, sagt Prof. Stock - das müsse wohl dieser deutsche Sinn für Perfektion sein -, er hingegen glaube, dass es das gleiche Chaos geben werde wie überall, wo Menschen agieren. Und das sei für ihn auch das Beruhigende, dass nämlich niemand, vor allem keine Regierung, kein Staat die Kontrolle habe. Die liege bei den Individuen, den Eltern. Und da solle sie auch bleiben, denn das seien letztendlich diejenigen, die sich wirklich um das Wohl des Kindes scherten. Ein Verbot führte doch nur dazu, dass diese Technologie den Eliten vorbehalten wrde.

"Das ist ein sehr amerikanischer Blick auf die Genetik und sehr vereinfachend", sagt Professor Yvon Englert, Arzt und Embryonenforscher am Erasme Hospital der Freien Universität Brüssel. "Die Amerikaner haben zum einen nie so etwas wie die Nazi-Zeit erlebt, was uns Europer dazu gebracht hat, die Eugenik in ganz anderem Licht zu sehen, und sie leben in einer sozial sehr ungleichen Gesellschaft; da ist es einfacher zu sagen: ,Ich bin klug und reich, und du bist dumm und arm. Ich habe nun mal leider die besseren Gene, da kann man nichts machen.'"

"Aber", so glaubt auch Englert, "werden wir sicher irgendwann im Stande sein, die Gene diverser physischer Eigenschaften zu identifizieren wie Größe, Proportionen zwischen Beinen und Körper, Augenfarbe, Hautfarbe, und sicher auch ein paar Verhaltensgene. Aber das Wissen sollten wir nicht zur Selektion nutzen."

Es ginge nur darum, die Reprogenetik in ethisch lauteren Bahnen zu halten, und das sei keine Frage der Gesetzgebung, zumindest nicht vorrangig. Vielmehr hinge es davon ab, ob ein Wissenschaftler tausende von Dollar dafür kassieren könne, wenn er das verantwortliche Gen für Glatzköpfigkeit findet. Wenn nicht, würde es ihm nicht im Traum einfallen, danach zu suchen.

Und wenn ja? Dann wird die Zeugung eines Kindes zukünftig so ablaufen, als sei die Schöpfung ein Spiel mit den Bausteinen des Lebens, erfunden von Medizinern. Ein Spiel, das schon heute im Internet zu proben ist, auf der Website www.genochoice. com: Legen Sie Ihren Daumen auf die Scan-Fläche und warten Sie auf Ihr DNA-Profil. Der Computer antwortet: Sie haben eine 98-prozentige Neigung zur Homosexualität, eine 13-prozentige Neigung zu unsozialem Verhalten und eine 20-prozentige Neigung zu Angst. Außerdem beträgt Ihre Empfänglichkeit für Arthritis 76 Prozent, für Chorea Huntington 38 Prozent, zur Bluterkrankheit Thalassemia 15 Prozent und zur Glatzköpfigkeit 3 Prozent. Vererben Sie Ihre genetischen Unzulänglichkeiten nicht an Ihre Kinder!

Ein Häkchen in dem Feld "Upgrade" genügt - die Preise liegen zwischen 2397 Dollar (Glatzenbildung verringern) und 10.565 Dollar (Neigung zu unsozialem Verhalten verringern). Ein Sternchen kennzeichnet die Upgrades, die in dieser Woche im Angebot sind. Nun wählen Sie Haarfarbe, Augenfarbe, Größe und Geschlecht Ihres Kindes. Danke schön. Die Kosten der gesundheitlichen Korrekturen und genetischen Aufwertung für Ihre rothaarige, grünäugige Tochter belaufen sich auf 90.028 Dollar. Gratulation! Klicken Sie hier, um Ihr Baby machen zu lassen.

Undenkbar? Unmöglich? Unwirklich? Im Land der unbegrenzten Fortpflanzung ist schon heute bereits das zu haben, was noch gar nicht existiert.

Die Firma Cygenic Solutions of Houston offeriert schwangeren Frauen, die nicht jetzt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt das Kind austragen wollen, den Fötus einzufrieren - auch wenn heute noch niemand weiß, wie man ihn reanimieren kann.