Polizeiseelsorger Gesprächskultur statt Lederhaut
SPIEGEL ONLINE
: Nach einer Untersuchung der Hamburger Universität wird jeder dritte Polizist in bestimmten Situationen von Erinnerungen an Tote, Sterbende und Schwerverletzte bedrängt. Sind das die Menschen, die Ihr Beratungsteam aufsuchen?
Frank Rutkowsky: Ja, unter anderem. Der Tod von Kindern oder Kollegen, der Anblick verstümmelter Leichen und natürlich die Bedrohung des eigenen Lebens sind Ereignisse, die an einem Polizisten nicht spurlos vorübergehen. Sie können zu posttraumatischen Störungen führen, die Schwierigkeiten im Beruf, Alkoholismus, Scheidungen oder gar Selbsttötungsabsichten mit sich bringen. Deswegen bieten wir nach solchen Ereignissen sofort Gespräche an, in denen die Beamtinnen und Beamten loswerden können, was ihnen auf der Seele liegt. Auch der Umgang mit den ganz praktischen Folgen solcher Einsätze, wie zum Beispiel Presseberichte, Gerichtsverhandlungen oder Gerede in der Nachbarschaft wird hier besprochen.
SPIEGEL ONLINE: Reden Polizisten gern über ihre Probleme?
Rutkowsky: Nicht alle. Aber bei Mitgliedern einer Mordkommission konnte ich zum Beispiel beobachten, wie überaus hilfreich es ist, wenn ein Team zusammenhält und alle miteinander sprechen. Bevor die Beamten den Tatort betraten, vergegenwärtigten sie sich die Lage, dachten gemeinsam laut nach, entwarfen ihren Plan und gingen dann erst an die Arbeit. Auch in der sich anschließenden fachlichen Auswertung des Einsatzes konnten die Beamten sich einbringen. So ein Gruppenzusammenhalt sorgt dafür, dass Belastungen besser abgefangen werden.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Beamte, die den Gang zum Pfarrer oder zum Psychologen als unmännlich empfinden?
Rutkowsky: Diese Weichei-Thematik gibt es. Immer mehr kritische und aufmerksame Polizisten verabschieden sich jedoch von einer solchen Haltung. Andere legen sich im Laufe der Zeit eine Lederhaut zu, eine Art Panzer, mit dem sie versuchen, professionelle Distanz zu bewahren.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie auch im Vorfeld der alltäglichen Katastrophen helfen?
Rutkowsky: Wir Seelsorger schulen die Polizisten für das Überbringen von Todesnachrichten. Auf die möglichen Folgen extrem belastender Einsätze werden Polizeischüler an Studientagen vorbereitet. Da erzählen erfahrene Polizisten von Einsätzen, die ihnen selbst einmal an die Nieren gegangen sind. Wir betrachten es als eine unserer Aufgaben, an einer guten Gesprächskultur in der Polizei mitzuwirken. Die ist mindestens so wichtig, wie die Hilfe von uns Seelen-Profis.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Polizisten nehmen Ihr Beratungsangebot in Anspruch?
Rutkowsky: Im klassischen Sinne seelsorgerische Gespräche habe ich mehrmals pro Woche manche davon als Teil längerer Beratungen, wenn es sich um tief sitzende Probleme handelt. Da geht es aber auch um andere Themen: Konflikte in der Dienstgruppe, Eheprobleme und so weiter. Hinzu kommen akute Fälle und die so genannte Seelsorge zwischen Tür und Angel - letztere dauert vielleicht nur ein paar Minuten, kann aber manchmal durchaus nützen und schafft Vertrauen in unsere Arbeit.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie etwas über die spezifischen Probleme der Beamten bei Mordkommissionen sagen?
Rutkowsky: Wissen Sie, auch Streifenpolizisten finden Tote. Gerade diese Kollegen geraten wohl am ehesten in Lebensgefahr, denn im Unterschied zu den Beamten des Mobilen Einsatzkommandos oder der Mordkommission werden sie von den Ereignissen oft überrascht. Die Spezialdienstgruppen erleben zwar oft schlimme Dinge, aber sie können sich darauf mental besser einstellen und bringen außerdem eine besondere Ausrüstung mit.
SPIEGEL ONLINE: Gewöhnung spielt also bei der beruflichen Konfrontation mit Leichen durchaus eine Rolle?
Rutkowsky: Für die Beamten bedeutet die Leiche ja nur den Beginn ihrer Arbeit. Sie müssen den Toten zwar lange und intensiv untersuchen. Aber danach geht die Ermittlung weiter. Dann haben sie es mit den Lebenden zu tun. Anders als die Schutzpolizisten, die meist nur einen kurzen Ausschnitt des Geschehens mitbekommen, durchlaufen die Mitglieder der Mordkommission den ganzen Ermittlungsprozess. Da ist das Gefühl, Einfluss nehmen zu können, größer. Außerdem schützen sie ein besonders hohes Rechtsgut. Das stärkt die Motivation und hilft, Belastungen besser auszuhalten.
SPIEGEL ONLINE: Also sind Mordkommissare nicht schneller ausgebrannt als die Kollegen aus anderen Bereichen?
Rutkowsky: Soweit ich weiß, nein. Viele bleiben recht lange in ihrer Abteilung. Wer merkt, dass er der Sache nicht gewachsen ist, springt meist schon sehr früh wieder ab. Mir hat ein Kommissar versichert, dass er noch nie von dem Gesehenen geträumt habe. Ihm war klar: Wenn das einmal passiert, wechsele ich die Dienststelle.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Suizidgefahr in dieser Berufsgruppe?
Rutkowsky: Das wird untersucht. Ein Vergleich ist aber schwierig, weil man die unterschiedliche Zusammensetzung von Polizei und Bevölkerung nach Alter und Geschlecht berücksichtigen muss. Eine Gefährdung liegt sicher in der Tatsache, dass Polizisten eine Waffe zur Verfügung haben, mit der sie sich das Leben nehmen können. Das erleichtert, wenn erst einmal der Gedanke da ist, den Suizid.
SPIEGEL ONLINE: Polizisten sollen künftig auch bei Routinekontrollen die Hand an der Dienstwaffe haben. Was halten Sie persönlich von den Ergebnissen der Innenminister-Konferenz in Magdeburg?
Rutkowsky: Ich finde es schade, dass es soweit gekommen ist. Die bürgernahe Polizeiarbeit bekommt dadurch einen Knacks. In Anbetracht der acht Kollegen, die letztes Jahr ermordet wurden, kann ich das Bedürfnis der Polizisten nach besserer Absicherung allerdings verstehen. Ich weiß da keinen Rat außer, dass man die neuen Regelungen möglichst diskret praktizieren sollte.
SPIEGEL ONLINE: Die Gespräche zwischen Pastor und Beamtem unterliegen dem Seelsorgegeheimnis. Darüber hinaus besitzen Sie das Zeugnisverweigerungsrecht. Gab es Momente, in denen sie Dinge erfahren haben, die mit dem Strafgesetzbuch nicht vereinbar waren und bei denen Sie Probleme hatten, das Seelsorgegeheimnis zu wahren?
Rutkowsky: Die Dinge, von denen mir berichtet wird, haben sich meist in der Vergangenheit zugetragen. Aber einmal habe ich mir große Sorgen um die Zukunft einen Beamten gemacht, ohne etwas unternehmen zu können. Wenn mir jemand etwas beichten würde, das für einen anderen Menschen eine Gefahr darstellt, wäre ich in einem Dilemma. Ich müsste versuchen, auf meinen Gesprächspartner einzuwirken.
Das Interview führte Annette Langer