Interview zur polizeilichen Spurensicherung: Mörderjagd mit Maden - DER SPIEGEL
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Interview zur polizeilichen Spurensicherung Mörderjagd mit Maden

Polizeimeister Georg Funke, 29, ist Sachbearbeiter im Kriminaldauerdienst der Polizei Hannover. Im Rahmen des am 1. Juni 2001 gestarteten Pilotprojekts "Tatortaufnahme" ist er als professioneller Spurensucher vor Ort, wenn per Fingerabdruck, "Schuhspurensuche" oder Insekten-Fang Straftäter entlarvt werden sollen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Bei welchen Delikten werden Ihre Kollegen und Sie an den Tatort gerufen?

Georg Funke: Angefangen von Einbruchdiebstahl über Brandermittlung bis hin zu Tötungsdelikten ist alles vertreten. Auch bei ungeklärten Todesfällen werden wir von den Ärzten gerufen, um zu klären, ob es sich bei einer Leiche um einen natürliche Todesursache handelt oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Wichtigste bei der Spurensicherung vor Ort?

Funke: Das Wichtigste ist immer, auswertbare Spuren von so genannten nicht Tatortberechtigten zu finden - das sind zu 98 Prozent auch unsere Täter. Wir versuchen zunächst herauszubekommen, wie der Täter an einen Tatort gelangt ist, welche Wege er genommen hat - zum Beispiel über Blumenbeete, Fenster oder Ähnliches.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Fällen müssen Sie sicherlich auch Wohnungsbesitzern oder Angehörigen zuvorkommen, die unbeabsichtigt wichtige Spuren am Tatort zerstören.

Funke: Ja, das geschieht häufig, weil die so genannten Berechtigten schon vor unserer Ankunft aufräumen oder Dinge anfassen, die der Täter in der Hand gehabt hat. Bei Tötungsdelikten sind die Polizeibeamten als Erste vor Ort und können weiträumig absperren. Man sollte aber auch die Zeugenbefragung als Mittel der Spurensuche nicht unterschätzen, weil man auf diese Art feststellen kann, ob sich Nichtberechtigte am Tatort aufgehalten haben. Dadurch können wir bestimmte Spuren ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: DNS-Analysen von am Tatort aufgespürten Haaren oder Hautschuppen mutmaßlicher Täter haben in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit erregt. Für wie wichtig halten Sie diese Form der Spurensicherung?

Funke: Das ist eine sehr effektive Technik, die man aber niemals isoliert von anderen Faktoren der Spurensicherung betrachten sollte. Faserspuren werden nicht mehr nur zur Unterscheidung verschiedener Personen benutzt, sondern vom Landeskriminalamt auf DNS-Spuren analysiert. Vom LKA erhalten wir wertvolle Tipps zur Optimierung der Verfahren in der Spurensicherung - zum Beispiel, wie man am besten mit so genannten Faserfolien arbeitet, mit denen Proben genommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es neue Techniken bei der Spurensicherung, die Ihnen die Arbeit erleichtern?

Funke: Es gibt ständig neue Methoden. Relativ aktuell ist die Arbeit mit den Mitteln der forensischen Biologie. Die Ergebnisse kann man am Fall Geyer sehr gut sehen: Der evangelische Geistliche wurde beschuldigt, seine Frau im Sommer 1997 erschlagen und in einem Waldstück in einen Graben gelegt zu haben. Die Ermittler hatten in den Rillen des Profils seiner Gummistiefel flugunfähige Ameisen gefunden, deren Nest sich nur wenige Meter vom Tatort entfernt befand. Die anschließende Verurteilung des Angeklagten stützte sich vorrangig auf eine kombinierte Spuren- und Liegezeitanalyse mittels der Insekten.

SPIEGEL ONLINE: Mit Hilfe von Insekten können die Spezialisten des LKA die Liegezeit einer Leiche mittlerweile recht genau bestimmen.

Funke: Sicher, mit den Verfahren der forensischen Biologie berechnen die Experten im Labor die Liegezeit abslout präzise. Fliegen zum Beispiel brüten ihre Larven auf Leichen aus. Unter Berücksichtigung der Temperatur- und Wetterbedingungen errechnet man anhand der größten an einer Leiche beobachteten Maden den Zeitpunkt, an dem die Eierablage erfolgt und - mit entsprechendem Vorlauf - der Tod eingetreten sein muss. Ein Mediziner kann dem gegenüber nur ungefähr schätzen, wie lange eine Leiche schon am Tatort liegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie auf Ihren Job vorbereitet?

Funke: Wir durchlaufen Speziallehrgänge für die Spurensuche, so genannte Tatortlehrgänge. Das Fachwissen, welches dort vermittelt wird, ist eher theoretischer Natur. Das meiste lernen wir zweifellos bei der Umsetzung der Lerninhalte in die Praxis. Learning by doing ist ebenso wichtig wie die Tatsache, dass wir von der Erfahrung jener Kollegen profitieren, die schon länger bei der Tatortarbeit sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Voraussetzungen muss ein Beamter mitbringen, um in die Einheit aufgenommen zu werden?

Funke: Er muss natürlich grundsätzlich Interesse an den praktischen Anforderungen der Tatortarbeit haben. Mindestens ebenso wichtig ist die Fähigkeit zur Teamarbeit: Wir sind je nach Art des Deliktes mit zwei bis acht Personen am Tatort, die gut aufeinander eingespielt sein müssen. Um eine bestimmte Vorstellung davon zu bekommen, wie der Täter an den Tatort gelangt ist, braucht man außerdem Ideenreichtum. Nur wenn man phantasiebegabt ist, kann man im Kopf ein Bild vom möglichen Tatverlauf entwickeln, in dem man die Spuren mit dem vermutlichen Handeln des Täters verbindet. Flexibilität und Bereitschaft zum Schichtdienst sollten selbstverständlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Das Pilotprojekt läuft seit knapp einem halben Jahr. Wie sind die ersten Erfahrungen?

Funke: Durch die zentralisierte Tatortarbeit bekommen wir einen Überblick über die gesamten Brennpunkte der Stadt Hannover. Die revierübergreifende Arbeit ermöglicht es, Tatzusammenhänge zu erkennen und diese unmittelbar an den zuständigen Sachbearbeiter weiterzuleiten. Unser Einsatz rund um die Uhr gewährleistet zudem eine kontinuierliche Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Glauben sie, dass Ihr Pilotprojekt bundesweit Erfolge haben könnte?

Funke: Sicher. Vor allem was die Ballungsräume betrifft, kann ich mir das gut vorstellen - auf dem Land ist das Einsatzaufkommen erfahrungsgemäß nicht so hoch.

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