Landflucht der Borstentiere: Wildschweinwechsel auf dem Boulevard - DER SPIEGEL
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Landflucht der Borstentiere Wildschweinwechsel auf dem Boulevard

Zu Wasser, zu Lande und nun auch in der Stadt: Horden von Wildschweinen durchstreifen plündernd und raufend die Republik und rufen damit Landwirte, Jäger und Automobilclubs auf den Plan.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Putzig sehen sie aus, die kleinen Frischlinge mit den unschuldig eierschalfarbenen Streifen auf dem noch weichen Fell. Mit zunehmender Größe und wachsenden Hauern können die paarhufigen Säugetiere jedoch außerordentlich unangenehm werden: Die Vorfahren des vor rund 4000 Jahren domestizierten Hausschweins machen ihrem Namen noch immer alle Ehre - und gebärden sich alles andere als handzahm.

Von den weltweit 32 Unterarten des Wildschweins ist das europäische "Sus scrofa" die in unseren Breitengraden am häufigsten vertretene Art. Der heimische Allesfresser ernährt sich von Insekten, Kartoffeln, Mais, Bucheckern, Eicheln, Waldbeeren, Hülsenfrüchten und allem, was ihm unter den Rüssel kommt. Neben Mäusen, Jungwild und Aas gönnt sich das hauerbewehrte Schwein neuerdings auch Hamburger und Pommes. Auf seinen Ausflügen in die ziviliserte Welt, abseits der Waldpfade.

Eifrige Spürnasen mit Sinn für Familie


Eben hier, in den Städten, lockt Nahrung in so großer Fülle, dass aus einem durchschnittlichen 35- bis 50-Kilo-Schwein schon mal einen 200-Kilo-Brocken heranwächst. Dass Schweine zur Drogen- und Trüffelsuche eingesetzt werden, liegt an ihrem außerordentlich gut entwickelten Geruchsinn. Und so "rüsseln" sich die wilden Borstentiere mit Wonne durch die Vorgärten und Parkanlagen der urbanen Zentren und hinterlassen dabei wahre Ackerlandschaften. Gerade in bewässerten Grünanlagen und Gärten sowie auf Friedhöfen ist das Nahrungsangebot an saftigen Pflanzen, Wurzeln und Bodenlebewesen besonders groß. Offene Mülltonnen oder Komposthaufen locken die hungrigen Paarhufer zudem in die Wohnsiedlungen.

Was aber tut der moderne Mensch, wenn ein solches "Stadtschwein" urplötzlich über sein Grundstück flaniert? Laut Expertenmeinung helfen in diesem Fall nur das "Wildvergrämungsmittel" aus dem Jagdfachgeschäft oder lautes Lärmen. Fürchten Wildschweine um sich oder ihren Nachwuchs besteht die Gefahr, dass sie Menschen oder Hunde angreifen. Besonders gefährlich sind verletzte Tiere oder Bachen mit ihren Frischlingen - sie greifen in der Regel mehrfach an und beißen ihren vermeintlichen Gegner. Keiler schlagen mit dem Kopf oder setzen ihre gefährlich scharfen Hauer ein. Während die meisten Schweine sich nach ihrem City-Ausflug wieder in die Wälder verziehen, verteidigen andere ihr neu gewonnenes Terrain massiv: In der japanischen Millionenstadt Kobe griffen randalierende Wildschweine im vergangenen Jahr 20 Menschen an.

Was tun wenn's schnauft?


In der deutschen Hauptstadt hat man sich bereits Gedanken über diese ungewohnte Bedrohung aus dem Tierreich gemacht. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gibt Tipps für den Ernstfall: Abstand halten, ruhig stehenbleiben und keine hastigen Bewegungen ausführen. Und: Vermeiden Sie direkten Augenkontakt - er wird von den Tieren als Bedrohung empfunden.

Die Zahl der angriffslustigen Spaziergänger wird dabei nicht geringer: Intensiver Maisanbau in Monokultur, milde Winter und üppige Mastjahre mit einem überreichen Angebot an Bucheckern und Eicheln haben zu einer wahren Populationsexplosion beim Schwarzwild geführt: Seit den achziger Jahren hat sich die Zahl der Wildschweine in Deutschland auf geschätzte 1,2 Millionen Exemplare verdreifacht. Potente Keiler sorgen dafür, dass diese Quote Bestand hat - sie sind allzeit zum "Beschlagen" bereit.

Wenn die Bachen rauschen


Die Brunftzeit - bei Wildschweinen pathetischerweise Rauschzeit genannt - dauert von Ende Oktober bis Mitte Januar. Eine Großzahl der Bachen "rauscht" bei guter Nahrungsgrundlage das ganze Jahr über. Weibliche Frischlinge sind schon nach zehn Monaten geschlechtsreif, männliche Jungtiere - so genannte Überläuferkeiler - ab dem zweiten Lebensjahr. Die Ausrottung von Bär, Wolf oder Luchs nahm den Wildschweinen ihre natürlichen Feinde. Lag die Lebenserwartung in freier Wildbahn erfahrungsgemäß bei sieben bis acht Jahren, gibt es heute immer mehr Exemplare, die bis zu 20 Jahre alt werden.

Auf Grund der hohen Vermehrungsrate fordern Jäger und Landwirte immer öfter eine scharfe Bejagung der Tiere. Schon jetzt geraten mehr als 400.000 Wildschweine jährlich in Deutschland vor die Flinte. Allein in Berlin brachte man in der letzten Jagdsaison 1000 Tiere zur Strecke.

Neben den beträchtlichen Flurschäden, die Wildschweine auf Maisfeldern und Grünflächen von jeher anrichten, ist die mögliche Übertragung der Schweinepest auf Hausschweine ein Horroszenario für jeden Landwirt. Veterinärbehörden und Vertreter des deutschen Bauernverbandes warnen deshalb eindringlich vor dem Infektionsrisiko und fordern bundesweite Impfungen.

Rotten runter von der Autobahn


Auch das Unfallrisiko ist seit der Schwarzwild-Plage gestiegen: Der ADAC rechnet in diesem Jahr mit bundesweit etwa 30.000 Verkehrsunfällen, die durch Wildschweine verursacht werden. Bei Wildunfällen sterben jährlich 50 Menschen, 2500 werden verletzt. Die massigen Paarhufer sind dabei unerwartet flink unterwegs: Sie schaffen es auf 50 Kilometer in der Stunde. Sollte sich eine Rotte auf die Fahrbahn verirrt haben gilt: Fernlicht aus, anhalten und warten. Sicherer als ausweichen ist immer eine Vollbremsung, meint der ADAC. Die gelang einem 39-jährigen Lastwagenfahrer aus Belgien unlängst zu spät: Auf der A81 bei Pleidelsheim überfuhr er gleich ein Dutzend Borstentiere, die unvermutet auf die Autobahn gerannt waren.

Wer nun glaubt, wenigstens auf dem Wasser vor den Heimsuchungen durch wild gewordene Keiler gefeit zu sein, sei gewarnt: Wildschweine sind hervorragende Schwimmer und siedeln daher sogar auf dem Festland vorgelagerten Inseln, wenn es sich anbietet. Im nordspanischen Oviedo flüchtete im Mai letzten Jahres ein Wildschwein vor einer Meute Hunde direkt ins Meer und landete eine Seemeile vor der Küste im Netz eines Fischers.

Annette Langer