Forensische Psychiatrie in Eickelborn: Mörder und Kinderschänder an einem Tisch - DER SPIEGEL
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Forensische Psychiatrie in Eickelborn Mörder und Kinderschänder an einem Tisch

Das ehemalige Rittergut Eickelborn hat eine lange Tradition als Pflegeanstalt für psychisch Kranke: Schon 1878 entstand hier die erste "Irrensiechenanstalt" für Patienten aus evangelischen oder katholischen Familien.
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1984 wurde das Westfälische Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt (WZFP) als eigenständige Einrichtung gegründet. Heute behandelt man hier in vier Abteilungen etwa 350 Patienten. Ein Drittel von ihnen hat Gewaltverbrechen wie schwere Körperverletzung oder Tötungsdelikte begangen, ein weiteres Drittel ist wegen Sexualstraftaten untergebracht. Raub, Nötigung, Erpressung, Brandstiftung oder Betrug stellen den Rest der Delikte. Nur ein Prozent der Patienten wurden wegen Sexual- und Tötungsdelikten an Kindern in die Psychiatrie eingewiesen.

Im Aufnahmebereich stellen Fachärzte über mehrere Monate Diagnosen und entwerfen Behandlungspläne. In der klinischen Psychiatrie der Abteilung II behandeln sie Patienten mit psychiatrischen Krankheitsbildern wie Psychosen oder Epilepsie, während in Abteilung III Persönlichkeitsstörungen therapiert werden. Ärzte und Psychologen der vierten Abteilung schließlich widmen sich den intelligenz-geminderten Patienten.

Um geregelte Tagesabläufe und soziale Verantwortung kennen zu lernen, wohnen die Patienten der Abteilungen II und III in kleinen Wohngruppen zusammen. Hier sitzen Mörder und Kinderschänder an einem Tisch, viele von ihnen notorische Einzelgänger, die das Leben in einer Zwngsgemeinschaft mehr als nervös macht. Lernen und Arbeiten lenkt ab und schafft Perspektiven: Die Klinik verfügt über eine eigene Schule, in der die Straftäter Abschlüsse nachholen oder elementare Kenntnisse wie Schreiben, Lesen oder Rechnen erwerben können.

In Gruppen- und Einzelgesprächen mit Psychologen setzen sich die Insassen von Eickelborn mit ihrer Tat auseinander; Arbeits-, Beschäftigungs- und Verhaltenstherapien sollen die Rückkehr in ein zukünftig straffreies Leben vorbereiten. Auch in Lippstadt weiß man nur zu gut, dass zwischen acht und zehn Prozent der seelisch gestörten Straftäter nicht therapierbar sind. Diese Menschen bleiben für immer hinter den Klinikmauern, weil sie eine reale Gefahr für die Gesellschaft bedeuten.

Es gibt jedoch auch Patienten, die über Jahre hinweg beweisen, dass sie verlässlich sind, Absprachen einhalten und fähig sind, einen Alltag jenseits der Gitter zu meistern. Lockerungen vom beaufsichtigten Gruppenausgang über den Einzelausgang bis zur Beurlaubung werden nur gewährt, wenn therapeutische Erfolge nachgewiesen und weitere Hürden genommen wurden. So muss eine klare Risikoeinschätzung von externen und internen Gutachtern vorgenommen werden. Auch der Abteilungsleiter und die Betriebsleitung der Klinik müssen zustimmen, bevor die Bedingungen der Lockerungen klar umrissen werden können.

Eine dreijährige Studie, die Wissenschaftler der Universität Bielefeld mit 130 Eickelborner Patienten durchführten, ergab, dass es bei mehreren tausend Ausgängen pro Jahr nur fünf Zwischenfälle gab - zu denen auch die verspätete Rückkehr eines Beurlaubten gehört. Die Vollzugslockerung, so das Fazit der Forscher, bedeute offenbar keine stärkere Gefährdung der Bevölkerung.

Über die bedingte oder endgültige Entlassung aus dem Maßregelvollzug kann letztlich nur ein Gericht entscheiden. In diesem Fall sind Nachbehandlung und Betreuung des Patienten durch ambulante Therapeuten von großer Bedeutung. In der Regel verfügt das Gericht zudem eine Führungsaufsicht für einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren nach der Entlassung.

Bei allem Verständnis für die Täter setzt man jedoch auch in Eickelborn auf höchstmögliche Sicherheit: Plexiglaszäune, Panzerglas, Stahlvergitterte Fenster und Schleusensysteme sollen eine maximale Kontrolle über die Bewegungen auf dem Gelände garantieren. Erst kürzlich wurde ein zweiter, acht Meter hoher Zaun gebaut.

Einer der Gründe für die Sicherheitsmaßnahmen: Im September 1994 floh der 24-jährige Dirk Sklarzik aus der Anstalt und erstach die siebenjährige Anna-Maria, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Der Leichenfund in einem Waldstück unweit des Elternhauses geriet zum Trauma sowohl für die 2500 Eickelborner Bürger als auch das Klinikpersonal.