WTC-Chefkonstrukteur Leslie Robertson Der Turmbauer und die Tragödie
Der Bauingenieur und Designer wurde 1928 in Kalifornien geboren. Bei der US-Navy machte er eine Ausbildung zum Elektroingenieur, an der University of California in Berkeley erwarb er seinen Bachelor of Science. Robertson hat an zahlreichen, sehr unterschiedlichen Bauprojekten in der ganzen Welt mitgearbeitet, unter anderem der Bank of China in Hong Kong, der Puerta Europa in Madrid, der Continental Arena in Meadowlands, eine Bücherei in Litauen, einem Supermarkt in Florida der Rock and Roll Hall of Fame in Ohio sowie Museen in Berlin, Portland (Maine) und Seattle.
Robertsons Firma betreute den Bau von drei der sechs höchsten Gebäude der Welt - einschließlich des World Trade Center, bei dessen Zusammenbruch nach den Terroranschlägen vom 11. September fast 3000 Menschen ums Leben kamen. "Ground Zero", bekennt der Chefkonstrukteur des ehemaligen New Yorker Wahrzeichens, "ist für mich ein sehr beunruhigender Ort. Den Menschen, die dort gestorben sind, kann man nicht entfliehen." Die Entstehung des Gebäudes sei Teamwork gewesen, die Verantwortung für den Zusammenbruch des WTC trage jedoch er allein. Ähnlich wie sein damaliger Geschäftspartner John Skilling leidet Robertson noch heute unter den schrecklichen Ereignissen und der bohrenden Frage, ob er durch Konstruktionsfehler oder Nachlässigkeit dazu beigetragen hat, dass nicht alle Menschen rechtzeitig aus den Türmen des World Trade Centers fliehen konnten.
Dabei hatte alles so viel versprechend begonnen. Die Vorgaben des Auftraggebers an den Architekten Minoru Yamasaki (1912 - 1986) waren unmissverständlich: "Maximale Bürofläche auf minimaler Grundfläche" forderte die Hafenbehörde von New York und New Jersey - der Anspruch an das zukünftige Bürogebäude und Zentrum kapitalistischer Betriebsamkeit war von vornherein eher praktischer und symbolhafter als ästhetischer Art.
Der damals 34-Jährige Robertson arbeitete in einem jungen, unkonventionellen Ideen aufgeschlossenen Team, das sich explizit gegen eine solide Konstruktion entschied, wie sie für die zweite Generation von Hochhäusern wie dem Woolworth Gebäude (1913) und dem Empire State Building (1931) typisch war. Statt eines soliden Mauerwerks und massiger Stützpfeiler, die das gesamte Gebäude durchziehen, sollte das zukünftig höchste Gebäude der Welt vor allem aus Stahl bestehen - satten 180.000 Tonnen, wie sich später herausstellte.
Um den Anforderungen an die Nutzfläche zu entsprechen, entschied man sich für folgende Variante: Ein separater Gebäudekern aus Stahlträgern sollte so mit dem äußeren Skelett verbunden werden, dass die Hauptlast der Konstruktion auf der Fassade liege. Fachwerkträger in Decken und Böden sollten dafür sorgen, dass man im Bereich der Büroeinheiten auf platzraubende Pfeiler verzichten und damit zu einer perfekten Raumausnutzung gelangen könnte. Der Kern des Wolkenkratzers sollte Fahrstühle, Treppenhäuser und Technikräume beherbergen. Es gelang den Konstrukteuren damit, auf 110 Stockwerken beachtliche 1,2 Millionen Quadratmeter Bürofläche zu generieren.
Das aus heutiger Sicht tragische Moment für die Konstrukteure: Im Vorfeld der Realisierung hatte man den Einschlag eines Flugzeugs in die Türme explizit zu den möglichen Katastrophenszenarien gerechnet und sich bei der Prävention an den Daten des damals größten Passagierflugzeuges, der Boeing 707, orientiert. In Erinnerung an den B-25 Bomber, der 1945 im Nebel gegen das Empire State Building geflogen war, wollte man um jeden Preis vermeiden, dass eine solche Kollision zum Zusammenbruch der Zwillingstürme führen könnte.
Die beiden Terroristen-Maschinen des Typs 767, die über dreißig Jahre später die Twin Towers zu Fall bringen sollten, waren jedoch um etwa 20 Prozent schwerer als die Boeing 707. Als sie am 11. September mit einer Geschwindigkeit von 943 beziehungsweise 782 Stundenkilometern einschlugen, hielten sich die Türme immerhin 103 (Nordturm), beziehungsweise 53 Minuten (Südturm), bevor sie zu Staub zerfielen. Was die Schöpfer des WTC offenbar übersehen hatten, war die verheerende Kraft, die knapp 3800 Liter Kerosin an Bord solcher Maschinen bei einer Explosion entwickeln.
Ein für die Planer wichtiger Risikofaktor waren die auf ein Gebäude wirkenden Windkräfte. Bei sehr hohen Häuser ist die perfekte Kombination von ausreichender Elastizität und notwendiger Stabilität im Wind von großer Wichtigkeit. Ingenieur Robertson baute Modelle der Twin Towers und testete sie im Windkanal, er steckte Testpersonen in Bewegungssimulatoren und beobachtete, wie sie sich in großer Höhe verhalten würden, er entwickelte eine neue Art Schwingungsdämpfer, mit dem er die Windwirkung auf Gebäude vermindern konnte und fuhr auf den Dächern von Aufzügen anderer Hochhäuser, um zu sehen, ob die Kabel den Kern des Gebäudes berührten.
Als in der Tiefgarage des World Trade Centers 1993 eine Bombe hochging, die sechs Menschenleben und über 1000 Verletzte forderte, war es Leslie Robertson, der mit seinem Team in weniger als einem Monat das Gebäude wieder der Öffentlichkeit zugänglich machte. Für diese herausragende Leistung erhielt er den Mayor's Award. Doch die Selbstvorwürfe im Angesicht der zweiten Katastrophe kann ihm niemand nehmen, obwohl viele Experten der Meinung sind, dass die Türme länger als erwartet den verheerenden Temperaturen von 1000 bis 2000 Grad getrotzt haben. Schon bei 500 Grad verliert Stahl die Hälfte seiner Festigkeit.
Was Robertson belastet: Hätte man den Gebäudekern mit Beton verstärkt, wären die Türme später kollabiert. Maximal 120 Minuten hält ein mit Gipskarton ummantelter Stahlträger dem Feuer stand, bevor er sich unvermittelt verbiegt. Ein Betonpfeiler bringt es auf immerhin 180 Minuten - kostbare Zeit, die für die Evakuierung von Menschen genutzt werden kann.
Jenseits der Kritik an den Bauingenieuren bleibt die Tatsache, dass die Terroristen offenbar genau wussten, an welcher Stelle sie die Türme attackieren mussten, um sie unweigerlich zu Fall zu bringen. Man braucht eine fundierte technische Ausbildung für eine derart präzise Berechnung der Einschlagstelle. Der Südturm wurde zwischen dem 87. und dem 93., der Nordturm zwischen dem 96. und 103. Stockwerk getroffen. Wären die Passagiermaschinen zu hoch eingeflogen, hätte das Gewicht der oberen Etagen nicht gereicht, um den Rest hinunterzureißen. Im umgekehrten Fall hätten sich die Pfeiler im Kern als stabil genug erweisen können.
Um die Gebäudesicherheit den veränderten Anforderungen anzupassen und für die Zukunft zu lernen, haben die American Society of Civil Engineers und die FEMA (Federal Emergency Management Agency) gleich im Anschluss an die Terroranschläge ein Team von 25 Brandschutzexperten und Ingenieuren zusammengerufen, das herausfinden sollte, welche Teile der WTC-Konstruktion zuerst versagten und welchen Schaden der Einschlag der Flugzeuge und ihre Explosion im Vergleich zu dem anschließenden Brand verursacht haben.
Im Mai diesen Jahres veröffentlichte die Untersuchungskommission einen 296 Seiten langen Bericht darüber, warum die Türme fielen und warum so viele Menschen sterben mussten. Man kommt zu dem Schluss, dass die Türme außerordentlich lange dem Feuer standhielten, und dadurch vielen Menschen die Flucht ermöglicht wurde. Aber auch Kritik wurde laut. Gebäude würden nicht entworfen, um jedem nur möglichen Ernstfall zu widerstehen, heißt es sinngemäß in dem Bericht. Die Experten mussten zugeben, dass viele Details über den Ablauf der Katastrophe im Dunkeln geblieben sind.
"Wir hatten zu wenig Zeit und Kapazitäten", erklärte W. Gene Corley, Bauingenieur und Leiter des Teams, gegenüber dem amerikanischen Kongress. Die Daten hätten für eine Computersimulation nicht gereicht, man habe die Ausbreitung des Feuers nicht vollständig rekonstruieren können und es sei weiterhin unklar, wie viel von dem Brandschutzschaum auf den Stahlträgern schon bei den Einschlägen abgerissen worden sei. Präsident Bush besann sich der Wichtigkeit präziser Forschungsergebnisse für den zukünftigen Gebäudeschutz und versprach dem "National Institute of Standards and Technology" ein Budget von 16 Millionen US-Dollar für eine profundere Analyse des Unglücksablaufs und der Bauschäden.