Interview "Wir bilden weder Türsteher noch Straßenkämpfer aus"
SPIEGEL ONLINE:
Aus welcher Motivation heraus haben Sie den Verein Doppeldeckung gegründet?
Rolle: Nach der Gründung des Vereins International Fight Club Organisation e.V. (IFCO) war der Zulauf von Jugendlichen von Anfang an größer, als ursprünglich erwartet. Die Jugendarbeit nahm dementsprechend mehr Zeit und finanzielle Mittel in Anspruch als geplant. Da die IFCO ein Profi-Verein ist und das deutsche Vereinsrecht eine strikte Trennung von kommerziellen Aktivitäten und gemeinnütziger Arbeit vorschreibt, entschieden wir uns, den Jugendbereich auszugliedern. Das Projekt Doppeldeckung entstand, angelehnt an den boxerischen Begriff der Doppelten Deckung, als eine Initiative, die Kindern und Jugendlichen in zweifacher Hinsicht eine Deckung bieten will. Zum einen im sportlichen Sinne, zum anderen aber auch bei alltäglichen Problemen.
SPIEGEL ONLINE: Das Boxtraining erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Wie kommen Jugendliche von der Straße damit zurecht?
Rolle: Sehr gut. Wir bilden weder Türsteher noch Straßenkämpfer aus. Einschränkend muss man aber auch sagen, dass wir auch nur die Jugendlichen erreichen, die wirklich wollen. Boxen bedeutet in erster Linie hartes Training im Technikbereich. Sehr viel Ausdauer, sehr viel Schweiß und Muskelkater. Im Gegensatz zu Amateurvereinen, erhält keiner unserer Kinder und Jugendlichen eine Ausbildung im Boxring. Mit dem so genannten leichten Sparring fangen wir frühestens nach einem Jahr an. Unsere Trainer merken auch sehr schnell, mit welcher Motivation die Kinder und Jugendlichen kommen. Wenn wir die Befürchtung haben, dass bestimmte Jugendliche das gute Gemeinschaftsgefüge zerstören könnten, werden sie nicht aufgenommen.
SPIEGEL ONLINE: Was lernen die Kids außer Boxen?
Rolle: In allererster Linie lernen sie, dass vor dem Erfolg der Schweiß steht. Sie lernen, wie wichtig es ist, in einer Gemeinschaft zu trainieren. Dadurch, dass einige Profis und Gäste der IFCO eine andere Nationalität als die deutsche haben, lernen sie den Umgang mit Ausländern und fremden Kulturen. Unser Hauptkämpfer beispielsweise, der amtierende WBB-Weltmeister und Europa-Champion Lee Manuel, ist Liberianer und lebt seit zehn Jahren in Spanien. Die Kids sollen sich einerseits integrieren, aber auch lernen, über ihre Probleme zu sprechen. Sie sollen vertrauen können. Allein das ist schwierig genug.
SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu der engen Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei?
Rolle: Ein Polizist hat ein Radiointerview gehört, das wir im Februar vergangenen Jahres gegeben haben. Er besuchte uns wenige Tage später und war begeistert von unserem Engagement. Daraus entwickelte sich dann ein enger Kontakt. Der Polizist war froh, den Jugendlichen eine kostenlose Alternative zum Herumlungern anbieten zu können. Es sind aber nicht alle Polizisten bereit, sich über ihre eigentliche Arbeit hinaus zu engagieren, so wie es dieser Polizeiobermeister tut.
SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die "Rückfallquote bei Ihren jugendlichen Schützlingen?
Rolle: Es gab aber bisher nur einen einzigen Fall, bei dem wir mit unserem Latein am Ende waren. Es ist aber auch nicht so, dass wir nur straffällig gewordene Jugendliche betreuen. Im Gegenteil, ihr Anteil ist eher gering.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie gewalttätigen Jugendlichen durch das Boxtraining vor allem beibringen, wie sie ihre Opfer noch effektiver verprügeln können.
Rolle: Bei uns im Verein haben wir keine gewalttätigen Jugendlichen. Im Gegenteil, bei uns trainieren eher Jugendliche mit so genannter Opfererfahrung. Das heißt, entweder ohnehin schwächere Kinder oder eben auch Opfer von Überfällen, Diebstählen usw. Der größte Teil unserer Kids kommt aus normalen Verhältnissen. Das einzige "Manko", das diese Kinder in unserer Gesellschaft mit sich herumtragen, ist, dass sie einkommenschwache arbeitslose Eltern haben, sich keine Markenklamotten leisten können und kein Geld für Mitgliedsbeiträge in Vereinen ausgeben können. Außerdem ist das allgemeine Boxtraining eines der härtesten Trainings überhaupt. Schnell verlieren die meisten Jugendlichen die Lust, am nächsten Tag noch irgendetwas anzustellen. Darüber hinaus schreckt es auch ab, wenn in unregelmäßigen Abständen die Polizei auf einen Kaffee vorbeikommt und einfach mal nach dem Rechten schaut. Stellen Sie diese Frage eigentlich auch Kampfsportschulen, Amateurbox- und Schützenvereinen?
SPIEGEL ONLINE: Inwieweit verstehen Sie Ihre Arbeit bei Doppeldeckung auch als Nachwuchsförderung für die IFCO? Gibt es unter den Kids Talente, die das Zeug zum Profi hätten?
Rolle: Der Gedanke der Nachwuchsgewinnung spielt durchaus eine Rolle. Nach über einem Jahr Trainingsarbeit haben sich drei sehr talentierte Jungs herausgebildet. Wir haben sie mittlerweile auch mit Praktikaplätzen und Lehrstellen versorgt. Der Trainer betreut sie in gesonderten Trainingseinheiten. Es macht Spaß, solche Erfolge mitzuerleben.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden für Ihr soziales Engagement oft gelobt und erhalten viel Zustimmung für Ihr Projekt. Zudem ist Kriminalitätsprävention in jedem Fall besser als nachträgliche Bestrafung. Wie sieht es mit Zuschüssen aus öffentlichen Kassen aus?
Rolle: Für den Erhalt der Jugendarbeit versuchen wir, durch Profi-Boxkämpfe und Sponsoring genügend Geld einzuspielen. Bei der Gründung der IFCO haben wir zunächst tatsächlich zumindest auf eine teilweise Unterstützung durch die politisch Verantwortlichen spekuliert. Die gab es jedoch noch nie und wird es wohl in absehbarer Zeit auch nicht geben. Eine Reihe von Politikern - von Günter Nooke, über Gregor Gysi bis Frank Steffel - hat sich zwar unsere Arbeit angesehen, doch Fördermittel sind nicht in Sicht. Da wir uns den Luxus erlauben, Kinder und Jugendliche aus ganz Berlin aufzunehmen, ist für unser Projekt nicht mehr der Stadtbezirk, in dem wir arbeiten, zuständig. Stattdessen liegen wir im Zuständigkeitsbereich der Landesbehörden und da ist noch mehr Sand im Getriebe als sonst in der Politik. Unserem Verein wäre schon geholfen, wenn wir lediglich bei den Betriebskosten wie Wasser, Heizung und Strom Unterstützung erhalten würden. Aber überall wird in Berlin gestrichen. Die Leidtragenden sind die Kinder und Jugendlichen - unser aller Zukunft.