Lottokönig Michael B. Vom Millionär zum Arbeitslosen
Hamburg - "Alles Strolche sind das", wettert Michael B. und meint damit weder Steuerreformer, Börsenspekulanten noch "die da oben", sondern seine Familie. Die ist mit neun Geschwistern nicht eben klein und hat den 42-Jährigen bitter enttäuscht.
Nachdem der Arbeitslose aus Ganderkesee 1994 satte 2.729.513 Mark im Lotto gewonnen hatte, war nichts mehr wie vorher. "Natürlich hat meine Familie sich mit mir gefreut, ich habe sie ja auch reich beschenkt, ihnen Autos gekauft und Geld gegeben", erzählt Michael. Doch dann sei er im Gefängnis gelandet, wegen achtmaligen Fahrens ohne Führerschein. Und da habe sich niemand mehr blicken lassen außer seinem Zwillingsbruder. Heute würde Michael B. "lieber fremden Leuten was geben als den eigenen, denn die sind in der Regel das Letzte."
Nach insgesamt vier Bewährungsstrafen hatten dem Millionär 18 Monate Freiheitsentzug gedroht. Nachdem er sich zwar bereit erklärte, 300.000 Mark Strafe an die Staatsanwaltschaft zu zahlen, sich jedoch strikt weigerte, eine dreijährige Führerscheinsperre in Kauf zu nehmen, ging der Zocker für fünf Jahre und neun Monate in den Knast. Die Ehefrau reichte nach drei Jahren Alleinsein entnervt die Scheidung ein, Michael saß weiter mit "Mördern, Drogendealern und Zuhältern" in seiner Zelle. "Ich habe immer gewusst, dass seine Geschäfte nach hinten losgehen", berichtet die Ex-Frau. Der Mann habe einfach kein Gefühl für Geld gehabt, immer nach dem Motto: "Ich lebe jetzt und sofort und richtig heftig."
Immerhin konnte er als Freigänger das Gefängnis tagsüber verlassen und arbeitete als Schlosser in einer Firma für Lüftungstechnik. Dort verdiente er zehn Mark am Tag, die irgendwie in keinem Verhältnis standen zu den etwa 1,7 Millionen Mark, die der gelernte Kfz-Mechaniker kurz nach dem großen Los in den Kauf eines Autohauses investiert hatte. Ganz zu schweigen von den 300.000 Mark, für die er eine Schlosserei erworben hatte, in der zwei seiner Brüder und einige Angestellte für Geld sorgen sollten.
"Gutherzigkeit ist Dummheit"
"Ich war zum Zeitpunkt des Lottogewinns arbeitslos und voller Tatendrang. Deshalb habe ich zwei Betriebe aufgebaut und dabei eine Menge Leute finanziell mit durchgebracht. Aber Gutherzigkeit ist eben Dummheit - heute würden die von mir keinen Cent mehr kriegen", meint der ehemalige Selbständige. Seine beiden Firmen gingen Pleite, während er im Gefängnis saß. Frust auf ganzer Linie: "Was die deutsche Justiz mit mir gemacht hat, kann ich bis heute nicht verstehen. Ich habe mit einem gesessen, der eine Frau erschlagen und dafür vier Jahre und neun Monate gekriegt hat. Der ist nach drei Jahren aus dem Gefängnis rausmarschiert, während ich fast sechs Jahre im Knast war."
Entthronisiert und komplett mittellos verlässt Lottokönig Michael nach Ablauf der Haft das Gefängnis. Allein den Finanzämtern schuldet er rund 200.000 Mark. Auf der Suche nach Barem erinnert sich der ehemalige Schwarzfahrer an seine großzügigen Kredite für die lieben Verwandten - die allerdings haben laut Selbstaussage von ihm in der Vergangenheit nur Geldgeschenke und keine -leihgaben erhalten.
20 Jahre lang hatte Michael auf dieselben Zahlen getippt, bevor er zunächst fünf und nur einen Monat später sogar sechs Treffer landete und den Jackpot knackte. Nur 16 Monate nach dem großen Wurf hat er seine Millionen allerdings bereits unter die Leute gebracht und Schulden gemacht, um seine Gläubiger zu bezahlen. Das Haus, die Autos, die Orientteppiche - der gesamte Privatbesitz des Lottokönigs wird verkauft, der gerade erst gewonnene Wohlstand zerrinnt zwischen beiden Händen.
Das Spiel geht weiter
Mittlerweile hat der Vater von vier Kindern mit seinem Schicksal Frieden geschlossen und die Hoffnung begraben, je wieder an die angeblich über 500.000 Mark zu kommen, die er verliehen haben will. Sein jetziger, eher bescheidener Lebenswandel erfüllt die verflossene Gattin offenbar mit Genugtuung. Bis Mitte Dezember erhält der Ex-Unternehmer, Ex-Mercedesfahrer und Ex-Millionär statt 500 Euro Arbeitslosengeld wenig mehr als 400 Euro Arbeitslosenhilfe im Monat. "Er ist ganz arm, hat keine Familie, kaum noch Freunde und keine Kinder mehr", frohlockt die Ex-Frau. Der erfolglose Lottokönig kontert: "Wenn man schon mal ganz oben war und dann in den Keller gefallen ist, muss man wieder auf die Füße kommen - schon weil die anderen sich darüber so gefreut haben."
Das Kardinalziel des Stehaufmännchens lautet daher: den Führerschein wieder zu bekommen. Zu diesem Zweck bereitet sich Michael zurzeit in einem Kurs auf das Bestehen seiner dritten MPU - der medizinisch-psychologischen Untersuchung - vor. Was der Geprellte im Fall eines erneuten Gewinns heute anders machen würde? "Ich würde keinem mehr etwas erzählen und sofort aus Deutschland verschwinden", meint er im Brustton der Überzeugung und spielt weiterhin jede Woche Lotto - dieselben Zahlen wie eh und je.