Kinderkrankenhäuser "An den Grenzen der Leistungsfähigkeit"
SPIEGEL ONLINE:
Im Rahmen der Gesundheitsreform soll ab 2003 schrittweise das pauschalierte Entgeltsystem (DRGs) eingeführt werden. Was bedeutet das für das AKK?
Süßenguth: Wenn das pauschalierte Entgeltsystem in diesem Jahr so eingeführt wird, wie es derzeit geplant ist, dann müssen wir als reine Kinderklinik mit erheblichen Einbußen rechnen. In der gegenwärtigen Planung sind die Kinder nicht so abgebildet, wie es eigentlich sein müsste. Die Idee der Fallpauschale, Leistungen so abzubilden, wie sie auch erbracht werden, ist prinzipiell richtig, nur muss dann die Besonderheit der Kindermedizin, nämlich der sehr viel höhere Aufwand, berücksichtigt werden. Bei einem 20-Jährigen, der an einer Lungenentzündung leidet und im Krankenhaus behandelt werden muss, liegt der Fall völlig anders als bei einem Kleinkind mit derselben Krankheit. Der 20-Jährige wird sich wahrscheinlich selber waschen können und auch das Essen dürfte kein Problem sein. Ein kleines Kind hingegen muss gewickelt, gefüttert und manchmal auch getröstet werden.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben im letzten Jahr einschneidende Rationalisierungsmaßnahmen durchgeführt, um den Kostendruck zu mindern. Wie ist die langfristige Perspektive des AKK?
Süßenguth: Dass das Altonaer Kinderkrankenhaus erhalten bleibt, ist sicher. Sowohl die zuständige Behörde (Hamburger Behörde für Gesundheit und Umwelt) als auch die Krankenkassen haben sich explizit dahingehend geäußert, dass das Altonaer Kinderkrankenhaus im Hamburger Westen einen unverzichtbaren Bestandteil der medizinischen Versorgung darstellt. Als größte Kinderklinik in Norddeutschland haben wir über 10.000 stationäre und 12.000 ambulante Patienten pro Jahr. Diese Versorgung kann von keinem anderen Krankenhaus übernommen werden.
SPIEGEL ONLINE: Um die finanzielle Misere zu lindern, wurde die Spendenaktion "Wir helfen Kindern" gestartet. Wie ist die Resonanz?
Süßenguth: Wir versuchen, mit einer von der Werbeagentur Weiss & Kohnen kostenlos für uns entworfenen Kampagne die Menschen auf unsere Probleme hinzuweisen. Mit Plakaten und Anzeigen in Zeitschriften, einem Radiospot in diversen Hamburger Rundfunksendern und Foldern, die in Apotheken und Kinderarztpraxen ausgelegt bzw. vom Otto-Supermarkt mit verteilt werden, die Menschen auf unsere desolate finanzielle Situation aufmerksam zu machen. Insgesamt lief unsere Aktion recht vielversprechend an. In den ersten drei Wochen des Projekts sind bereits über 25.000 Euro zusammen gekommen. Außerdem konnten wir einige neue Förderkreismitglieder gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie in den Spenden auch eine langfristige Finanzierungsmöglichkeit?
Süßenguth: Unser Ziel ist es, Kindern den Krankenhausaufenthalt so angenehm wie möglich zu machen und sie optimal zu behandeln. Dieser Anspruch ist in der heutigen Zeit, in der die Ausgaben im Gesundheitswesen drastisch heruntergefahren werden, einfach nicht anders als durch die Hilfe von Bürgern zu realisieren. Das ist jetzt so und das wird nach meinem Dafürhalten auch in Zukunft so sein.
SPIEGEL ONLINE: Heißt das, dass man sich von dem Gedanken verabschieden muss, dass die Krankenkassen bzw. der Staat die gesundheitliche Versorgung sicherstellen?
Süßenguth: Das ist vielleicht etwas überspitzt gesagt. Ich denke schon, dass in absehbarer Zeit eine Versorgung mit dem medizinisch Notwendigen gesichert ist. Auch in Zukunft wird ein Kind, wenn es beispielsweise eine Infektion hat, die Antibiotika bekommen, die es braucht. Dass es dem behandelnden Arzt allerdings noch - ohne eine andere Finanzierung - möglich sein wird, sich ausreichend Zeit zu nehmen, um auf das Kind einzugehen, ihm zu erklären, warum ihm Blut abgenommen wird, oder es zu beruhigen, wenn seine Mutter nicht dabei ist, das bezweifle ich.
SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat die angespannte Finanzlage auf die Motivation des Krankenhauspersonals?
Süßenguth: Das Hauptproblem, mit dem Ärzte und Pflegepersonal im Moment nicht nur bei uns zu kämpfen haben, ist eine stark zunehmende Arbeitsverdichtung. Bei der steigenden Belastung sagen sich dann Einige irgendwann: Ok, ich kann einfach nicht mehr, und ziehen sich in eine Art innere Emigration zurück. Derart resignierte Mitarbeiter machen dann nur noch "Dienst nach Vorschrift", was aber eigentlich nicht das ist, was man im Sinn hat, wenn man sich diesen Beruf wählt und mit Kindern arbeiten möchte. Die andere Möglichkeit ist, dass man für sich entscheidet: Es ist mir völlig egal, was das Arbeitszeitgesetz und die ganzen anderen diesbezüglichen Regelungen vorschreiben - ich möchte meine Arbeit so machen, dass ich abends zufrieden nach Hause gehen kann. Gerade in der heutigen Zeit wird es dann aber abends oft ausgesprochen spät.
SPIEGEL ONLINE: Der Idealismus ist also noch nicht verloren gegangen?
Süßenguth: Ich denke, dass ist von Krankenhaus zu Krankenhaus und von Mitarbeiter zu Mitarbeiter unterschiedlich. Im AKK ist es zum Glück so, dass sich die meisten Mitarbeitern sagen, dass ein gewisser Idealismus zum Arztberuf gehört und einen letztlich auch zufrieden macht. Allerdings kommt es manchmal schon vor, dass man merkt, dass man an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit stößt, und sich abends fragt: Muss das wirklich so sein? Allerdings ist es für uns vielleicht ein bisschen leichter als für Ärzte, die mit Erwachsenen arbeiten. Schließlich können Kinder nicht auf die gleiche Weise wie Erwachsene ihre Bedürfnisse artikulieren oder sich gegen eine unzureichende Behandlung wehren. Viele unserer Mitarbeiter sind auch einfach nicht bereit, die Kinder unter der gegenwärtigen Misere im Gesundheitsweisen leiden zu lassen. Sie tun weiterhin das, was sie für richtig und für notwendig halten.
SPIEGEL ONLINE: Geht der Trend von der individuellen zur Standardbehandlung?
Süßenguth: Leider ja. Auf diese Weise wird versucht, Zeit und Ressourcen zu sparen. Für die Individualität, die wir für so wichtig halten, bleibt da natürlich immer weniger Platz.
SPIEGEL ONLINE: Sind für die Patienten schon Einschränkungen bei der Behandlung spürbar?
Süßenguth: Besonders in den personalintensiven Bereichen, zu denen die Kinderkliniken mit Sicherheit gehören, wird versucht, durch eine Optimierung der Arbeitsabläufe dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck entgegenzuwirken. Sobald es allerdings Ausnahmesituationen gibt, stoßen diese Bemühungen an ihre Grenzen. Es gibt natürlich eine Durchschnittszeit, die man für die Behandlung eines "normalen" Kindes braucht. Aber es gibt auch immer Kinder, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, sei es aufgrund von Vorerlebnissen oder beispielsweise einer schwierigen Eltern-Kind-Beziehung. Mittlerweile kann man immer weniger auf solche besonderen Umstände eingehen, außer man ist bereit, regelmäßig Überstunden zu machen.