Der kalte Krieg der Witwe: Nachbarschaftsstreit am Checkpoint Charlie - DER SPIEGEL
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Der kalte Krieg der Witwe Nachbarschaftsstreit am Checkpoint Charlie

Auch die Hauptstadt Berlin hat ihre Provinzposse. Seit Wochen tobt ein Streit am weltberühmten Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Grenzübergang an der Friedrichstraße. Ausgerechnet an jenem Ort, an dem im Oktober 1961 der kalte Krieg gefährlich heiß wurde, als sich sowjetische und amerikanische Panzer 16 Stunden lang gegenüber standen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diesmal geht es nicht um Weltherrschaft oder den Kampf zweier Systeme. Die aktuelle Krise wurde herauf beschworen, weil sich Schauspielstudenten als alliierte Soldaten verkleiden, um sich gegen Geld mit Touristen fotografieren zu lassen. Im benachbarten Mauer-Museum, dem "Haus am Checkpoint Charlie", sieht man darin eine schwere Verletzung der Würde dieses geschichtsträchtigen Ortes. Besonders die Witwe des Museumsgründers beteiligt sich trickreich am Schlagabtausch.

Aus Protest ließ sie das alliierte Kontrollhäuschen vor ihrer Tür mit blauer Plastikplane verhüllen. Mittlerweile ist der Streit zum offenen Straßenkampf eskaliert. Wo einst Panzerketten rasselten, zielen jetzt verbale Angriffe unter die Gürtellinie, vor Augen und Ohren von verstörten Touristen aus aller Welt.

Der Frontverlauf ist weitaus undurchsichtiger als einst im Kalten Krieg: Entlassene Mitarbeiter des Museums, ehemalige Stasi-Spitzel, konkurrierende Andenkenverkäufer, fliegende Händler und Mantra-singende Friedensstifter versuchen, das Pulverfass im Zentrum Berlins für ihre Interessen zu nutzen.

SPIEGEL-TV-Autor Tillmann Scholl hat sich in das Grenzgebiet der Berliner Intrigen gewagt und festgestellt: Geschichte wiederholt sich doch - diesmal als Farce.