Störfaktor Kassenpatient Hausärzte in Not, Teil 2
Der 55-Jährige kümmert sich rührend um seine Patienten und macht sogar noch Hausbesuche, die allerdings zu Fuß. Denn ein Auto kann der Arzt sich nicht leisten: Er verdient 1500 Euro im Monat und lebt in einer Wohngemeinschaft. Mehr wirft die Kiez-Praxis einfach nicht ab.
Auch Dr. Christiane Zebidi, Jahrgang 1955, verdient nicht genug mit ihrer Arbeit als Hausärztin in Hamburg-Harburg. Es ist paradox: In der Praxis stehen die Patienten Schlange, warten geduldig, aber durch das komplizierte Abrechnungssystem wird die eigentliche Leistung nicht mehr honoriert. Es gibt Kopfpauschalen pro Patient: Für einen jungen Mann, der eine Krankschreibung braucht, bekommt die Ärztin genauso viel wie für einen 70-Jährigen mit komplizierten Erkrankungen, der jede Woche erscheint: 40 Euro im Quartal. Auch die Hausbesuche werden kaum honoriert: 13,50 Euro bekommt die Ärztin im Durchschnitt pro Patient.
Dr. Christiane Zebidi liebt ihre Arbeit, aber ihre Praxis steht kurz vor der Pleite. Im Moment fährt sie zweimal im Monat Notdienst. So kann sie zumindest die Gehälter ihrer Arzthelferinnen pünktlich zahlen.
SPIEGEL-TV- Autorin Christina Pohl hat den Alltag der Hausärztin mit der Kamera begleitet, von morgens um viertel vor sieben bis nachts ein Uhr. 22-Stunden Arbeitstage muss Dr. Zebidi häufig absolvieren. Auch Ralf Siemen kann sich vor Arbeit in seiner Kiezpraxis kaum retten, doch es mangelt an Privatpatienten, bei denen er die Leistungen noch ordentlich abrechnen kann. Beide Ärzte lieben die Nähe zum Menschen, aber wie lange sie noch durchhalten, vermag niemand zu sagen. Die neuerliche Gesundheitsreform wird daran auch nichts ändern, im Gegenteil.