Beobachtungen im Sozialamt Berlin-Neukölln "Wir leben von der Stütze"
Täglich warten sie auf ihr Geld aus dem Rathaus Neukölln. Viele versuchen, ihr Einkommen aufzubessern, arbeiten schwarz oder beantragen Sonderleistungen - in jedem Fall hat man sich längst auf ein Leben von der Stütze eingerichtet. Es gibt kaum eine Etage in den Mietshäusern des Stadtteils, auf der nicht mindestens ein Sozialhilfeempfänger auf Staatskosten lebt. Die Bürokratie ist völlig überfordert: 130 Sachbearbeiter betreuen 40.000 Bedürftige und verwalten einen Jahresetat von knapp 500 Millionen Mark - mehr als das Doppelte des Bildungsbudgets.
Die angespannte Lage mit ermüdenden Wartezeiten auf den endlosen Gängen des Amtes führt immer wieder zu tätlichen Übergriffen. Die Aussenseiter der Konsumgesellschaft versuchen mit Körper-, manchmal mit Waffengewalt, ihr vermeintliches Recht durchzusetzen. Wachschutz, Videoüberwachung oder Polizeipräsenz sollen künftig die Mitarbeiter sichern.
Dabei fehlt jetzt schon jegliches Personal, um die Ausgaben zu kontrollieren. Fünf Angestellte des Prüfdienstes versuchen stichprobenartig einzelne Hilfeempfänger zu kontrollieren, doch das Ergebnis ist meist ernüchternd: Selbst Betrüger können kaum zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie nichts besitzen. So wurden im vergangenen Jahr gerade aml zwölf Strafanzeigen wegen Sozialhilfebetruges gestellt. Und auch hier gilt: Das Geld ist längst ausgegeben.