Interview: Väterlicher Freund und Freier - ein eindeutig zweideutiges Geschäft - DER SPIEGEL
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Interview Väterlicher Freund und Freier - ein eindeutig zweideutiges Geschäft

Der Hamburger Verein "Basis-Projekt" hat sich in dem von Drogenhandel und Milieukriminalität geprägten Stadtteil St. Georg einen Namen gemacht: Die gemeinnützige Einrichtung ist Anlaufstelle für männlichen Prostituierte, die Beratungsmöglichkeiten, Lebenshilfe oder einfach nur ein Dach über dem Kopf suchen. Der Sozialpädagoge Rainer Ulfers, 41, ist seit sieben Jahren für das "Basis-Projekt" am St. Georger Kirchhof tätig. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm über Bahnhofskarrieren, "Sozialfreier" und Männer in Spielzeugabteilungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Was war das auslösende Moment für die Gründung Ihres Vereins?

Ulfers: Männliche Prostitution hat es in der Nähe großer Bahnhöfe schon immer gegeben. Im Unterschied zu heute vollzog sie sich unauffälliger und die Jungs wurden bei Entdeckung sofort in Fürsorgeheime gesteckt. Das Aufkommen von Aids in den Achtzigern hat die Gesundheitsämter auf den Plan gerufen und ein verstärktes Interesse an gesellschaftlichen Randgruppen nach sich gezogen. Unser Hauptauftrag seitens der Behörde ist immer noch die HIV-Prävention. Am Anfang wollte keiner von Aids hören und jetzt gehört das Verteilen von Präservativen und Gleitgel in den Kneipen und Bars zum Standard-Service unseres Vereins. Viele Wirte sprechen uns an, fragen nach Schlafplätzen oder Beratungsangeboten für ihre Gäste oder weisen auf bestimmte Problemfälle hin.

SPIEGEL ONLINE: Ein Projektleiter und vier Sozialpädagogen kümmern sich um mehr als 20 Besucher jeden Tag - wer finanziert Ihr zeit- und kraftaufwendiges Projekt?

Ulfers: Die Anlaufstelle für männliche Prostituierte aller Altersstufen ist aus einer ehrenamtlichen Schwulen- und Lesbenberatung hervorgegangen. Finanziert wird unser Projekt von der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie durch Spenden aus der St. Georger Szene, Initiativen wie "Big Spender" (fördert Aids-Hilfsprojekte, Anm. d. Red.) oder dem Spendenparlament. Von der "Hamburger Tafel" werden wir mit Essen versorgt. Neu ist unser Förderverein, der spendenwilligen Helfern die Möglichkeit bietet, für zehn Mark im Monat eine symbolische Patenschaft zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt sind die Jungen, die zu Ihnen kommen?

Ulfers: Das Einstiegsalter für die Prostitution liegt bei ungefähr 13, 14 Jahren. Bis in die Dreißiger ist bei uns jede Altersgruppe vertreten. Der Bahnhofskarriere voraus gehen meist eine Heimkarriere oder zerrüttete Familienverhältnisse, Probleme mit dem Schwulsein oder frühe Kontakte mit Drogen. Viele gehen auf den Strich, damit sie nicht kriminell werden müssen. Der Ausländeranteil unter den Strichern liegt bei fast 40 Prozent, es gibt viele Polen und Tschechen sowie einige Rumänen. Nach der Wende kamen vermehrt Jungs aus den neuen Bundesländer, meist mit ähnlichem sozialen Hintergrund wie ihre westdeutschen Kollegen und in akuter Geldnot.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Päderastenszene auf St. Georg?

Ulfers: Ich glaube nicht, dass Päderasten Interesse daran haben, sich in der Öffentlichkeit herumzutreiben. Diese Szene bewegt sich in sehr verdeckten Zonen. Wir haben solche Leute schon einmal in Kaufhäusern beobachtet, wo sie in den Spielzeugabteilungen die Jungen angesprochen haben. Gerade sehr junge Obdachlose, Ausreißer und Trebegänger kommen schnell mit diesen Männern in Kontakt. Viele bekommen ein eigenes Zimmer mit Computer zur Verfügung gestellt und den Haustürschlüssel in die Hand gedrückt. Wenn sie zu alt sind, werden sie abgelöst und müssen sich anderweitig Geld besorgen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie angesichts der aktuellen Diskussion um die Veröffentlichung von Namen und Adressen von Kinderschändern in britischen und luxemburgischen Medien eine Verunsicherung unter den Freiern feststellen?

Ulfers: Nein, da ist mir nichts bekannt. Ich glaube auch nicht unbedingt, dass das in Deutschland passieren könnte. Man muss auch unterscheiden: Auf der einen Seite haben wir den meist innerfamiliären sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, auf der anderen Seite unsere Jungs, die im Gegensatz dazu eine gewisse Freiwilligkeit mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet das Leben männlicher Prostituierter von dem ihrer Kolleginnen?

Ulfers: Männliche Prostituierte unterliegen zunächst einer doppelten Stigmatisierung - sie sind sowohl schwul als auch Stricher, gehören also gleich zwei gesellschaftlichen Randgruppen an. Es gibt auch bei uns die klassischen Drogenstricher, die der Beschaffungsprostitution nachgehen und sich selbst als heterosexuell definieren. Die Verwirrung und die Schuldgefühle sind hier bisweilen groß, wenn der Junge plötzlich doch so etwas wie Spaß am gleichgeschlechtlichen Sex hat und seine Position nicht mehr klar abstecken kann. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es in der männlichen Prostitution so gut wie keine Zuhälterei gibt. Zwar wird gelegentlich gerangelt und nachdrücklich auf die Einhaltung bestimmter Preisniveaus bei Neuankömmlingen gedrängt. Es überwiegt jedoch eine weitgehende Solidarität zwischen Schwulen, Heteros und latent Schwulen, zwischen Drogenabhängigen und Nicht-Abhängigen.

SPIEGEL ONLINE: Verhalten sich schwule Freier anders als heterosexuelle?

Ulfers: Der Aspekt des Benutzens scheint bei den Heteros ausgeprägter zu sein. Da herrscht das klassische Rollenverhalten: Der Freier fährt mit dem Auto vor, zahlt für eine Leistung, bekommt sie und fährt wieder weg. In der schwulen Szene geht es ein wenig familiärer zu: Man verbringt viel Zeit in den einschlägigen Kneipen und pflegt dort seine Kontakte. Es gibt die so genannten Sozialfreier, die häufig eine ähnliche Geschichte wie die Stricher vorweisen und ihre Schuldgefühle angesichts des eigenen Freierverhaltens mit einem Helferkomplex kompensieren. Das ist eine sehr ambivalente Situation. Auf der einen Seite tun sie etwas für die Jungs, auf der anderen erwarten sie natürlich auch etwas dafür. Auch diese Männer gehören zu unserer Klientel und wenden sich häufig an uns, wenn die Situation eskaliert und sie keinen Ausweg mehr wissen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie für die Stricher tun?

Ulfers: Wir sind eine niedrigschwellige Einrichtung, die von Akzeptanz und Respekt lebt und keine Bedingungen an die Nutzung unseres Angebots stellt, außer der Befolgung der Hausordnung. Die junge Männer, die in unsere Beratungsstelle kommen, können hier ein wenig Abstand von der Szene finden, spielen oder lernen, gemeinsam kochen, Wäsche waschen, duschen oder sich beraten lassen. Wir begleiten sie bei Behördengängen oder Arztbesuchen und unterstützen sie bei der Wohnungssuche, dem Beantragen von Sozialhilfe oder der Vermittlung von Aus- und Weiterbildungsplätzen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Alternativen können Sie ihren Klienten bieten?

Ulfers: Stricher lernen sehr früh, dass Anerkennung und Zuneigung etwas mit Geld zu tun hat. Viele Stricher kaufen sich später selbst Jungen, weil sie es nicht anders gelernt haben. Ich versuche ihnen ein Beispiel für einen verlässlichen Erwachsenen zu geben, den sie nie kennen gelernt haben. Dass der auch Regeln aufstellt, die es zu befolgen gilt, ist für viele schwer zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Jungs älter werden und an Attraktivität verlieren?

Ulfers: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Viele fristen ein Sozialhilfedasein, andere versuchen eine Ausbildung zu beginnen oder einen Schulabschluss nachzuholen. Es gibt durchaus Leute, die mit 35 immer noch in der Szene herumhängen, obwohl sie dort wahrscheinlich kein Geld mehr verdienen. Es ist häufig das einzige Zuhause, das sie haben, und nicht alle Erinnerungen daran sind unerträglich.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Stricher, die den Absprung schaffen?

Ulfers: Wenn Drogen im Spiel sind, ist die Rückfallquote relativ hoch. Der Mehrfachdrogenkonsum von Kokain, Ecstasy und Designerdrogen hat zugenommen. Es gibt kaum einen Stricher, der nicht in irgendeiner Form Drogen, einschließlich Alkohol, konsumiert. Vor ungefähr vier, fünf Jahren tauchten die ersten Crack-Raucher auf. Das ist eine Gruppe von Schwerstabhängigen, die durch ihre Nicht-Ansprechbarkeit und ein hohes Aggressionspotenzial von uns fast nicht mehr zu erreichen ist. Abgesehen davon gibt es aber Jungs, die, obwohl sie noch in der Szene sind, wenigstens ihre Wohnung halten und sich um Arbeit bemühen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr leiden Sie nach sieben Jahren täglichen Umgangs mit Prostituierten und Drogenabhängigen noch unter den persönlichen Tragödien ihrer Schützlinge?

Ulfers: Man sollte meinen, dass nach einer gewissen Zeit die Gewöhnung an furchtbare Geschichten einsetzt. Ich habe aber den Eindruck, dass meine Betroffenheit eher zunimmt. Es gibt praktische und psychologische Probleme, auf die man aus Kenntnis der Sachlage sehr professionell reagieren kann. Manchmal jedoch häufen sich die unglaublichsten menschlichen Dramen, und da ist man gut beraten, wenn man im Team arbeiten und sich austauschen kann. Der Begriff persönlicher Erfolg unterliegt in diesem Beruf ausschließlich der eigenen Definition.

Das Interview führte Annette Langer