Interview mit Mir-Kosmonaut Awdejew: Sinfonie der Eiskristalle - DER SPIEGEL
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Interview mit Mir-Kosmonaut Awdejew Sinfonie der Eiskristalle

Sergej Awdejew war der unumstrittene Dauergast auf der russischen Raumstation "Mir". Als Kosmonaut, Konstrukteur und Ingenieur verbrachte er rund 747 Tage im Weltall. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Weltraumtouristen, fliegende Frauen und internationale Völkerverständigung im All.
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SPIEGEL ONLINE

: Mit dem kontrollierten Absturz der Orbitalstation Mir hat Russland nicht nur ein defektgeplagtes Prestigeobjekt, sondern auch seine ehemals führende Position im Bereich der Weltraumstationen verloren.

Awdejew: Die Arbeit im Kosmos erfordert große finanzielle Investitionen. Unabhängig von den Forschungsaktivitäten der anderen Länder hat sich erwiesen, dass wir nicht alles gleichzeitig machen können: Es war uns nicht möglich, sowohl Weltraumstationen zu bauen, als auch Space Shuttles zu konstruieren und unsere Expeditionen weiterzuführen – das Geld reichte nicht. So mussten wir 1993 das Buran-Shuttle-Programm einstellen – das größte und teuerste je in Russland gebaute Raumschiff wurde in Baikonur geparkt.

SPIEGEL ONLINE: Jahrzehntelang haben sich USA und die damalige Sowjetunion eine kostspielige Material- und Menschenschlacht im Kampf um die Dominanz im All geliefert. Was hat sich verändert durch die intensive internationale Zusammenarbeit des letzten Jahrzehnts?

Awdejew: Wir befinden uns jetzt auf einer Etappe, in der sich verschiedene Länder zusammentun, um mit vereinten Kräften sehr große Projekte zu realisieren. Das ist weder gut noch schlecht, sondern eine Realität. Diese Realität birgt auch einige Schwierigkeiten. Abgesehen von den höheren Kosten und der größeren Anzahl von Spezialisten, die an einem Projekt beteiligt sind, gibt es bisweilen Probleme bei der Organisation von Arbeitsprozessen, bei der Projektierung ebenso wie bei der Inbetriebnahme kosmischer Objekte.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den Flug des amerikanischen Weltraumtouristen Dennis Tito und die Reaktion Ihrer amerikanischen Kollegen darauf?

Awdejew: Das ist eine der Erscheinungsformen eben jener Schwierigkeiten, die ein internationales Projekt mit sich bringen kann.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es verwerflich, wenn jemand sehr viel Geld dafür zahlt, um möglichst schnell ins All zu gelangen?

Awdejew: Ich halte es für bemerkenswert, dass Menschen, die professionell nicht an ein Weltraumprojekt gebunden sind, überhaupt in den Kosmos fliegen. Ganz abgesehen von den individuellen Absprachen im Vorfeld finde ich diese Möglichkeit großartig. Man kann die bereits wartenden Nachahmer nur auffordern, ihre Reise bald anzutreten.

SPIEGEL ONLINE: ...und dabei zum potenziellen Sicherheitsrisiko für die Profis zu werden.

Awdejew: Auch Taxiinsassen können Schlimmes anrichten. Ich glaube, dass jeder Passagier eine gewisse Verantwortung trägt, egal ob er im Auto, auf dem Schiff oder an Bord eines Flugzeuges unterwegs ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Voraussetzungen sollte ein Weltraumtourist mitbringen?

Awdejew: Eine medizinische Kommission prüft den Gesundheitszustand der Passagiere sehr genau. Nur wenn ganz klar ist, dass ein Anwärter sowohl Abflug, Aufenthalt als auch die Rückkehr unbeschadet überstehen kann, wird er zur Expedition zugelassen. Ein gutes Technik- und Physikverständnis ist ebenso wichtig wie das Wissen um die Konstruktion der Raumstation. Der Tourist muss den Aufbau des Objektes, auf dem er eine Woche lang leben wird, genau kennen. Er sollte alle für die Lebenserhaltung wichtigen Abläufe beherrschen – sein Essen selbst zubereiten, die sanitären Anlagen bedienen können.

SPIEGEL ONLINE: Werden die zukünftigen Titos länger als eine Woche im Weltraum wandeln?

Awdejew: Das bezweifle ich. Ein Shuttle ist in der Regel nicht länger als zwei Wochen unterwegs. Bei Forschungsflügen wiederum kann sich die Dauer des Aufenthalts auf unbestimmte Zeit verlängern, wenn noch wissenschaftliche Ergebnisse ausstehen. Das ist nichts für Touristen.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Russen denn besser als die Amerikaner?

Awdejew: Als wir anfingen, internationale Mannschaften aufzustellen, konnte man schon sehr bald überhaupt nicht mehr sagen, wer die Technik besser beherrscht – Know-how und technisches Wissen werden im gemeinsamen Prozess ausgetauscht und sind inzwischen unabhängig von der Staatszugehörigkeit. Innerhalb der Projekte diskutieren wir alle Fragen im Team und treffen Entscheidungen gemeinsam. Natürlich gibt es immer noch verschiedene Aufgabenbereiche an Bord. Es wurde aber bereits beschlossen, die einzelnen Funktionen in Zukunft abwechselnd zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, das legendäre russische Improvisationstalent in Notsituationen unterscheidet Sie nicht von den amerikanischen Kollegen?

Awdejew: Nun, auf der Mir hatten wir eine Menge Schwierigkeiten. Weil es davon auf jedem Flug genug gab, haben wir uns schnell daran gewöhnt. Selbstverständlich wird das Verhalten in diesen so genannten nicht statischen Situationen bereits auf der Erde intensiv trainiert. Wir simulieren Notfälle wie den Ausfall eines Raketentriebwerks oder einer Antenne, woraufhin der Pilot die Ursache herausfinden und alle Ersatzsysteme aktivieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Werden heute alle Unfälle und Probleme öffentlich oder versuchen die Verantwortlichen noch immer, Fehlschläge und Pannen zu verheimlichen?

Awdejew: Nein, das wird publik gemacht. Im Falle eines Unfalls liegen die Schwierigkeiten bei den Gemeinschaftsunternehmungen allerdings weniger bei der Mannschaft als in der Koordination auf der Erde – die Kollegen in den Schaltzentralen müssen sich absprechen und möglichst schnell zu einer gemeinsamen Entscheidung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was war der schlimmste Unfall, den Sie persönlich miterlebt haben?

Awdejew: Es gab einmal eine undichte Stelle in der Wärmehülle unserer Station. Auch sind die Bordcomputer mehrmals ausgefallen. Die Ausflüge in den offenen Kosmos verliefen – was den reinen Arbeitsablauf anging – eher problemlos.

SPIEGEL ONLINE: Die erste Frau im Weltall, Valentina Tereschkowa, war linientreue Kommunistin und eine folgsame Arbeiterkosmonautin. Leider durfte sie, wie viele ihrer Nachfolgerinnen kein zweites Mal den Flug in unendliche Weiten antreten. Haben Frauen jenseits von Politpropaganda nichts mehr im Weltall zu suchen?

Awdejew: Der weibliche Organismus unterscheidet sich vom dem der Männer. Solange es die Technik nicht erlaubt, den Aufenthalt im Kosmos etwas komfortabler zu gestalten, sind Frauen auf der Erde wahrscheinlich besser aufgehoben.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Ihre größten Herausforderungen für die Zukunft?

Awdejew: Namhafte Kollegen sind bereits mit der Entwicklung halbautomatischer Module beschäftigt. Das ist ein sehr spannender Forschungsbereich. Das Züchten von Kristallen und das Anlegen von Zellkulturen für Medikamente sind Schwerpunkte, mit denen wir uns bereits beschäftigen und die mich auch in Zukunft noch interessieren werden.

SPIEGEL ONLINE: Welches Bild hat sich Ihnen am stärksten eingeprägt?

Awdejew: Jedes Hinausgehen in den Weltraum birgt eine vollkommen neue Erfahrung. Auf meinen Flügen war ich zehnmal im offenen Kosmos und erinnere mich sehr genau an jedes einzelne Mal. Einmal – wir hatten gerade die Ausgangsluke geöffnet – flogen einige Wassertropfen aus dem Innern der Station als Kristalle ins All hinaus – da fehlte nur noch die Schneesturm-Sinfonie von Swiridow.

SPIEGEL ONLINE: Verändert die Weltraumerfahrung das Leben eines Menschen?

Awdejew: Der Blick auf das Leben von oben ist eine Bereicherung. Das Gefühl, aus einer so großen Entfernung auf die Erde zurückzuschauen ist wirklich ungewöhnlich. Und dieses Gefühl bleibt auch nachdem man zurückgekehrt ist.

Das Interview führte Annette Langer